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Reportage 1/2010

Wohnort Bahn

Burkhard Straßmann zieht von zuhause aus und testet das Leben in ­der Bahn. Was als Satire ­begann, wird Ernst: Der Autor erlebt den Spagat zwischen Geschäftsreisenden und Pennern.

Foto: PrivatIn der plüschigen 1. Klasse des Intercitys kann Autor Burkhard Straßmann schlummern – wenigstens bis zum nächsten Bahnhof.

Intercity 2021 von Hamburg nach Frankfurt, Wagen 13, Platz 56. Abfahrt Hamburg 22.46 Uhr, Ankunft Frankfurt am Tag darauf um 7.02 Uhr. Hier ziehe ich ein! Denn genau das habe ich gesucht: einen Zug, der durch die Nacht bummelt, Umwege nimmt und oft hält. Mein Wohnort heißt so, wie ihn die Eisenbahner verspotten: „Bundesblindschleiche“.

Seit ich stolzer Besitzer einer Bahncard 100 bin, beschäftigt mich die Frage: Kann man in Zügen leben? Lassen sich die 335 Euro im Monat, die die ehemalige Jahresnetzkarte kostet, als Warmmiete betrachten für Schlafplatz, Toilette, Waschgelegenheit, Bistro, Stromanschluss und Servicepersonal? Ist die Existenzform eines modernen Tramps denkbar oder eines bürgerlichen Interrailers, den es nicht in den Ferien ins Ausland zieht, sondern der seine Bahnen innerhalb der deutschen Landesgrenze zieht, während der berufliche Alltag weitergeht? 

Nun ist es so weit. Ich bin zu Hause ausgezogen. Mit einem großen Rollenkoffer und einem Rucksack. Und hier eingezogen, in der Bahn. Die Testbedingungen: Ich will leben wie sonst auch, recher­chieren, interviewen, schreiben, redigieren, telefonieren, Freunde besuchen. Nur: Abends muss ich wieder „nach Hause“ kommen. Geschlafen wird in der Bahn, und zwar nicht in teuren Schlafzügen, sondern normalen Nachtzügen ohne Aufschlag.

Der Anfang soll sanft sein. Ich habe noch ein Upgrade übrig, strecke mich also in der überraschend noblen, ein wenig plüschigen 1. Klasse des betagten Intercity aus. Hier haben die Sitze noch dicke magentafarbene Polster und sind ausziehbar, sodass eine üppige Liegefläche entsteht. Die Vorhänge zum Gang habe ich zugezogen, auf dem Tischchen steht eine kleine Flasche Rotwein, daneben eine Tafel Schokolade und ein Buch: Jack London, Abenteuer eines Tramps. Ich hole ein Kissen aus dem Koffer und krieche unter eine Wolldecke. Ein Blick aus dem Fenster: Elbe bei Nacht. Nur gedämpft dringen Fahrgeräusche ins Abteil, meine Schlafstatt schaukelt leise. Aaah, gut so! Gegen Jack London bin ich ein König. Muss nicht – als blinder Passagier – auf dem Dach eines Gepäckwagens liegen oder auf den Achsen. Brauche keine Angst vor Zugbegleitern mit Stöcken und Ketten zu haben. Zufrieden seufzend strecke ich mich aus, stecke Stöpsel in die Ohren und schließe die Augen.

Schlaflos durch Diepholz

Kurz vor Bremen bin ich eingeschlafen. Ganz kurz vor Bremen weckt mich die Durchsage: „Sehr verehrte Fahrgäste, in Kürze erreichen wir ...“ Dann auf Englisch. Ich schlafe wieder ein. Dann wird die Abteiltür aufgerissen, das Licht eingeschaltet, und durch das Ohropax höre ich den bekannten Singsang: „Guten Abend, Personalwechsel, Ihren Fahrschein bitte.“ Ich denke einen Augenblick lang nach, ob diese Zugbegleiter vielleicht Sadisten sein müssen, weil sie durch den Zug laufen und immer wieder Menschen aus dem Schlaf reißen. Doch wahrscheinlich haben die nur eine eigene Weltsicht und betrachten diesen Zug einfach nicht als Schlafzug. Im Schlafzug lassen sie dich schlafen.

Eine Viertelstunde später: „Sehr verehrte Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir Diepholz.“ Diepholz! Stehen hier Milchkannen zum Abholen bereit? Später, in Hamm, kann ich lange nicht mehr einschlafen, weil ich staune, dass es um zwei Uhr nachts einen Regionalzug nach Lippstadt gibt. Lippstadt! Und in Dortmund erfahre ich ausführlich und zweisprachig, dass es auch einen Regionalexpress zurück nach Hamm gibt. Rätselhaftes nächtliches Deutschland. Leider ist der Drehknopf über der Tür, mit dem ich die Lautstärke der Durchsagen verändern möchte, ein Placeboschalter. In der Gegend von Köln geschieht ein weiterer Personalwechsel. Bis Frankfurt sind es zwanzig Bahnhöfe. Etwas zerknautscht steige ich schon in Frankfurt Flughafen in den auf demselben Bahnsteig gegenüber wartenden ICE nach München um.

Lauter frisch geduschte, wohlriechende Businessleute hier. Ich klemme also Kulturbeutel und Wechselwäsche unter den Arm und wandere so lange gegen die Fahrtrichtung, bis ich eine freie Behindertentoilette finde. Die Normaltoilette eines ICE 3 wirkt zwar hübsch designt, ist aber enger als ein Flugzeug-WC und hat keine Steckdose für den Rasierapparat. Mit Schläfern wird hier nicht gerechnet. Behindertentoiletten dagegen sind immer geräumig und manchmal sauber. Natürlich habe ich einen Waschlappen eingepackt. Ganzkörperwäsche, Rasur, Zähneputzen mit Nicht-Trinkwasser – das lässt vergessen, dass ich in der vergangenen Nacht nur knapp drei Stunden geschlafen habe.

Auf ein Bier in Nürnberg

Tags kreuz und quer durch Deutschland, lesen, schreiben, Kaffee trinken. Mitternachts auf dem Nürnberger Haupt­bahnhof. Kaum Menschen, aber alles irrwitzig hell erleuchtet. Manchmal gellende Schreie von irgendwoher.
Jungmänner in Tarngarderobe. Die Bahnhofsmission, mein heimlicher Rettungsanker, falls ich mal irgendwo strande, schließt hier schon um 19 Uhr. Burger King hat offen. Madonna singt „Give it to me“, ich nehme ein Bier. Noch eins. Ich warte. Auf einen besonderen Zug. Um 1:31 Uhr bekommt der Euronight aus Wien einen Wagen angehängt, der bis Hamburg als nicht zuschlagpflichtiger
D 60490 unterwegs ist, als „Schnellzug“ also wie in alten Zeiten. Ankunft Hannover 6:13. Das verspricht viereinhalb Stunden Schlaf am Stück! Nach Hamburg wären es sogar sechseinhalb Stunden.

Was da als Stückchen Schnellzug in Nürnberg einläuft, ist der gute alte Interregiowaggon, innen dekoriert in den verblassten Trendfarben der 80er, Mint und Magenta. Ich teile mein Abteil mit einer Sängerin aus Südkorea, die nach einem Engagement sucht. „Schlechtes Wetter in Deutschland“, sagt sie. Ihren Mantel behält sie an. Ich mache mein Bett, entschuldige mich und lege eine Schlafmaske an. Die Sitzabstände von gut zehn Zentimetern sind eindeutig schläferfeindlich. Lange liege ich wach und mache mir Sorgen, dass ich die Dame durch Schnarchen belästigen könnte. Doch das sind in meiner Lage Luxus­bedenken. Morgen muss ich eine Konferenz besuchen und mich konzentrieren können. Als die Sängerin in Würzburg aussteigt, zieht sie die Vorhänge des Abteils zu. Eine Geste, die mein Herz wärmt.

Foto: Burkhard StraßmannAbsturz vom 1.-Klasse-Reisenden zum Lumpenproletarier: Wer öffentlich in der Horizontalen schläft, wird von morgendlichen Bahnpendlern schnell als Penner abgestempelt.

Ohne Plan nach Stuttgart

Berlin, Hauptbahnhof, acht Uhr früh. Ich packe mein Dienstsakko aus und gehe zur Bahnhofsmission. Freundliche Zivis, alles neu und frisch hier, einen Waschraum gibt es aber nicht. „Benutzen Sie doch die Toilette!“ Meine Vorstellung, hier könnte man zur Not auch mal übernachten, erweist sich als naiv. Sie weisen dem Bedürftigen bloß den Weg ins Obdachlosenasyl. Später entdecke ich in der DB-Lounge, die ich mit meiner Bahncard betreten darf, einen „Refresh“ genannten Waschraum. Er ist ganz in dunklem Holz gehalten, mit großem Spiegel, Steckdose und Fön. Und diebstahlsicher angebrachten Bügeln zum Aufhängen der Garderobe. Sauber! Ich empfinde das als fantastischen Luxus.

Kaum zerknittert besuche ich meine Konferenz. Doch ich spüre ständig, dass dies nicht mehr meine Welt ist. Ich will in die Bahn! Am Nachmittag fahre ich glücklich und ohne Plan nach Stuttgart. Tatsächlich ist etwas Seltsames mit mir passiert: Fast unmerklich bin ich von der Seite der meckernden oder spottenden Fahrgäste ins Lager der Bahnsympathisanten gerutscht. Werde ich nicht schon länger bei der Fahrkartenkontrolle, sobald ich die schwarze 100er vorzeige, freundlicher angeschaut? Mit einer Geste, die andeutet, dass es sich nicht ernstlich um Kontrolle, sondern eher um eine lästige Formalität handelt? Übel gelaunte, nörgelnde oder ungeduldige Reisende sind mir plötzlich fremd. Dagegen verstehe ich aus tiefstem Herzen den schon etwas älteren Schaffner, der sich neben mich setzt und erklärt: „Ich habe eine Phantasie – ich will so viel fressen, bis nichts mehr reingeht, und dann durch den Zug laufen und alle Fahrgäste vollkotzen!“ Warum wird ein Mensch so? Weil er hundert Mal am Tag sagt: „Guten Tag, Ihre Fahrtausweise bitte.“ Und niemals erwidert jemand seinen Gruß! Ich achte seitdem darauf, grüße demonstrativ zurück und ernte fast immer überraschte und dankbare Blicke.

Miniterrier aus Mannheim

Die Identifikation mit dem Umfeld geht so weit, dass ich leere Dosen und alte Zeitungen von den Sitzen räume. Als einige Züge später zwei Damen an meinem Tisch Platz nehmen, biete ich ihnen Kaffee an. Hier ist ja mein Wohnzimmer! Inzwischen würde ich sogar ohne zu zögern die rote Eisenbahnerkrawatte mit dem DB-Logo tragen!

Ich lese „Netzkarte“ von Sten Nadolny. Sein Held hat ein ähnliches Projekt wie ich, er reist mit einer Netzkarte durch die Republik. Allerdings schläft er meist in Hotels. Er ist im Gegensatz zu mir interessiert an touristischen Zielen – und an erotischen Abenteuern. Mein erotisch­stes Abenteuer besteigt in Mannheim den Zug. In Gestalt einer Dame mit Miniterrier. Als sie zur Toilette geht, lässt sie mir den Hund zu Bewahrung. Das Biest schafft es tatsächlich, mich dreimal auf den Mund zu küssen.

Das Interesse an meiner Arbeit allerdings, auch an den anderen Fahrgästen, an Literatur und selbst am aktuellen Aufenthaltsort lässt mit der Zeit spürbar nach. Einmal denke ich, als er mich über den Rhein hinweg anblickt: „Kölner Dom, das wäre was!“ – aber der Gedanke löst keine Aktion aus. Ein andermal piepst mein Handy und meldet ein Schweizer Funknetz – Basel Badischer Bahnhof, bahnlich Inland, politisch Ausland. Dass ich in der Schweiz bin, ist mir gleichgültig. Die Landschaft verliert ihre spezielle Bedeutung. Sie wird zur reinen Form. Einmal notiere ich „dramatischer Himmel“, aber nicht wo. In der Nähe von Leipzig drängen sich mir angesichts von nassen Bundesstraßen und Alleenbäumen in Reih und Glied Gedanken zum Verhältnis von Natur und Kultur auf. Oder war es bei Osnabrück?

Todmüde bis Bad Hersfeld

Was mich allein noch antreibt, ist die ständige Sorge um einen Nachtzug. Tatsächlich habe ich nur wenige Alternativen. Es fährt zwar auch ein ICE abends von Hamburg aus nach Süden, aber in diesem Zug kann man nur im Sitzen schlafen. Tische und Vorrichtungen, um einen Kopfhörer anzuschließen, trennen die Sitze voneinander. Am schlimmsten ist der ICE 2, der gar keine Abteile mehr hat. Und der grundsätzlich schläferfeindliche ICE 3. Der die Nacht durcheilende IC 1850 von Berlin nach Frankfurt fährt leider nur montags früh.

Heute ist Montag früh. 0:32 Berlin-Gesundbrunnen. Meine sechste und letzte Nacht. Wieder ein alter Interregiowaggon. Ich bereite mein Bett, setze meine Schlafmaske auf und verschließe die Ohren. Ich bin inzwischen dermaßen müde, dass ich die Ansagen überhöre und bis Bad Hersfeld nur einmal wach werde. Dort höre ich Gerappel und linse unter meiner Maske vor. Zwei Knie sehe ich mir gegenüber, eine schwarze, eine blaue Jeans. Ich schlafe ein. Wenig später rüttelt jemand an meiner Schulter. Ich entferne Maske und Ohrenstöpsel und starre auf einen turmgroßen Kerl: „Mach mal Platz!“ – „Ist der Zug so voll?“, frage ich. „Ja, voller Arbeiter.“
Ich räume mein Bett weg. War da ein Unterton? Ein Signal? In der Art, wie er „Arbeiter“ betonte? Offenbar sind montags früh viele Pendler nach Frankfurt unterwegs. Arbeiter eben, nicht faule Säcke wie ich, die sich breitmachen und pennen. Der Klassenunterschied: Arbeiter liegen nicht! Sie dösen und nicken mal ein, aber im Sitzen! Nur Penner, Nichtsesshafte, Asoziale erkennt man am öffentlichen Schlafen in der Horizontalen. Womöglich bin ich am siebten Tag abgestürzt – ins Lumpenproletariat.

Mit schnellen Zügen bin ich dann nach Hause gefahren. Ich war 8068 Kilometer unterwegs. Habe insgesamt rund zwanzig Stunden geschlafen, wenig gearbeitet, keine Musik gehört und kaum gelesen. Zwei Besuche gemacht, keine Besichtigungen. Resümee: Man kann im Zug leben, aber das Leben im Zug ist Arbeit genug. Und die größte Sorge des Bahnbewohners gilt nicht dem Geld, der Gesundheit, dem Essen oder der Liebe. Sondern dem Schlafplatz. Nachhaltig beeindruckend aber ist die Erfahrung, dass der soziale Sicherheitsabstand zwischen dem Businessreisenden und dem Penner beunruhigend knapp ist. Meine Konsequenz: Ich werfe seitdem öfter den Kollegen ohne Dach etwas in den Plastik­becher.

Burkhard Straßmann

fairkehr 2/2019