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Titel 4/2009

Hipp ohne Auto

Für immer mehr Menschen gehört die Mobilität ohne Auto zum Lebensstil. In Großstädten können auch Familien leichter auf den eigenen Pkw verzichten.

Foto: www.pd-f.deVor allem viele Großstädter sind multioptional unterwegs: Sie nutzen immer das Verkehrsmittel, das gerade am besten passt.

Es gibt auch diese ärgerlichen Momente. Esther Jahns hat kein Auto, sie will keins. Doch jetzt muss sie ihre achtjährige Tochter Laila zum Geigenunterricht bringen. Ein Donnerstagnachmittag in Berlin. Esther Jahns hat noch gut eine Dreiviertelstunde Zeit. Das hört sich viel an, ist es für den Weg vom Stadtteil Schöneberg nach Kreuzberg aber nicht.

Raus aus dem Büro. Rauf aufs Rad. Wieder runter. Rein in die Wohnung, Geigenkasten schnappen, wieder raus. Jahns hastet weiter, zu Fuß zum Schülerladen, Laila abholen. Die trödelt. Also müssen sie rennen, zur U-Bahn. Die aber ist just weg. Jahns ist genervt. „Es wäre einfacher mit einem Auto“, sagt sie. Nur: Die 40-Jährige denkt nicht daran, sich eins zu kaufen. Ihr Mann Robin Schmaler auch nicht, ihrer Tochter ist das Autofahren ohnehin ein Gräuel, es wird ihr dabei schlecht. „Es gehört zu unserem Lebensstil, ohne Auto zu sein“, sagt Jahns. Und: „Wir sind stolz darauf.“

Beschlipste Herren auf dem Rad

Die Zeiten sind vorbei, in denen das Auto ein Statussymbol war. Immer mehr Deutsche, vor allem in Berlin, Hamburg oder München, sparen sich, im Stau zu stehen, genervt einen Parkplatz zu suchen oder sich an der Tankstelle über Spritpreise zu ärgern. Gerd Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des VCD, sagt: „Ohne Auto zu sein, wird hipp. In der Stadt fahren aus allen sozialen Schichten mehr Leute Fahrrad – auch beschlipste Herren im Anzug.“

Die Zahl der Wege, für die die Deutschen das Rad nehmen, hat in den vergangenen sechs Jahren um 17 Prozent zugenommen. Auch Bus und Bahn werden häufiger genutzt. Das zeigt die neue Studie Mobilität in Deutschland. Diese Statistik ist so etwas wie ein Grundlagenwerk der deutschen Verkehrsforschung. Das Infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft hat im vergangenen Jahr 50000 Leute dafür befragt. Demnach haben 18 Prozent der Haushalte kein Auto. Oft fehlt schlicht das Geld. Vier Prozent aller Haushalte erklärten jedoch, kein Auto zu haben, obwohl sie es sich leisten könnten. Das sind vor allem Singles und Paare ohne Kinder. Alter: auch mal knapp 50, zumeist aber jünger.

Esther Jahns und ihre Familie wollen nichts zu tun haben mit Autoreifen, Motoröl und TÜV. Am Anfang war das keine bewusste Entscheidung. Als Esther Jahns studierte, konnte sie sich keinen eigenen Wagen leisten. Mittlerweile ist das anders. Sie arbeitet in der Hochschulpolitik, ihr Mann ist Filmemacher. Aber Jahns sagt: „Wir leisten uns lieber etwas anderes als ein Auto.“ Eine Altbauwohnung, einen Sommerurlaub, solche Sachen.

Ohne Auto sparen

Es geht nicht nur um Ökologie. Es lässt sich auch sparen ohne Auto – das entdecken immer mehr. Zwar ist Deutschland noch weit von den Verhältnissen in den Niederlanden entfernt, wo das Rad traditionell einen hohen Stellenwert hat. Und der Club „Autofreie Schweiz“ hat 1000 Mitglieder und das hiesige Pendant „autofrei leben!“ nur 250. Doch Heiko Bruns, Vorstand von „autofrei leben!“, muss sich heute nicht mehr wie noch vor wenigen Jahren als „dieser Spinner“ beschimpfen lassen. Im Gegenteil: Seit im letzten Jahr die Spritpreise stiegen, wird er viel öfter ernsthaft gefragt: „Wie geht denn das, als Familie ohne Auto leben?“ Er antwortet: „Sie brauchen vernünftige Fahrräder, gute Kindersitze und eine etwas bessere Planung.“

So einfach? „So einfach“, sagt Esther Jahns. Sicher, einen Ausflug müsse sie gut vorbereiten. „Es ist doof, wenn man mit dem Zug aufs Land fährt, feststellt, der Ort ist hässlich, und der nächste Zug geht erst wieder in zwei Stunden.“ Doch der Alltag ohne Auto funktioniere problemlos. Esther Jahns radelt zur Arbeit, ihr Mann nimmt die U-Bahn, ihre Tochter geht zu Fuß zur Schule. Die Familie hat es auch mal mit Carsharing versucht. „Hat sich nicht gelohnt“, sagt Esther Jahns. Möbel kaufen? „Wir leihen das Auto von Schwiegermutter.“ Eine Kiste Bier? „Kommt auf dem Gepäckträger vom Rad.“ Und die Fahrt in den Urlaub? „Zug, Mietauto, selten Flugzeug.“ Die Familie kommt überall hin, irgendwie.

Foto: www.istockphoto.deMan muss es nur wollen: Auch mit High Heels kommt die Frau auf dem Fahrrad zum Termin.

Gewohnt, Optionen anzuklicken

Typisch, findet Konrad Götz. Er leitet den Forschungsbereich Mobilität und Lebensstilanalysen des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt und sagt: „Die kreativen, urbanen Milieus definieren das Thema Ökologie neu – lifestylig.“ Ihr Umgang mit dem Auto sei unideologisch. „Sie sind mit dem Internet groß geworden und gewohnt, Optionen anzuklicken“, erklärt Götz. Also bewegten sie sich „multioptional fort“, nutzten immer das Verkehrsmittel, das ihnen gerade am besten geeignet erscheint.

Multioptional – das hört sich schick an und es ist es auch. Für so manchen Prominenten gehört es mit zum Image. Beispiel Axel Prahl: Als Münsteraner Tatort-Ermittler fährt er mit dem Fahrrad zum Dienst, Martinshorn und Blaulicht überlässt er zumeist seiner Assistentin. Auch im privaten Leben, so sagt er, ist er überzeugter Radfahrer. Derweil unterstützen Judith Holofernes, die Sängerin der Popgruppe „Wir sind Helden“, die Doppelolympiasiegerin im Schwimmen, Britta Steffen, sowie die Starköchin Sarah Wiener die Kampagne des Bundesumweltministeriums „Kopf an: Motor aus“, die die fairkehr als Kommunikationsagentur mitgestaltet. Sie ist ein Aufruf, für  Kurzstrecken nicht das Auto zu nehmen. Derzeit legen die Bundesbürger bei der Hälfte aller Fahrten mit ihrem Pkw weniger als sechs Kilometer zurück.
Die Texter bemühen nicht die saubere Umwelt, sondern den „Knackarsch“. Sie erklären: „Ein knackiger Hintern ist ein gutes Zeichen. Für Intelligenz. Dann fährt Ihre Begleitung wahrscheinlich Rad.“ Eine Werbung fürs breite Publikum. Eine Massenbewegung ist der Autoverzicht allerdings noch nicht. Eltern ohne Auto sind „besonders rar“, sagen die Experten vom Infas-Institut.

Sicher könne nicht jeder sein Leben so einrichten wie sie, meint Esther Jahns. Auf dem Lande sei das etwas anderes. Aber in der Stadt? Da wundert sie sich, dass Freunde immer noch verdutzt sind, wenn sie sagt, dass sie für den Urlaub ein Mietauto haben. „Es kommt gar keiner darauf, dass wir ohne Auto sein könnten“, so Jahns.

Oft redet sie nicht darüber. Für Esther Jahns, ihren Mann und ihre Tochter ist das Leben ohne Auto nicht weiter erwähnenswert, es ist zu normal für sie. Jetzt steigt sie mit ihrer Tochter aus der U-Bahn. Sie werden gerade noch rechtzeitig zum Geigenunterricht kommen. „Bei idealen Bedingungen wären wir mit dem Auto vielleicht schneller gewesen“, meint Esther Jahns. Allein: Die Bedingungen auf der Straße sind selten ideal.

Hanna Gersmann

fairkehr 5/2019