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Titel 4/2009

Anschluss dank Kirchenbulli

Alte und ganz junge Menschen sind auf dem Land ohne Auto oft vom Rest der Welt ­abgeschnitten. ÖPNV-Projekte sollen Abhilfe schaffen.

Foto: Philipp SchulzeSenioren chauffieren Senioren: Gerhard Klein, der 71-jährige ehrenamtliche Fahrer des ­gespendeten Kirchenbusses, ­gehört zu jener Spezies Mensch, die das Leben auf dem Land am Laufen hält.

Das Gesprächsthema Nr. 1 an diesem Dienstagmorgen ist der Aldi-Markt. Die älteren Damen im Kirchenbulli freuen sich auf den Discounter, der im Spätsommer in Rosche eine Filiale eröffnet. Noch aber hat das eingesessene Kaufhaus Külbs in dem 2000-Seelen-Ort zwischen Lüneburger Heide und Wendland eine Monopolstellung inne. Chauffeur Gerhard Klein steuert den VW-Bus direkt vor die Ladentür im Zentrum Rosches. Der 71-jährige Rentner hilft seinen Fahrgästen beim Aussteigen und reiht ihre Rollatoren auf dem Gehweg auf. „Seit dem Schützenfest 2007“, erinnert sich Pastor Uwe Mestmäcker genau, „tourt der gespendete Kirchenbus durch die Region.“ Klein arbeitet seit Oktober 2008 als ehrenamtlicher Fahrer. Immer dienstagvormittags ist er auf einer festen Route unterwegs. Oft sind seine Fahrten die einzige öffentliche Verbindung von Dörfern wie Katzien, Stütensen oder Bruchwedel zum Gemeindesitz Rosche.

Von Bankewitz – 150 Einwohner, ein „reines Rentnerdorf“ – müsse man ansonsten mit dem Regionalbus zunächst in die Kreisstadt Uelzen fahren und dort auf eine Linie in die Gegenrichtung umsteigen, wolle man nach Rosche zum Arzt oder ins Rathaus, beschreibt Klein die Paradoxien des ländlichen ÖPNV. Ein Umweg von 26 Kilometern. Weil Klein die Nöte der alternden Landbevölkerung kennt, sitzt er am Steuer des Kirchenbullis. Andere Gemeindemitglieder spenden für diesen Zweck. Junge Leute, die Besorgungen und Arztfahrten für ihre Eltern übernehmen könnten, sind rar. Sie ziehen in der Regel nach der Schule fort.

Die Jugend hat ein Mobilitätsproblem

So geht es auch Lieselotte Wohlgemuth. Der Sohn wohnt im Ruhrgebiet, die Tochter in Travemünde, und sie muss zusehen, wie sie allein über die Runden kommt – in Probien, acht Kilometer entfernt von allen Annehmlichkeiten der Warenwelt. Nichts widerstrebt ihr mehr, als bei Nachbarn oder Bekannten um Gefälligkeiten „zu betteln“, sagt sie. Per Fahrrad nach Rosche – damit ist es für die 78-Jährige vorbei, seit nach mehreren Brüchen und Operationen ihr linkes Bein um acht Zentimeter verkürzt ist. Auch das Laufen fällt ihr schwer. Die Witwe ist sehr dankbar über den kostenlosen Transfer im Dorfshuttle. Dienstag ist nun ihr Einkaufstag, das teilt sie sich so ein. Und schließt dank Kirchenbus Bekanntschaften: Zwei Damen aus Rosche kommen manchmal zum Kaffee zu ihr hinaus.

Rosches Pastor Uwe Mestmäcker würde den Fahrdienst gern weiter ausbauen. Denn auch die dörfliche Jugend hat ein Mobilitätsproblem. Ein Holdienst von der Disco oder von Feten schwebt dem Seelsorger vor. Der Busservice zum Roscher Freibad im Sommer 2008 allerdings floppte. Offenbar waren Fahrrad und Mama-Taxi attraktiver und flexibler.

Taxis fürchten die Konkurrenz

Ein Taxiproblem hat auch der noch junge Bürgerbus in der Nachbargemeinde Bienenbüttel. Anders als in Rosche gibt es am Ort Taxiunternehmen, die angesichts des ambitionierten Projekts um ihr Geschäft fürchten. Denn wer sich einen Tag vorher anmeldet, den holt der Bürgerbus aus seinem Dorf ab und bringt ihn ans gewünschte Ziel – kostenlos. Ein ehrenamtlicher Fahrer steht an allen Werktagen bereit. Ein Fahrpreis wird nicht erhoben, weil man bürokratische Klippen wie den „Berechtigungsschein zur Personenbeförderung“ umschiffen wollte. „Die Jugendfeuerwehr stellt tagsüber ihren Bus zur Verfügung, die politische Gemeinde übernimmt die Versicherung und die Kirchengemeinde die Organisation“, sagt Christine Freytag, Leiterin des Projektes der Diakonie Uelzen und Ideengeberin des Projektes Bürgerbus.

Als Kompromiss mit der gewerblichen Taxi-Konkurrenz müssen die Fahrgäste künftig auf dem Amtsweg ihre soziale Bedürftigkeit nachweisen und erhalten dann eine Berechtigungskarte für den Bürgerbus. Freytag fürchtet nun um die Akzeptanz, denn als bedürftig gebe sich keiner der meist älteren Nutzer vor Bekannten gern zu erkennen.

Foto: Philipp SchulzeAuf Knopfdruck kommt der Linienbus.

Linienbus auf Knopfdruck

Bei so viel Innovationslust sozial Engagierter kommt jetzt auch Bewegung in das starre System des öffentlichen Busverkehrs. Den Landflecken Molbath in der Gemeinde Rosche, eine Handvoll Häuser und kaum mehr Menschen, fährt Gerhard Klein mit dem Kirchenbulli nur auf ausdrückliche Anforderung hin an. Und seit einigen Monaten tut es ihm der Linienbus gleich. Eine Neuerung, die Geschäftsstellenleiter der Regionalbus Braunschweig RBB im Kreis Uelzen, Hans-Joachim Leibrandt, stolz „ein Pilotprojekt“ nennt. Bisher gab es werktags maximal fünf reguläre Linienverbindungen nach Molbath. Nun kann mit Ausnahme der Schülerbusse morgens und mittags jeder Bus von der Haltestelle aus per Knopfdruck herbeigerufen werden, zwischen 20 und fünf Minuten vor der gewünschten Abfahrtszeit.

Das funkgesteuerte System funktioniert noch mit dem Umweg über die Leitstelle, die Anforderung soll aber bald direkt beim Busfahrer auflaufen. In Molbath signalisiert ein grünes Licht, dass der Vorgang erfolgreich war. Auch Busverspätungen können gemeldet werden. Die Stromversorgung erfolgt über ein eigenes Solarpaneel. Eine solche energieautarke Haltestelle kostet laut Leibrandt zwischen 5000 und 8000 Euro. Der RBB-Mann ist froh, dass „Lustdrücken“ – eine Art Klingelstreich beim Bus – und Vandalismus bisher ausgeblieben sind. Was bringt die Technik den Dorfbewohnern, außer dass sie länger an der Haltestelle warten müssen? Es sei mit diesem System möglich, das ÖPNV-Angebot im ländlichen Raum zu verbessern, versichert Leibrandt.

Vorläufig aber müssen sich die Nutzer noch auf kuriose Vorfälle gefasst machen, wie sie der 14-jährige Sebastian bei einem geplanten Ausflug nach Uelzen erlebte: Da kam der Bus in die Gegenrichtung statt des angeforderten.

Claus Rosenau

fairkehr 5/2019