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Editorial 4/2010

Die Zukunft der Gummibärchen

Foto: Marcus Gloger

Es sind zwar schon ein paar Wochen vergangen seit der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika, aber ­gestatten Sie mir einen Rückblick. An welche Stars erinnern Sie sich? Keine? Genau das ist die Botschaft, die man von der schönsten Nebensache der Welt in die reale Welt mitnehmen kann. Der Star ist die Mannschaft. Das beste Kollektiv, die Spanier, spielte jeden Gegner mürbe, am Ende auch die Niederländer und die Deutschen. Keiner ragte wirklich heraus, alle waren in Bewegung und am Ende waren Iniesta, Xavi, Fàbregas, Villa & Co. unschlagbar.

Auch die deutsche Mannschaft überzeugte als Team. Der Streit, der am Ende zwischen dem verletzten Michael Ballack und Philipp Lahm um die Kapitänsbinde anhob, wirkte dagegen anachronistisch. Es geht nicht mehr um das Schrei­en, Fluchen und Brusttrommeln sogenannter Führungsspieler, sondern um die Motivation und kreative Entfaltung aller elf Spieler. Aus der Vielfalt der Einzeltalente entstehen die überraschenden Momente, die zum Erfolg führen.

Jetzt schlage ich zugegebenermaßen einen weiten Pass: Ähnlich anachronistisch wie Führungsspieler sind Leitindustrien. Die Fokussierung der Politik auf die Großunternehmen im Land vernebelt den Blick auf die sich entwickelnden Zukunftsindustrien. Nicht umsonst hegt und pflegt die deutsche Autoindustrie den Mythos, dass jeder siebte Arbeits­platz von ihr abhinge. Das signalisiert Größe – und katastrophale Folgen für das Land, sollte diese Jobmaschine ins Stottern geraten. Die Angst davor lässt Politiker in Stadt, Land und Bund am ­automobilen Paradigma festhalten.

Im Mai schaltete BMW vereinzelt Anzeigen, in denen der Vorstandsvorsitzende Norbert Reithofer mit den Worten zitiert wurde: „Ich glaube an die Zukunft der individuellen Mobilität.“ Das ist ungefähr so, als inserierte Haribo: „Ich glaube an die Zukunft der Gummibärchen.“

Hier blitzte kurz die Angst auf, die unsere Leitindustrie derzeit umtreibt. Die Angst, es könnte nicht mehr so weitergehen mit den Premium-Autos „made in Germany“. Die Angst, dass Autos in der künftigen Welt nicht mehr so wichtig sind wie im vergangenen Jahrhundert. Die Angst, Ölkatastrophen, Jahrhunderthochwasser und Hitzewellen könnten Verbraucher und Politiker doch so ins Nachdenken bringen, dass sie Status künftig anders zeigen als mit Alufelgen und Allradantrieb.

Die Angst der deutschen Autoindustrie mit ihrem Premium-Größenwahn ist berechtigt. Die Angst der Politik, andere Wege in der Mobilität zu beschreiten, ist es nicht. Die Verlagerung öffentlicher Unterstützung hin zum öffentlichen Ver­kehr sichert Arbeitsplätze in der Region. Der Umbau öffentlicher Plätze für Fußgänger und das Knüpfen von Wegenetzen für Radfahrer sind Konjunkturprogramme für die örtliche Bauindustrie. Und die Verleihsysteme für elektrisch betriebene Stadtautos, Roller und Fahrräder schaffen Tausende neuer Arbeitsplätze – alle in Deutschland. Die Un­­ternehmen werden kleiner, die Mobilität wird bunter.

Habt Mut, ihr Politiker in Stadt, Land und Bund. Deutschland ist genauso wenig von der Autoindustrie abhängig wie die deutsche Nationalmannschaft von Michael Ballack.

Michael Adler

fairkehr 3/2019