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Politik 5/2009

Leichtes Plus für Bahn und Bus

Die Neuauflage von „Mobilität in Deutschland“ ist erschienen, der bundesweit größten Erhebung zum Alltagsverkehr.

Foto: www.istockphoto.comDie älteren Bevölkerungsgruppen sind auf dem Vormarsch – und sie nehmen ihre Mobilitätsgewohnheiten mit bis in hohe Alter: Am liebsten fahren sie mit dem Auto.

Der Autoverkehr stagniert, ist zum Teil sogar rückläufig. Gleichzeitig sind die Deutschen mehr mit Bus und Bahn, Fahrrad und zu Fuß unterwegs – dies ist eine Erkenntnis der bundesweit größten Erhebung zum Alltagsverkehr, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. Für die Neuauflage der Studie „Mobilität in Deutschland“ wurden im vergangenen Jahr über 60.000 Personen im ganzen Bundesgebiet vom infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums telefonisch befragt. Mitverfasser der Studie ist das Institut für Verkehrsforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR).

Die Auswahl der Haushalte erfolgte in Zusammenarbeit mit den Einwohnermeldeämtern. Zur Basis-Stichprobe von 25.000 Haushalten kamen noch einmal so viele durch regionale Aufstockungen hinzu. Kern der Befragung war wie im Jahr 2002 die Erfassung aller Wege außer Haus an einem Stichtag – ob Fußweg, Fahrt zum Arbeitsplatz mit Auto oder Bahn oder Radtour aufs Land. Hinzu kamen Angaben zu im Haushalt vorhandenen Fahrzeugen, Monatskarten für Bus und Bahn oder zur Entfernung zur nächsten Haltestelle.

Es gebe einen leichten Trend hin zu Bahn und Bus, zum Fahrradfahren und Zu-Fuß-Gehen, erläutert Robert Follmer, Projektleiter beim Bonner infas Institut. Die Nutzung des Autos sei mit 58 Prozent bei den Wegen und mit 79 Prozent bei den zurückgelegten Kilometern weiter dominierend, aber leicht rückläufig. Bei den Wegen konnte das Fahrrad am meisten zulegen, bei den Kilometerzahlen der öffentliche Verkehr. Am häufigsten unterwegs sind die Deutschen für Freizeit und Einkauf – zusammen 53 Prozent, Tendenz steigend. Die Zahl der täglichen Wege ist mit 3,4 etwa gleich geblieben, die durchschnittlichen Entfernungen pro Tag sind etwas gestiegen.

Mehr Verkehr durch mobile Senioren

Hinter den zum Teil gering erscheinenden Veränderungen verbergen sich gegenläufige Entwicklungen bei Alt und Jung. „Es brodelt unter der Oberfläche“, sagt Robert Follmer bei der Vorstellung der Mobilitätsstudie beim VCD in Berlin, „und dahinter steht nicht nur der demografische Wandel.“ Follmer präsentiert dazu ein deutliches Ergebnis der Studie: Senioren sind zunehmend mobil, und das verstärkt mit dem Auto. „Die älteren Bevölkerungsgruppen sind auf dem Vormarsch“, sagt der infas-Projektleiter. Der Anteil der Menschen in Deutschland, die 65 Jahre und älter sind, hat seit 2002 um 16 Prozent zugenommen, die Zahl der von ihnen zurückgelegten Wege aber um mehr als das Doppelte, nämlich um 35 Prozent. Eine weiteres spannendes Ergebnisse ist: „Arbeitswege werden zunehmend durch Einkaufs- und Freizeitwege kompensiert“, berichtet Barbara Lenz, Leiterin des Deutschen Instituts für Luft- und Raumfahrt. Hintergrund sei, dass die stärker mit Führerschein und Pkw ausgestatteten Personen jetzt ins Rentenalter kämen und ihre Gewohnheiten mitnähmen. „Die Älteren sitzen länger hinterm Lenkrad“, sagt Verkehrsforscherin Lenz.

Anders der Trend bei den jungen Erwachsenen: Nur noch 31 Prozent der 18- bis 24-Jährigen gaben an, täglich mit dem Auto unterwegs zu sein – ein deutlicher Rückgang gegenüber der letzten Erhebung 2002. Entsprechend sind nun über die Hälfte, nämlich 56 Prozent aller Befragten dieser Altersgruppe, vor allem mit Bus und Bahn unterwegs. Hier zeigten sich Erfolge von günstigen Schüler- und Semestertickets und möglicher­weise ne­ben den Auswirkungen der Wirtschafts­krise auch eine nüchternere ­Betrachtung des Autos unter jungen Menschen – weg vom Statussymbol Auto hin zu einem Fortbewegungsmittel unter mehreren.

Weniger autofreie Haushalte

Insgesamt aber wächst die Zahl der Haus­halte mit Pkw, auch die mit Zweit- und Drittwagen. Rückläufig ist die Zahl der autofreien Haushalte: Nur noch 18 Prozent gegenüber 20 Prozent im Jahr 2002 der deutschen Haushalte besitzen kein Auto. In Berlin sind es noch 41 Prozent. Das Ausmaß des Autoverkehrs und damit die Umweltbelastung wird zunehmend von sozialen Gegensätzen bestimmt: So verfügen bessergestellte Haus­halte über mehr Pkw, diese sind höher motorisiert und werden über weitere Strecken gefahren. Nach Berechnungen des infas Instituts ist deren Kilometerleistung mit rund 20000 Kilometern im Jahr doppelt so hoch, der Kraft­­stoffverbrauch und damit der CO2-Ausstoß sind sogar 2,5-mal so hoch wie bei den Pkw in sozial schlechtergestellten Haushalten. Auch wenn der CO2-Ausstoß in Deutschland seit einigen Jahren endlich sinkt: Noch immer ist allein der Straßenverkehr für jährlich rund ein Fünftel der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich. Die Forscher ermittelten auch wieder ein Potenzial für ­Alternativen: Etwa 35 Prozent derer, die heute fast nur mit dem Auto fahren, gaben an, ähnlich gut Bus und Bahn nutzen zu können.

Jürgen Eichel

fairkehr 2/2019