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Editorial 2/2010

Galileos Fernrohr

Foto: Marcus Gloger

Galileo Galilei verteidigte seine wissenschaftlichen Erkenntnisse gegen die heilige Inquisition. Die Inquisitoren waren mit der geballten Autorität von Jahrtausenden Kirchengeschichte ausgestattet. Die Sonne dreht sich um die Erde, daran bestand für sie kein Zweifel. Widerspruch war Ketzertum. Das Drängen Galileis, doch die fünf Sinne zu benutzen und durch das Fernrohr den wissenschaftlichen Beweis nachzuvollziehen, wurde selbstverständlich abgelehnt. Es konnte schließlich nicht sein, was nicht sein durfte.

Wissenschaftliche Erkenntnis stand gegen manifeste Macht und lineares Denken. Nach verlustreichen Kämpfen siegte am Ende die Wissenschaft. Keiner behauptet heute mehr, die Erde stehe im Mittelpunkt des Universums, auch nicht der Papst.
Trotz Aufklärung und Säkularisierung erinnern manche Rückzugsdebatten des fossilen Industriezeitalters fatal an den Dogmatismus vergangener Jahrhunderte. Wie sonst kann ein denkender Mensch fordern, Atomkraftwerke bis 2050 laufen zu lassen? Für einen Blick in die Asse braucht man noch nicht mal ein Fernrohr. Es reicht der gesunde Menschenverstand, um die Problematik nachzuvollziehen. Woher kommt das Uran, wohin mit dem Müll? Beide Fragen bleiben unbeantwortet.

Mit 60 Jahre laufenden Kernkraftwerken sei Energie billig, wird behauptet. Wer wird denn für die hoffentlich mögliche Sanierung der Asse zur Kasse gebeten? Nicht die Produzenten des Mülls. Sie und ich, die Steuerzahler. Für wie dumm halten uns die Atomgläubigen in der Regierung? Und reden wir weiter von Geld und Macht. Eine Million Euro pro Meiler und Tag streicht das Oligopol der Energieproduzenten mit sogenannten Restlaufzeiten ein. Geld, mit dem gezielt die Leitungen der mittelständischen Erzeuger erneuerbarer Energie verstopft werden. Der Mittelstand, die zukünftige Stütze der deutschen Wirtschaft. Hier trifft die abgelutschte Floskel aus dem Rhetorik-Setzkasten endlich mal zu.

Über die Pannenanfälligkeit der alten Reaktoren und die terroristische Gefährdung durch zu dünne Betonhüllen muss man eigentlich gar nicht mehr reden. Hier soll versucht werden, den wachsenden Erfolg neuer Technik aus dezentralen Strukturen zu blockieren, indem altes Denken – in zentralistischen Machtstrukturen zementiert – linear fortgeschrieben wird.

Es geht hier nicht um ein paar Jährchen mehr „Brückentechnologie“. Eile ist geboten. Wir brauchen schnelle, klare Entscheidungen für eine ökologisch und ökonomisch tragfähige Energieproduktion, die sich demokratisch kontrollieren lässt und unseren Kindern keine radioaktiven Müllgruben mit Grundwasseranschluss hinterlässt.

Was das ganze Thema mit Mobilität zu tun hat? Anfang Mai bittet die Kanzlerin zum E-Mobilitätsgipfel nach Berlin. Der Verdacht steht schon länger im Raum, am Ende würden sich die großindustriellen Platzhirsche aus Automobil- und Energiebranche hier die Bälle zuspielen. Dabei werden auch im Zukunftsfeld Mobilität kleinere, flexiblere Unternehmen dringend gebraucht.

Sicher ist, dass das aufgeklärte Bürgertum bei der allzu simplen Gleichung E-Mobilität + Atomkraft = Klimaschutz nicht mitmachen wird. Hier sind wir, „Gott sei Dank“, weiter als zu Galileos Zeiten.

Michael Adler

fairkehr 4/2019