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Service 3/2010

Auf die Roller, fertig, los

Die VCD-Initiative RADschlag und die Kindertagesstätte Wolke 7 in Bonn feiern ein Bewegungsfest.

Fotos: Valeska ZeppWenn die Mutter mitfährt, kann der Weg nicht holprig genug sein.

Die Zeitung zerreißt und: tadaa – die fünfjährige Hannah hat den Rollerparcours gemeistert. Sie ist durch bunte Tücher gefahren, über eine Wippe gerollt, hat Klötze aufgeladen, ist Slalom gefahren, hat sich unter einem Wasserstrahl durch die Pfütze gewagt und ist dabei ein bisschen nass gespritzt worden. Zuletzt ist sie durch die von zwei Helfern gespannte Zeitung gesaust – wie im Zirkus.

Hannahs Resümee: kinderleicht – außer vielleicht die Station, an der Holzklötze auf den Roller geladen und über einen holprigen Weg transportiert werden sollen. Erzieherin Kim Friedrich achtet darauf, dass nicht alle gleichzeitig über die Holperpiste fahren. Sie greift aber nicht ein. Die Kinder planen eigenständig und treffen selbst Entscheidungen. Wie viele Klötze nehme ich mit? Wo lege ich sie hin? Wie muss ich fahren, damit sie nicht herunterfallen? Ein Mädchen legt sich einen Klotz einfach unter den Standfuß und rollt ihn sicher übers Pflaster. Ein Junge nimmt einen in die Hand und legt einen anderen vor seinen Fuß aufs Rollerbrett. Das Lenken ist zwar so etwas mühsam, aber auch er kommt ans Ziel. „Wichtig ist, dass die Kinder Freiraum zum Ausprobieren haben“, sagt Kim Friedrich. Am Ende der Holperstrecke laden alle ihre Klötze ab und bauen daraus gleich noch einen Turm, bevor sie zur nächsten Aufgabe rollern.

Rollerfahren macht fit fürs Fahrrad

Die Sonne scheint, es ist T-Shirt-Wetter – ideal für das Familienfest in der Kindertagesstätte Wolke 7 in Bonn. Hier können heute alle Kinder verschiedene Aufgaben meistern und so an der großen Preisverlosung am Ende des Festes teilnehmen. Das Bewegungsfest feiert die Kindertagesstätte als Abschluss des Projektes „Die Rollerbande“, die Erzieherinnen und Erzieher von Wolke 7 für die Initiative RADschlag entwickelt haben. RADschlag ist ein Gemeinschaftsprojekt des VCD zusammen mit dem Automobilclub ACE und der deutschen Sporthochschule Köln. „Für Kitas gab es bisher kaum Aktionen und Projektideen rund ums Rad- und Rollerfahren – aber es ist wichtig, auch schon den Kleinen die Lust an rollender Mobilität zu vermitteln. Die Kitas sind ideale Orte, die Vorstufen des Radfahrens – Laufrad, Roller und Co. – zu üben. Aufmerksamkeit, Koordinations- und Konzentrationsfähigkeit können hier geschult und trainiert werden“, sagt VCD-Projektleiterin Michaela Mohrhardt.

In der Rollerbande lernen, spielen und bewegen sich die Kinder mit dem Roller. Sie lauschen Geschichten zum Roller, lernen seine technischen Details kennen, malen ihn und nutzen ihn als Transporter. Und sie besingen ihn, denn das Wolke-7-Team hat extra für das Projekt einen Song komponiert. Doch auch Ausflüge gehören zu dem Programm. Jede Woche unternimmt eine Rollerbande mit sechs bis acht Vorschulkindern und drei Erwachsenen einen Ausflug auf Rollern in die nähere Umgebung. Sie fahren zur Bücherei, lernen die Institution kennen und leihen Bücher aus. Oder sie rollern zum nahe gelegenen Kunstmuseum und üben auf dem großen autofreien Platz mit dem glatten Boden Schnellfahren, Stoppen und Slalomfahren. Bei den Ausflügen müssen sie manchmal gemeinsam große Straßen oder Eisenbahnschienen überqueren. So erleben sie den ganz normalen Straßenverkehr – kein Problem, denn die Gruppen- und Verkehrsregeln haben die Kinder vorab in der Kita geübt.

Den letzten Aufkleber für ihren Rollerführerschein bekommen die Kinder vom Polizisten Peter Küpper.

Balancieren stärkt das Selbstbewusstsein

Unter dem Apfelbaum hat sich eine Menschentraube gebildet. Viele Kinder warten darauf, den letzten Aufkleber für ihren Rollerführerschein vom Polizisten Peter Küpper zu bekommen. In Uniform sitzt er in einem Korbsessel, einen Tisch zwischen sich und den Kindern, stellt Fragen zur Verkehrssicherheit und gibt Ratschläge mit auf den Weg. Einige Kinder zappeln auf ihren Rollern und möchten endlich an die Reihe kommen. Andere beobachten alles mit großen Augen und lauschen den Fragen, die der Polizist stellt. Und Peter Küpper stellt nette Fragen wie: „Was machst du, wenn die Ampel grün wird?“ Oder er bittet die Kinder, ihm zu zeigen, wie Klingel und Bremse funktionieren.

Ein kleine Meinungsverschiedenheit zwischen Polizei und den Erfindern der Rollerbande entfacht sich darüber, ob Fünfjährige schon mit Rollgeräten am ­Straßenverkehr teilnehmen sollten. Schutzmann Küpper hat die Unfallstatistik im Kopf und beruft sich auf wissenschaftliche Untersuchungen, nach denen Kinder erst ab der dritten Klasse auf Rädern am Straßenverkehr teilnehmen sollten: „Vorher sind sie nicht in der Lage aus der Geschwindigkeit heraus angemessen zu reagieren“, sagt der Polizist. Grundsätzlich unterstützt Peter Küpper das Rollerfahren im Kindergartenalter – aber eben nur im geschützten Raum auf dem Hof oder im Garten. VCD-Referentin Michaela Mohrhardt, die sich sich seit vielen Jahren mit dem Thema Kinder und Mobilität beschäftigt, hält dagegen. Sie ist der Auffassung, dass Kinder – mit guter Vorbereitung, klaren Regeln und ausreichend Familienmobilität – so früh wie möglich im Straßenverkehr eigene Erfahrungen sammeln sollten, mindestens bis zum achten Lebensjahr natürlich auf dem Gehweg. „Kinder lernen so, auf sich selbst und andere achtzugeben, und erlangen Fahrpraxis. Das macht sie motorisch fit für lebenslanges Radfahren“, sagt Mohrhardt, die selbst Mutter von zwei Mädchen im Kita- und Grundschulalter ist.

Am wichtigsten ist die Bewegung im Alltag

Auf der großen Wiese der Kindertagesstätte balancieren einige Kinder über Seile, Bänke und Leitern. Die fünfjährige Aminata steht auf einem Holzklotz vor dem Balanceband, das einen guten halben Meter über dem Boden gespannt ist. Sie greift auf Zehenspitzen nach dem Seil über ihr und los geht’s. Das kleine Mädchen läuft mit einer Selbstverständlichkeit über das Band, als wäre es nur eine Linie auf dem Gras. Für Ungeübte ist das ganz schön wackelig. Aber die Kinder von Wolke 7 sind Profis. Sie klettern und balancieren jeden Tag. Auf der schräg gelegten Sprossenleiter wird Aminata kurz unsicher und steigt ab. Sie sucht ihre Mutter und mit deren Hand meistert sie auch diesen Teil des Geschicklichkeitsparcours.

Kinder brauchen gute Vorbilder: Wer mit seinen Eltern auf Rollern und Fahrrädern unterwegs ist, hat Spaß und wird motorisch fit fürs Leben.

Den Eltern zu zeigen, wie gut sich ihre Kinder bewegen und wie viel Spaß das Rollerfahren macht, ist auch ein Anliegen des Familienfestes. „In den Kindergärten und Schulen können wir zwar Projekte anstoßen, viel wichtiger ist es aber, dass sich die Kinder auch in der Freizeit und zu Hause bewegen“, sagt Michaela Mohrhardt. Für sie sind Roller- und Radfahren optimale Mittel, um vielen gesellschaftlichen Problemen entgegenzuwirken. Jedes fünfte Kind in Deutschland sei übergewichtig, 40 Prozent der Kinder könnten nicht rückwärts balancieren und fast die Hälfte erreichten bei einer Rumpfbeuge nicht ihre Füße. Viele Verkehrsschulen bescheinigten Kindern mangelhafte Körperbeherrschung und Fertigkeiten auf dem Rad. Und nicht zuletzt profitiere die Umwelt vom Radfahren. „Jeder Kilometer, der mit dem Rad statt mit dem Auto erledigt wird, schützt das Klima“, sagt die VCD-Referentin.

Aminata weiß nicht weiter. Ein Seil spannt sich knapp 20 Zentimeter über dem Boden, bunte Rollbretter liegen davor. Sie geht zur Erzieherin, fragt nach und schon kniet sie auf einem Rollbrett und zieht sich mit Hilfe des Seils voran. „Noch mal – das macht Spaß!“ ruft sie vergnügt. Erzieherin Jasmin Nathmy macht den Kindern Mut. Sie selbst hatte als Kind Schwierigkeiten mit der Koordination und das Glück, eine psychomotorische Schule besuchen zu können, die mit viel Bewegung im Lehrplan Kinder besonders fördert. Klettern und Balancieren stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein. Es bereitet alle Kinder optimal aufs Roller- und Radfahren vor. Wer sich sicher im Gelände, auf Seilen oder über Leitern bewegt, findet auch schnell die richtige Koordination auf dem Roller und später auf dem Fahrrad. Aminata winkt Jasmin von der zwei Meter hohen Klappleiter zu. Sie klettert flink auf der einen Seite hoch und auf der anderen wieder herunter – ohne Angst und ohne zu wackeln.

Valeska Zepp

fairkehr 2/2019