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Editorial 5/2009

„Atomstrom ist CO2-frei“

Foto: Marcus Gloger

Sven Plöger, der Wettermann der ARD, wies auf der Konferenz „Nachhaltigkeit trotz(t) Krise“ in Köln auf ein eklatantes Kommunikationsloch hin: das zwischen Wissenschaft und ­Öffentlichkeit. Die Wissenschaft kommuniziere zwar mit der Politik und mit den Medien, aber praktisch nie mit den Bürgerinnen und Bürgern direkt. Es fehle wohl die gemeinsame Sprache.

Was passiert nun mit dem vielen guten Wissen unserer Zeit, wenn es von Medien und Politikern übersetzt wird? Es wird drastisch vereinfacht und im ­eigenen Interesse interpretiert. Daraus folgen dann solche Sätze wie: „Wachstum schafft Arbeitsplätze“ oder „Atomstrom ist CO2-frei“ oder „Die Zukunft des Automobils ist elektrisch“. Jeder seriöse Wissenschaftler würde angesichts solcher Weisheiten tief die Luft einsaugen, die Stirn in Falten legen und auf die kaum zu rechtfertigende Simplizität der Aussage angesichts der Komplexität der Materie verweisen. Er würde über eine Kaskade von „Wenn, dann“-Relationen unter Verwendung unzähliger Fachtermini eine relativ unklare Position beziehen, die Laien ratlos zurücklässt. Die wenden sich dann wieder erleichtert dem Politiker zu, der sagt: „Der Herr Professor meint: Jeder siebte Arbeitsplatz hängt vom Auto ab.“

Fußgänger schalten keine Anzeigen

Die Medien, die ja als vierte Gewalt im Staat den Auftrag haben, Politik und Wirtschaft durch Herstellung von ­Öffentlichkeit zu kontrollieren, scheuen leider auch häufig eigene Denkarbeit. Wie sonst wäre zum Beispiel zu erklären, dass alle Medien fast gleichgeschaltet zur Automobilmesse IAA berichteten, Elektroautos gehöre die Zukunft. Sie verletzen damit den journalistischen Grundsatz, über das zu schreiben, was ist, und nicht über das, was sein könnte. Die Deutsche Energie-Agentur hat kürzlich im Auftrag des Bundesumwelt­ministeriums eine Medienanalyse zur Berichterstattung über Mobilität in zehn meinungsbildenden Tageszeitungen durchgeführt. Ergebnis: Nur bei 40 Prozent der Pkw-Besprechungen wurde der Spritverbrauch erwähnt. Am meisten ­interessiert Motorjournalisten die Leistung, der Preis und das Design der Autos. Ein knappes Drittel der Berichte präsentiert außerdem Spritschlucker im Sport-, Gelände- und Oberklassensegment, obwohl diese nur einen Marktanteil von zehn Prozent haben.

Alternativen zum motorisierten ­Individualverkehr wie CarSharing, Bus, Bahn, Fahrrad oder gar Fußverkehr nehmen lediglich fünf Prozent der Berichterstattung ein. Die Allianz pro Schiene fand dafür eine einfache Erklärung: „Fußgänger schalten keine Anzeigen.“

Die Motorredaktion, schon der Name ist oft Programm, an der kurzen Leine der Anzeigenabteilung? Die Politik am Gängelband der Lobbyisten und der Parteirhetoriker? Was bleibt da den aufklärungswilligen Bürgern? Sie sollten fairkehr lesen, weil wir die gesamte Mobilität nach journalistischen Prinzipien unabhängig beackern. Und am Ende müssen sie selbst denken.

Und meist verhält es sich mit der Wirklichkeit wie mit dem Wetter. Es ist eben nicht so einfach, wie man es aus Bequemlichkeit gerne hätte. Die weiteren Aussichten sind beim Wetter auch oft von minderer Aussagekraft. Einen goldenen Herbst wünscht

Michael Adler

 

fairkehr 2/2019