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Titel 4/2009

Jede Reise ein kleiner Umzug

Familien müssen täglich viele Wege zurücklegen. Aufs Auto wollen die meisten nicht verzichten.

Foto: Sebastian HoffIn den Urlaub reist Familie Oltrogge auch mal mit dem Campingbus, ­zuhause fahren Eltern und Kinder ausnahmslos Fahrrad.

Für ihren Urlaub an der Atlantikküste haben die Oltrogges auch dieses Jahr eine Ausnahme gemacht: Normalerweise kommt die hannoversche Familie ohne Auto aus, aber wenn es auf Reisen geht, ist der zum Campingmobil umgebaute VW-Sprinter erste Wahl. An Bord sind neben den Eltern und vier Kindern außerdem ihr Hund, Surfboards und Fahrräder.

Jeder Urlaub und jeder Wochenendausflug gerät für Familien schnell zu einem kleinen Umzug: Die Windeln müssen mit und die Babynahrung. Bücher und Spielzeug. Regenkleidung und Badesachen – für mehrere Personen. Deshalb steigt die deutsche Familie in der Regel ins Auto, wenn es auf Reisen geht.

„Wenn wir am Ziel angekommen sind, machen wir jedoch alles mit dem Fahrrad“, betont Katrin Oltrogge. Das Mobilitätsverhalten der Oltrogges unterscheidet sich an der Atlantikküste nicht wesentlich von ihrem Alltag in Hannover. Zu ihren fünf beziehungsweise sieben Kilometer entfernten Arbeitsstätten fahren die Grundschullehrer Katrin und Hans fast ausnahmslos mit dem Rad. Die beiden älteren Kinder nehmen den Linienbus zur Schule. Die zweitälteste Tochter wird mit dem Fahrrad zum Kindergarten begleitet. Im Anhänger sitzt die zweijährige Schwester, der Hund läuft nebenher. Einkäufe erledigt Katrin Olt­rogge zumeist mit Fahrrad und Anhänger, weil sie damit direkt vor den Eingangstüren der Geschäfte parken kann. Auch die meisten Freizeitaktivitäten sind für die Familie ohne Auto zu erreichen. „Wir haben uns ganz gezielt eine Wohnung in zentraler Lage gesucht, damit wir alle Wege mit dem Fahrrad oder zu Fuß machen können“, erzählt Hans Olt­rogge. Der 39-Jährige machte erst mit 30 Jahren seinen Führerschein, kurz bevor das zweite Kind kam. Bis zu dem Zeitpunkt brauchte er kein Auto.

Auf dem Land Exoten

In ihrer Beweglichkeit eingeschränkt fühlen sich die Oltrogges nicht, seit sie Kinder haben. Allerdings ist ihre Mobilität mit deutlich größerem Aufwand verbunden. „Wir müssen sehr gut planen und vieles bedenken“, sagt die 41-jährige Katrin. Das Ehepaar glaubt nicht, dass sich in ihrem Mobilitätsverhalten viel ändern wird, wenn die Kinder älter sind. Aber sie können sich vorstellen, später einmal außerhalb Hannovers zu leben und weitere Strecken mit dem Fahrrad zurückzulegen.

Damit wären sie auf dem Land vermutlich Exoten – wie die Familie von Ilten. Die 39-jährige Juliane pendelt mehrmals in der Woche vom beschaulichen Gestorf ins 26 Kilometer entfernte Hannover – mit dem Fahrrad. Ihr 41 Jahre alter Mann Thomas radelt 22 Kilometer zur Arbeit nach Hildesheim und wieder zurück. Die Fahrten zur Arbeit sind für die von Iltens in erster Linie eine Möglichkeit, sportliche Aktivitäten in den engmaschigen Familienalltag einzuplanen.

Ihre einjährige Tochter wird mit dem Anhänger zur Tagesmutter gebracht, die sieben und neun Jahre alten Geschwister machen alle Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Schule, Sportverein und Freunde befinden sich im Ort. Für Urlaube und Ausflüge, für Einkäufe und eigene Freizeitaktivitäten nutzen die Eltern allerdings regelmäßig eins ihrer zwei Autos.

Foto: Sebastian HoffDie Busverbindungen raus aufs Land sind dünn, deshalb haben wie die Hemmers die meisten Familien ein Auto.

Mit Kindern meistens automobil

Der Verzicht auf den eigenen Pkw ist außerhalb der Städte weiterhin die Ausnahme, besonders für Familien. Viele können sich ein Leben ohne Auto nur schwer vorstellen, zumindest empfänden sie es als Einschränkung. Mit Kindern vergrößert sich der organisatorische und logistische Aufwand für Mobilität, die Zahl der Fahrten nimmt zu, in ländlichen Regionen ist das ÖPNV-Angebot in der Regel dünn. Nicht zuletzt deshalb besitzen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2008 über 90 Prozent aller Haushalte mit drei und mehr Personen ein eigenes Auto. Die Quote steigt mit der Anzahl der Kinder und der Höhe des Einkommens.
Antje Hemmer hat immerhin versucht, ihr Mobilitätsverhalten zu ändern: Sechs Wochen lang nahm die 40-Jährige aus Garbsen an einem Modellversuch der Verbraucherzentrale Niedersachsen teil und ließ das Auto möglichst oft stehen. Dafür wurden ihr Monatskarten für Bus und Bahn und ein Einkaufskorb fürs Fahrrad gestellt.

Antje Hemmer wollte vor allem Geld sparen. Ihr Familienvan, ein Ford Mondeo Kombi, schluckt im Stadtverkehr immerhin zwölf Liter auf 100 Kilometer. Wenn sie mit der Bahn zur Arbeit fährt, zahlt sie rund 100 Euro Spritgeld im Monat weniger. Die Monatskarte für den Verkehrsverbund Region Hannover kostet 63 Euro. Es gibt allerdings kein attraktives Familienticket, nur am Abend und am Wochenende können weitere Personen auf der Karte mitfahren.

Mit Kindern klimaverträglich unterwegs

Wer ein Auto besitzt, empfindet die Alternativen schnell als teuer, weil die laufenden Kosten bei einzelnen Fahrten nicht bewusst werden. Dabei kostet ein Auto bei einer Fahrleistung von jährlich 15000 Kilometern durchschnittlich 750 Euro im Monat. „Rund die Hälfte aller gefahrenen Strecken mit dem Auto liegen unter fünf Kilometern, können also auch gut mit dem Fahrrad zurückgelegt werden“, meint Anita Bugiel, Mitarbeiterin beim VCD-Projekt „Klimaverträgliche Mobilität“. Das mache Kindern nicht nur mehr Spaß, als im Auto zu sitzen. „Viele Kinder leiden zudem unter Bewegungsmangel. Wenn sie Fahr­rad fahren, tun sie etwas für ihre Gesundheit“, sagt Bugiel.

Familien, die ohne Auto mobil sein wollen, empfiehlt Anita Bugiel die VCD-Broschüre „Mit Kindern klimaverträglich unterwegs“, in der viele praktische Tipps zu finden sind, vom „Schulbus auf Füßen“, über Tandem-Bikes bis hin zu familienfreundlichen autofreien Urlaubszielen. Es muss für die Kinder ja nicht unbedingt die Klavierlehrerin in der nächstgrößeren Stadt oder der Sportverein im Nachbardorf sein, wenn es im eigenen Ort ebenfalls gute Angebote gibt. „Auch viele Ausflugsziele lassen sich gut mit Bus, Bahn oder Fahrrad erreichen. Es muss dann eben mehr Zeit eingeplant werden“, sagt Anita Bugiel. „Wenn man zu Kompromissen und Veränderungen bereit ist, die gar nicht wehtun müssen, ist ein weitgehend autofreies Familien­leben realisierbar.“

    Sebastian Hoff

fairkehr 5/2019