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Ein Pfad führt über eine grüne Alm
Ein Junge gießt Pflanzen, die in einer Holzkiste wachsen
Eine Seilbahngondel schwebt über eine dicht bebaute Stadt

Reise 1/2010

Zügig gen Westen

Staatsbahn und pünktlich? Und das auch noch in Spanien?

Foto: Transcantabrico by ibero.com

Wir sind die pünktlichste Bahn der Welt“, prahlt Cristina Gracia Iguacel von der spanischen Staats­­bahn RENFE. „Wenn ein Zug mehr als fünf Minuten Verspätung hat, bekommen die Fahrgäste den Preis ihres Tickets bar zurückerstattet.“ Ab und zu gibt es diesen Fall – so wie im Sommer 2009, als Waldbrände die Strecke zwischen Madrid und Sevilla unpassierbar machten. In der Regel fährt die RENFE aber so pünktlich, wie man es sonst eher den Schweizern nachsagt. „Selbst Vertreter der japanischen Bahnen kommen zu uns, um sich anzuschauen, wie wir das schaffen“, berichtet die RENFE-Mitarbeiterin. Staatsbahn, Spanien, pünktlich? Wenn das kein Grund ist, die lange Reise an die Westküste der iberischen Halbinsel per Bahn anzutreten.

Im Bahnhofscafé von Irún herrscht Hochbetrieb. Es ist Frühstückszeit und jeder, der in der Umgebung zu tun hat, nimmt einen schnellen Kaffee an der Bar. Auch die Nachtzugreisenden, die soeben von Paris her angekommen sind, freuen sich auf ihr Frühstück. Die Chefin hinter der Bar scherzt mit den Gästen, braut tiefschwarzen Kaffee, gibt genau die richtige Menge Milch dazu und zeigt im Auge des Wirbelsturms eine fast unheimliche Effizienz. „Freu dich, du bist in Spanien!“, lockt die Tourismuswerbung des Landes. Wer Bahnhofscafés mag, ist hier auf jeden Fall schon einmal richtig.

Mit der Bahn zum Pilgern

Einchecken auf dem Bahnsteig: Erst kurz vor Abfahrt des Zuges wird über eine große Anzeigentafel das Abfahrtsgleis bekanntgegeben. Eine lange Schlange bildet sich vor dem Gepäckscanner. Rucksäcke, Taschen und Koffer gehen übers Fließband und werden durchleuchtet. Ein bisschen Show und ein bisschen Angst vor Terrorismus sorgen am Bahnhof für Flughafenatmosphäre.

Von Irún aus geht es mit dem Zug gen Westen bis nach Galicien am anderen Ende des spanischen Festlands. Seit dem morgendlichen Start ist der Zug nun schon viereinhalb Stunden unterwegs. Eine große Seniorengruppe, die von San Sebastian aus nach Santiago de Compostela reist, belegt fast alle Plätze in diesem Wagen. Nur wenige ausländische Touristen sitzen dazwischen. Anfangs gab es unter den älteren Herrschaften noch Gerangel um die besten Plätze. Inzwischen ist Ruhe eingekehrt. Einige Passagiere schlafen, andere lesen. Die meisten folgen mehr oder weniger aufmerksam dem Video, das an den in regelmäßigen Abständen von der Decke hängenden Bildschirmen flimmert. IceAge2: Die wenigen Kinder im Abteil amüsieren sich köstlich. Immer wieder brechen sie in lautes Gelächter aus, wenn das tölpelhafte Faultier ein Missgeschick nach dem anderen durchläuft. Aber auch bei den Erwachsenen ist die Ablenkung willkommen. Zwölf Stunden fährt der Zug von Irún bis Vigo ganz im Westen Spaniens. Wer unterwegs keine Pause einlegt, hat noch einen langen Tag vor sich.

Aussteigen lohnt sich, denn an der Nordachse der spanischen Bahn liegen viele touristische Ziele: das baskische San Sebastian mit seiner mittelalterlichen Altstadt, die Königsstadt Leon, die weltberühmte Kathedrale von Burgos und nicht zuletzt kreuzt auch die Hauptroute des spanischen Jakobswegs von den Pyrenäen her kommend immer wieder die Bahnlinie. 2010 ist das Jahr des heiligen Jakobus. So viele Pilger wie nie werden in Santiago de Compostela erwartet. Auch sie nutzen diesen Zug, um schneller ans Ziel zu kommen.

Bahnreise als Luxusurlaub

Die ganz jungen und die ganz reichen Bahnreisenden wählen eine andere Bahnstrecke, um vom Osten Spaniens in den Westen zu kommen: Direkt an der Küste entlang verkehrt – mit Linien- und Sonderzügen – die private Schmalspurbahn FEVE von Bilbao aus über Kantabrien und Asturien bis nach El Ferrol in Galicien. Der Luxuszug „Transcantabrico“ lockt Bahnfans aus aller Welt an die nordspanische Küste. Ab 2600 Euro kostet die achttägige Tour inklusive Deluxe-Abteil, Gourmet-Mahlzeiten, Ausflugsprogramm und fantastischer Ausblicke unterwegs. Die Nähe zum Atlantik und die vielen Brücken und Viadukte, auf denen die Bahn über die tief ins Landesinnere reichenden Rías fährt, sind in jedem Fall eine Fahrt mit der FEVE wert.

Das einmalige Bahnerlebnis ist aber auch deutlich billiger zu haben. Für Jugendliche bietet die FEVE auf den ganz normalen Linienverbindungen einen günstigen Sommerpass an. Viele nutzen diesen, um an den Wochenenden aus dem Hinterland an den Strand oder zu den vielen Festivals entlang der Küste zu fahren. Mit Zelt, Schlafsack und Kühlbox beladen, sind sie das typische FEVE-Publikum – zumindest von Juni bis September. Sonntag ist ihr Rückreisetag. Dann herrscht Hochbetrieb in den FEVE-Zügen und auf den kleinen Bahnhöfen.

Der Wachmann auf dem Bahnsteig des Küstenörtchens Villapedra ringt um Würde. Breitbeinig steht er da und reckt das Kinn nach vorn. Hinter ihm auf dem Gleis steht der „Transcantabrico“ mit seinen schicken Schlafabteilen, Speise- und Salonwagen.  Er kann nicht weiterfahren, weil ein verspäteter Zug die einspurige Strecke blockiert. Der Bahnpolizist ist für die Sicherheit der gut betuchten Fahrgäste zuständig. Die haben aber keine Lust, im Zug sitzen zu bleiben, sondern nutzen den ungeplanten Aufenthalt, um in pastellfarbenen Polohemden auf und ab zu flanieren und ein bisschen unverfälschtes Spanien zu erleben.

Auf dem benachbarten Bahnsteig hat der Linienzug von Ferrol nach Oviedo seine Fahrgäste ausgespuckt. Er hatte so viel Verspätung, dass er direkt wieder in Richtung Ferrol umkehrte. Nun lungern Wochenend-Hippies, Ruck­sacktouristen, Musikfestival-Besucher und Surfer auf dem Bahnsteig herum – was den Sicherheitsbeamten beunruhigt. Den Schlagstock, den er sonst an der Seite trägt, hat er schon mal in der Hand.

Die Zeit steht still auf dem kleinen Bahnhof. Außer dem blitzblank geputzten „Transcantabrico“ ist kein Zug zu sehen. Nach und nach richten sich die Wartenden ihre Lager auf dem Bahnsteig ein. Nach einer guten Stunde beginnt der Wachmann einzusehen, dass weder die braun gebrannten Surfer noch die blassen, übernächtigten Jugendlichen eine Gefahr für seine Fahrgäste darstellen. Er packt den Knüppel weg und beginnt, auf dem Bahnsteig auf und ab zu gehen. Nach zwei Stunden rollt endlich der Ersatzzug ein. Die jungen Leute schultern Taschen, Schlafsäcke und die obligatorische Kühlbox und suchen sich einen Platz im Abteil. Nachdem sie sich auf den Sitzen ausgebreitet haben, schlafen sie erschöpft ein. Was immer sie an diesem Wochenende getan haben, es muss sehr, sehr anstrengend gewesen sein. Mit 125 Minuten Verspätung setzt sich der Zug endlich Richtung Oviedo in Bewegung. „Schade, dass wir nicht mit der RENFE unterwegs sind“, sagt ein Mädchen zu ihrem Vater. „Wenn wir für jede Minute Verspätung eine Entschädigung bekommen würden, wären wir jetzt reich.“

Regine Gwinner

fairkehr 5/2023