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Politik 3/2010

Fehlende Kettenglieder

Der Bund fördert neue Leihradsysteme in ausgewählten Regionen mit 12,7 Millionen Euro.

Fotos: Sebastian HoffPraktisch für Pendler und Touristen: An derzeit 18 Standorten verteilt stehen die City-Cruiser von nextbike in der Hannoveraner Innenstadt zum Ausleihen bereit.

Hannovers Maschsee ist eine Oase inmitten der Stadt. Wer von außerhalb anreist, gelangt ohne weiteres mit Bahn und Bus an das Nordufer des Sees. Doch um das Strandbad im Süden oder die Bootshäuser im Westen zu erreichen, fehlt das letzte Glied in der Kette des öffentlichen Verkehrs (ÖV). Weiter geht’s entweder zu Fuß, mit dem Taxi – oder mit dem Leihrad. In Hannover gibt es mehrere Fahrradverleiher: Die beiden größten sind die Deutsche-Bahn-Tochter DB Rent GmbH und die Firma nextbike. Während die Ausleihe der Bahnräder ausschließlich am Bahnhof möglich ist und die Räder auch dorthin zurückgebracht werden müssen, stehen die City-Cruiser von nextbike an derzeit 18 innenstadtnahen Stationen.

Die beiden konkurrierenden Systeme finden sich mittlerweile in vielen deutschen Städten, in einigen betreibt DB Rent mehrere Verleihstationen. Überwiegend Touristen und Berufspendler nutzen die Räder, aber auch Einwohner, deren Fahrrad gerade in Reparatur ist oder die mit Gästen eine Radtour unternehmen möchten. Besucher von Veranstaltungen leihen sich die Räder ebenso aus wie Gruppen, die damit mehrtägige Ausflüge unternehmen. Vor allem jedoch werden die Räder für Kurzstrecken genutzt.

Die beiden Systeme funktionieren ähnlich: Nutzer müssen sich zunächst online oder per Telefon registrieren lassen. Nach der Registrierung genügt ein Anruf bei einer Hotline, der eine bestimmte Nummer auf dem Fahrrad mitgeteilt werden muss. Anschließend erhalten die Nutzer den Freischalt­code für das Schloss. Sie können die Fahrt an jedem beliebigen Orten unterbrechen und das Fahrrad dort abgeschließen. Wollen sie das Leihrad zurückgeben, müssen sie es an einer der vorgegebenen Stationen abstellen und erneut die Hotline anrufen. Beim Bahnsystem „Call a Bike flex“ können die Nutzer das Rad  auch an einer größeren Kreuzung anschließen.

Ergänzung zu Bus und Bahn

Kunden von nextbike wird pro Stunde ein Euro vom Konto abgebucht. 24 Stunden kosten je nach Stadt ab fünf Euro. Wer das Rad außerhalb der Stationen abstellt, muss zusätzlich dafür zahlen, dass ein nextbike-Mitarbeiter es wieder abholt. Bei „Call a Bike“ werden im Normaltarif 4,80 Euro in der Stunde und für die Tagesnutzung neun Euro vom Konto eingezogen. Bahncard-Kunden zahlen etwas weniger. Während sich DB Rent das Angebot an einigen Standorten wie beispielsweise beim „StadtRAD Hamburg“ von den Kommunen zumindest teilweise bezahlen lässt, trägt sich das nextbike-System über Verleihgebühren und Werbung an den Fahrrädern selbst.

DB Rent verleiht bundesweit an mehr als 60 Standorten insgesamt 5.800 Räder an derzeit etwa 385.000 registrierte Nutzer. nextbike bietet 2.300 Räder an über 20 Standorten an. Bei dem Unternehmen sind etwa 60.000 Nutzer registriert.

Die Politik schätzt die Leihradsysteme nach eigener Aussage als einen „Beitrag zur umweltgerech­ten Mobilität“ und als „sinnvolle Ergänzung zu Bus und Bahn“. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) lobte im vergangenen Jahr den Wettbewerb „Innovative öffentliche Fahrradverleihsysteme“ aus: Insgesamt zehn Millionen Euro, also knapp ein Zehntel der diesjährigen Bundesmittel für den Radverkehr, stellt es bis Ende 2012 zur Verfügung. Gefördert werden sollen vor allem „innovative, vorbildhafte und wirtschaftliche Konzepte“, die eine gute Anbindung an Busse und Bahnen vorsehen.

Wenn das Schloss grün blinkt, können registrierte Kundinnen und Kunden die Call-Bikes der Deutschen Bahn per Mobiltelefon ausleihen – in mittlerweile 60 Städten.

Stuttgart setzt auf Pedelecs

Von den 44 Kommunen, die sich mit ihren Konzepten beworben hatten, erhielten neun eine Auszeichnung ohne finanzielle Förderung. Acht weitere Modellregionen werden zusätzlich mit Bundesmitteln unterstützt. Mainz, Nürnberg, Saarbrücken, Dresden, Kassel sowie der Landkreis Ostvorpommern und die Metropolregion Ruhr teilen sich die Gesamtsumme. Stuttgart profitiert von einem Sondertopf für Elektroantriebe: Für das Projekt „Call a Bike Pedelec“ stehen weitere 2,7 Millionen Euro aus dem zweiten Konjunkturpaket der Bundesregierung für Maßnahmen der Elektromobilität zur Verfügung.

Die bewilligten Bundesmittel werden unterschiedlich eingesetzt: In der Metropolregion Ruhr beispielsweise erhält der Regionalverband Ruhr (RVR) 600.000 Euro unter anderem für die Planung, Koordination und Evaluation des Projekts „MetroRad Ruhr“. Ein Etat für die Vermarktung ist nicht vorgesehen. Die Firma nextbike, die im Auftrag des RVR arbeitet, bekommt etwa 1,7 Millionen Euro vor allem dafür, dass sie bis 2012 insgesamt 3000 Leihräder bereitstellt. Die Kommunen tragen einen Eigenanteil an dem Projekt, der sich auf 20 Prozent des Etats beläuft, allerdings – wie in Dortmund – möglichst kostenneutral ausfällt. „Wir stellen Flächen im öffentlichen Straßenraum zur Verfügung und bauen die Stationen“, erläutert Winfried Sagolla vom Stadtplanungs- und Bauordnungsamt der Stadt Dortmund.

In Zeiten knapper Kassen stecken die meisten Kommunen kein Geld in Leihradsysteme, mögliche Investoren wie Energie- oder regionale Verkehrsunternehmen haben das Potential noch nicht für sich entdeckt. Daher soll sich „MetroRad Ruhr“ ­nach der Anschubfinanzierung aus den Bundesmitteln selber tragen. Für das einzige Leihradsystem, das über Stadtgrenzen hinweg genutzt werden kann, wird im kommenden Jahr ein neues Buchungssystem eingeführt: Dann können Nutzer die Räder mit einem elektronischen Dauerticket für den ÖPNV direkt an den Stationen leihen.

Ein ähnliches Modell verfolgt DB Rent in Berlin: Dort fördert der Bund das Pilotprojekt „Öffentliches Leihfahrrad“ mit rund zwei Millionen Euro, die aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplanes (NRVP) stammen. In einer Laborphase, die noch bis Sommer läuft, testen etwa 300 Kunden kostenlos die Ausleihe mit einer Kundenkarte an Terminals, die an elf zentralen Stationen stehen – mit bisher positiver Resonanz. Voraussichtlich im kommenden Herbst soll daher „das System hochgefahren werden“, wie Andreas Knie von DB Rent sagt. Dann startet das eigentliche Pilotprojekt mit über 1000 Rädern an mehr als 50 Stationen im Bezirk Mitte.

Knie, Bereichsleiter für Intermodale Angebote bei der DB Rent, sieht die Bahn als integrative Verkehrsdienstleisterin, die den Kunden eine geschlossene Mobilitätskette bieten möchte. Leihradsystemen prophezeit er ein starkes Wachstum: „In wenigen Jahren wird es keine Stadt mehr ohne geben.“ Auch nextbike will das Angebot nach und nach ausbauen – nicht nur in weiteren Städten, sondern auch innerhalb der Städte. „Unsere Philosophie ist es, in den Zentren anzufangen und uns von dort zu erweitern“, sagt Mareike Rauchaus, Marketingleiterin bei nextbike. In Düsseldorf zum Beispiel deckt nextbike bereits die gesamte Umweltzone mit 400 Leihrädern an knapp 30 Stationen ab.

Die Zahlenkombination fürs Fahrradschloss kommt per SMS auf dem Mobil­­telefon an.

Klimaneutrales Verkehrsmittel

Rauchaus ist überzeugt: „Wenn jemand in der Verwaltung sitzt, der ein Leihradsystem einführen möchte, dann geht das.“ Viele Kommunen sind für diese Idee sehr aufgeschlossen. Sie versprechen sich von der Nutzung des Nullemissionsfahrzeugs Fahrrad nicht nur weniger CO2-Ausstoß. „Da die Pedelecs künftig häufiger im Stadtbild erscheinen, erhoffen wir uns dadurch einen Werbeeffekt für das Fahrradfahren in der Stadt“, sagt Stuttgarts Bürgermeister für Städtebau und Umwelt Matthias Hahn. Winfried Sagolla glaubt gar, dass das Leihradsystem in Dortmund zum „Türöffner fürs häufigere Fahrradfahren“ werde. In Dortmund entfaltete bereits die Kampagne „Kopf an: Motor aus“ für mehr CO2-freie Mobilität positive Wirkung. Die Imagekampagne des Bundesumweltministeriums wirbt fürs Fahrradfahren und Zufußgehen auf Kurzstrecken. Die Kommunikationsagenturen fairkehr und velokonzept führten sie 2009 unter anderem in Dortmund durch.

Würden 30 Prozent der innerstädtischen Autofahrten bis zu sechs Kilometern aufs Fahrrad verlagert, ließen sich dadurch bundesweit pro Jahr rund 7,5 Millionen Tonnen CO2 einsparen, rechnete seinerzeit der damalige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee vor. Die Förderung des Radverkehrs sei deshalb „Bestandteil einer stadtverträglichen und klimagerechten Mobilitätspolitik“, betont heute eine Sprecherin des Ministeriums. Das BMVBS sperrt sich allerdings dagegen, verbindliche Ziele zu benennen.

Angaben des Bundes zufolge ist das Fahrrad in Deutschland auf dem Vormarsch: Auf dem Sattel wurden zwischen 2002 bis 2008 etwa 17 Prozent mehr Wege zurückgelegt. Das ist der höchste Zuwachs unter allen Verkehrsarten. 80 Prozent aller deutschen Haushalte besitzen Fahrräder. Leihradsysteme sollen dazu beitragen, dass künftig noch mehr Menschen ihr Auto stehen lassen.

Sebastian Hoff

Fahrrad to go

Neben vielen lokalen Fahrradverleihern gibt es in Deutschland zwei große Betreiber von Leihradsystemen: die Firma nextbike und die Bahn-Tochter DB Rent.

Das DB-System „Call a Bike“ gibt es in den Varianten „fix“ und „flex“. Es findet sich an mehr als 50 ICE-Bahnhöfen und in Berlin, Frankfurt/Main, Karlsruhe, Köln, München und Stuttgart.

Darüber hinaus betreibt DB Rent das StadtRAD Hamburg.

Nextbike hat Standorte in derzeit 23 deutschen Städten.

fairkehr 3/2019