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Titel 4/2009

Ich bin mobil, also bin ich

www.istockphoto.comFortbewegungsart und Fahrzeug sind ebenso wie Outfit, Musikgeschmack und Freundeskreis Bestandteile eines Lebensstils.

Wie wir uns fortbewegen, hat immer mit unserem Lebensstil zu tun. Es gibt viele Formen ­umweltfreundlicher Lebensstile und nachhaltiger Mobilität. Sie ändern sich mit der Gesellschaft.

"Typisch!", rufen wir, wenn die Blondine mit den Perlenohrringen ihren Cayenne quer auf dem Radweg parkt, damit der Sprung zur Reinigung möglichst kurz ist. Auch klar, dass der Typ mit dem Goldkettchen einen Ferrari fährt. Und was schließt der silberhaarige Intellektuelle in schlampig-edlem Knitterlook vor dem Bioladen ab? Natürlich sein 14-Gang-Nabenschaltungsbike.

Fortbewegungsart und Fahrzeug sind ebenso wie Outfit, Musikgeschmack und Freundeskreis Bestandteile eines Lebensstils. Um Ordnung in die Vielfalt der alltäglichen Phänomene zu bringen, bilden wir unbewusst Typen im Kopf und ordnen ein, was wir sehen.

Das gelingt uns in Verbindung mit bestimmten Individualverkehrsmitteln relativ einfach. Schwieriger wird es beim öffentlichen Verkehr. Früher hieß es, die Straßenbahn sei das Verkehrsmittel der „drei A“ (Arme, Alte, Ausländer). Heute treffen wir dort alle sozialen Milieus. Wenn wir zum Beispiel in Berlin U-Bahn fahren, haben wir viel zu gucken, weil uns die ganze Vielfalt urbaner Lebensstile begegnet.

Was wir im Alltag automatisch tun, nämlich typologische Schubladen in unserem Kopf bedienen, betreibt die Lebens- und Mobilitätsstilforschung wissenschaftlich. Sie hat gezeigt, dass Lebens­stile nicht nur durch objektiv messbare Eigenschaften wie Alter, Geschlecht, Haushaltsgröße oder Einkommen geprägt sind. Es geht immer auch um subjektive Grundeinstellungen wie moralische Normen oder Vorlieben. Also um Stile der persönlichen Lebensführung, die spezielle Art, wie wir die verfügbaren Spielräume in der Gesellschaft für uns gestalten. Ich kann das Auto nehmen, muss aber nicht. Ich kann eine Flugreise buchen, will es aber nicht.
Es existiert die These, dass es heute, in Zeiten der Krise und der neuen gesellschaftlichen Spaltung, keine Lebensstile mehr gebe. Die Gesellschaft sei wieder geprägt durch Klassen und Schichten, durch oben und unten, durch Einschluss und Ausschluss. Das ist jedoch kein Widerspruch: Es gibt beides – harte gesellschaftliche Strukturen und Lebensstile.

Foto: istockphoto.deWenn wir zum Beispiel in Berlin U-Bahn fahren, haben wir viel zu gucken, weil uns die ganze Vielfalt urbaner Lebensstile begegnet.

Symbol des Mithaltenkönnens

Das wird am Beispiel Mobilität sichtbar. Wenn es sozial bergab geht, halten die einen krampfhaft am Erreichten fest: Das Auto ist ihnen ein „Symbol der sozialen Integration“, des Immer-noch-Mithal­tenkönnens. Andere Gruppen steigen dagegen problemlos um und sind froh, dass sie einen Grund haben, den Klotz am Bein loszuwerden. Lebensstil heißt auch, Entscheidungen angesichts veränderter objektiver Rahmenbedingungen unterschiedlich zu fällen.

Eine erste Typologie von Lebensstilen und Mobilität hat das Projekt city:mobil in den 1990er Jahren am Beispiel der Städte Freiburg und Schwerin vorgenommen. Dabei wurden Typen gebildet, die auf Einstellung und emotionaler Haltung zu unterschiedlichen Verkehrsmitteln beruhten. Danach wurde die Verkehrsmittelwahl, also der sogenannte Modal Split, der verschiedenen Cluster analysiert. Die Ergebnisse waren frappierend. Entgegen der gängigen These, dass zwischen Einstellung und Verhalten eine große Lücke klaffe, wurde deutlich, dass es in Wahrheit einen klaren Zusammenhang gibt. Die „risikoorientierten Autofans“ nutzten bei 56 Prozent aller Wege das Auto, während die „ökologisch Entschiedenen“ dies nur bei zehn Prozent aller Wege taten und für 31 Prozent der Wege das Fahrrad wählten.

Seither wird viel über das Thema Mobilität und Lebensstile geforscht. Es lassen sich grundlegende Mobilitätstypen definieren, die so oder so ähnlich in den meisten Lebensstilmodellen auftauchen.

Die Mobilitätstypen

  • Die Traditionellen: Sie sind konventionell, sparsam und sicherheitsorientiert. Deshalb fahren sie ein stabiles Mittelklasseauto, das oft in der Garage steht und gut gepflegt wird. Die Traditionellen gehen viel zu Fuß, die Frauen nutzen zusätzlich den ÖPNV. Insgesamt haben sie einen kleinen Aktionsraum: die Nachbarschaft, den Schrebergarten oder den Verein.
  • Die Fun-Orientierten: Sie lehnen traditionelle Werte ab und feiern gern und intensiv – aber erst nachdem sie als Dienstleister in den Großstädten oder als Selbständige hart gearbeitet haben. Mit ihren offenen Autos und schnellen Zweirädern suchen sie Spaß in der Freizeit.
  • Die Exklusiven: Es gibt mehrere Gruppen, die auf eine gewisse Exklusivität Wert legen. Zum einen die reinen Aufsteiger und Aufsteigerinnen – immer auf der Jagd nach Erfolg und damit auch auf der Suche nach der schnellsten und auffälligsten Fortbewegungsart. Bullige, dunkel lackierte Dienstwagen sind Pflicht. Zum anderen der „moderne Mainstream“, der ebenfalls das Besondere sucht, jedoch im normalen Alltag. Leicht veredelte Varianten von schnellen Mittelklasseautos sind hier angesagt.
  • Die Familien-Orientierten: Bei ihnen steht im Alltagsleben und im Urlaub die Familie im Mittelpunkt. Das gilt auch für die Fortbewegung. Das multifunktionale Familienauto erscheint aus dieser Perspektive unersetzlich.
  • Die Lohas: Der in letzter Zeit viel diskutierte Typus des „lifestyle of health and sustainability“, des gesunden und nachhaltigen Lebensstils, zeigt, dass Kinder nicht automatisch bedeuten, alles auf die Familie zu beziehen. Vielmehr versucht diese Gruppe, sich die eigenen Wünsche so zu erfüllen, dass sie mit den Wünschen der Kinder kompatibel sind. Erlebnis, Genuss und Verantwortung für die Umwelt werden verbunden. Dieser Lebensstil zeigt eine hohe Bereitschaft, sich multioptional fortzubewegen. Die Kreativität dieser Gruppe äußert sich beispielsweise in gekonnten Kombinationen von Fahrrad und Kleidung, die wirklich stylish ist.
  • Die Kulturorientierten: Die ökologisch Engagierten der ersten Stunde sind heute ältere, kulturinteressierte Genießerinnen und Genießer. Die Neugierde auf fremde Kulturen bringt sie in Konflikt mit ihrem Klimaschutzbewusstsein. Dennoch sind sie die klare Zielgruppe für eine umweltfreundliche Fortbewegung, sei es mit dem Fahrrad, mit Bus und Bahn, zu Fuß oder per CarSharing.
  • Das Prekariat: Schließlich gibt es Gruppen, die sich in einer schwierigen sozialen Lage befinden und deshalb wenig Spielraum zur Gestaltung ihres Lebensstils haben. Es geht vor allem um Sicherung von Mobilität, sei es mit dem ermäßigten ÖPNV-Familienticket oder mit dem Fahrrad. Nicht zu vergessen jene, die mit einem alten 3er BMW Teilhabe an der Automobilität signalisieren.
Foto: www.pd-f.deLohas wählen ihre Verkehrsmittel nach Lust, Laune und Umweltgesichtspunkten.

fairkehr 5/2019