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Politik 4/2009

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die Welt verhandelt über ein neues Klimaabkommen. Industrie- und Schwellenländer müssen sich im Dezember auf ehrgeizige Ziele einigen, um die schlimmsten Klimafolgen zu verhindern.

Foto: www.istockphoto.comDamit nicht bald der letzte Eisbär einsam auf seiner Scholle treibt, muss der weltweite Treibhausgasausstoß massiv reduziert werden.

Der Chefverhandler der Vereinten Nationen für ein neues Klimaabkommen wirkt erschöpft, aber zuversichtlich, als er Mitte Juni vor einer Gruppe Journalisten sitzt. Yvo de Boer, Generalsekretär der UN-Klimarahmenkonvention UNFCCC, hat zwei Wochen lang mit Vertretern aus mehr als 180 Ländern in Bonn Gespräche über einen Nachfolgevertrag des Kyoto-Protokolls geführt. Worauf sich die Länder inhaltlich geeinigt hätten, fragt jemand. „Ääh, auf nix, würd’ ich sagen“, antwortet der Holländer mit einem verschmitzten Grinsen. Doch es liege ein neuer 200 Seiten langer Verhandlungstext vor, der bis Dezember auf die wichtigsten Punkte eingedampft werden müsse.

Vom 7. bis zum 18. Dezember wird die Welt auf dem UN-Klimagipfel in Kopenhagen entscheiden, wie der internationale Klimaschutz nach dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls Ende 2012 aussehen soll. Im Kyoto-Protokoll haben sich die Industriestaaten, außer den USA, verpflichtet, ihren Treibhausgasausstoß bis 2012 um 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Um das Klima noch zu retten, muss ein neues Abkommen allerdings erheblich ehrgeiziger ausfallen und auch die Entwicklungsländer in die Pflicht nehmen.

Zwei-Grad-Ziel fast nicht mehr erreichbar

Dass der Mensch zum Treibhauseffekt beiträgt, bestreitet kein ernstzunehmender Wissenschaftler mehr. Seit dem Durchbruch der Industrialisierung vor 150 Jahren ist die globale Durchschnittstemperatur um 0,8 Grad angestiegen. Um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden – immer mehr Wetterkatastrophen, rapider Anstieg des Meeresspiegels, großes Artensterben, Ausbreitung von Krankheiten, Krieg um Wasservorräte – dürfe es auf der Erde im Vergleich zur vorindustriellen Zeit maximal zwei Grad wärmer werden, so der Weltklimarat IPCC in seinem Bericht 2007. Nach den Berechnungen des mit 2500 Wissenschaftlern besetzten Gremiums muss der weltweite Treibhausgasausstoß bis 2020 um bis zu 40 Prozent sinken, bis 2050 um mindestens 80 Prozent. Zurzeit steigt die Treibhausgaskonzentration allerdings weiter an.

„Feststeht: Wir befinden uns mitten im Klimawandel und wir werden ihn weiter vorantreiben“, sagt UNFCCC-Chef de Boer. Etwa ein Fünftel des heute produzierten CO2 wird wohl Jahrtausende in der Atmosphäre verbleiben. „Die CO2-Konzentrationen befinden sich schon jetzt auf einem Level, der voraussichtlich zu einem Temperaturanstieg zwischen 2 und 2,4 Grad führt“, schreiben zwölf IPCC-Wissenschaftler in einem im Juni veröffentlichten Bericht, der aktuelle Klimaforschungsdaten zusammenfasst. Demnach ist das Zwei-Grad-Ziel im Grunde nicht mehr zu erreichen – es sei denn, die weltweiten Emissionen würden sofort um 60 bis 80 Prozent reduziert.

Die drei Krisen gleichzeitig lösen

Für Christoph Bals, Geschäftsführer der Nord-Süd-Nichtregierungsorganisation Germanwatch in Bonn, ist dieser Befund kein Grund, den Kampf gegen den Klimawandel einzustellen – im Gegenteil: Die Anstrengungen müssten vervielfacht werden. Bals und etwa 50 weitere internationale NGO-Vertreter stellten während der Klimagespräche in Bonn einen 120-seitigen Entwurf für ein mögliches Kopenhagen-Klimaabkommen vor, mit dem die Welt noch zu retten wäre – und den viele der anwesenden Staaten nach Aussage Bals wohlwollend aufnahmen. Er sieht ehrgeizige Reduktionsziele für die Industriestaaten vor und beschreibt, wie sie die Entwicklungsländer bei der CO2-Reduktion und bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels unterstützen sollten. Zudem zeigt es auf, wie ein neues Klimaabkommen den Anstoß geben kann für eine „grüne“ industrielle Revolution. „Ich erwarte, dass Kopen­hagen der Kipppunkt wird für ein neues Ausmaß an Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien“, sagt Bals. „Wir müssen drei Krisen bewältigen: die Wirtschafts-, die Energiepreis- und die Klimakrise. Die Krisen ließen sich gleichzeitig lösen, wenn wir jetzt in massive Investitionen in klimafreundliche Technologien einstiegen.“

Einige Staaten haben das bereits erkannt: So enthalten die Konjunkturprogramme von China und Südkorea starke Anreize für Investitionen in klimarelevante Projekte. Auch die in der Bush-Ära als Klimasünder gescholtene USA haben unter Präsident Obama ihre Rhetorik geändert, unter anderem eine Offensive für die Produktion spritsparender Autos und von Elektrofahrzeugen gestartet und ein Klima-Gesetzespaket auf den Weg gebracht, das erstmals Obergrenzen für den CO2-Ausstoß im Land festlegt und über das der Senat im Herbst noch entscheiden muss.

Am Vorabend einer Revolution

Die veränderte Haltung der USA ist auch ein Grund dafür, dass Yvo de Boer den Journalisten nach den Verhandlungen in Bonn entspannt gegenübersitzt. Die explizite Ablehnung ambitionierter Klimaschutzziele durch die weltgrößte Industrienation hatte dazu geführt, dass auch die Schwellen- und Entwicklungsländer nicht zu Reduktionszusagen bereit waren, die sie in ihrem Wachstum hindern könnten. Denn die Klimadebatte ist auch eine Gerechtigkeitsdebatte: Obwohl die Entwicklungsländer bislang kaum zum Klimawandel beigetragen haben, sind sie am stärksten von den Folgen betroffen. Deshalb fordern sie von den Industrienationen, den größten Teil der CO2-Reduktionen zu übernehmen und gleichzeitig die ärmeren Länder finanziell zu unterstützen. „Ohne Geld bekommt man kein Engagement von den Entwicklungsländern. Und ohne das Engagement der Entwicklungsländer ist es unmöglich, ein Abkommen zu ratifizieren“, fasst de Boer zusammen.

Der UNFCCC-Chef nennt vier wichtige Ziele, die in Kopenhagen erreicht werden und in nachfolgenden Verhandlungen ausgearbeitet werden müssen: klare Reduktionsvorgaben für die Industriestaaten, angemessene Reduktionsziele für Schwellenländer wie China oder Brasilien, eine ausreichende finanzielle Unterstützung der Entwicklungsländer bei Klimaschutz und Anpassung und die Schaffung einer Behörde, die diese Gelder verwaltet. „Der Prozess geht langsam voran, wir müssen noch viel Boden gewinnen“, sagt de Boer. Doch er scheint optimistisch, dass es gelingt. „Mit dem heutigen Wirtschaftsmodell ist weiteres Wachstum nicht möglich, es muss etwas Besseres kommen. Wir stehen am Vorabend einer ökonomischen Revolution.“    

Kirsten Lange

Wie es weitergeht

Verlauf der Klimaverhandlungen

Zwei Arbeitsgruppen verhandeln auf den Konferenzen über die Zukunft des Klimas: die Gruppe unter der UN-Klimarahmenkonvention und die Gruppe unter dem Kyoto-Protokoll. Die UN-Klimarahmenkonvention UNFCCC wurde 1992 verabschiedet, um die Erderwärmung zu verlangsamen und ihre Folgen abzumildern. 192 Staaten gehören der UNFCCC bislang an. 1997 erarbeiteten die Staaten das Kyoto-Protokoll, das bislang 185 Länder unterzeichnet haben. 37 industrialisierte Nationen sind darin Reduktionsverpflichtungen eingegangen. In der Arbeitsgruppe unter der Klimarahmenkonvention wird über langfristige Reduktionsziele für alle Staaten, Anpassungsstrategien und Technologietransfer verhandelt. Die zweite Arbeitsgruppe konzentriert sich auf Ergänzungen zum Kyoto-Protokoll. Sie sollen weitergehende Treibhausgasreduktionen für die Industriestaaten ab 2013 enthalten. Vor dem Kopenhagener Weltklimagipfel treffen sich die Arbeitsgruppen zu weiteren Gesprächen in Bonn, Bangkok und Barcelona.

Die Rolle des Verkehrs im Abkommen

Die Staaten verhandeln darüber, den weltweiten Flug- und Schiffsverkehr in einen Emissionshandel einzubeziehen. Nach Aussage von Christoph Bals von Germanwatch bestehen zwar Chancen, dass sie sich in Kopenhagen einigen, aber es seien noch Riesenhürden zu überwinden. Länder wie Saudi-Arabien blockieren, weil sie fürchten, weniger Öl zu verkaufen. Inselstaaten, die abhängig sind vom Tourismus, haben Angst, dass die Urlauber ausbleiben. Im Rahmen des Major Economy Forums haben die teilnehmenden Industrie- und Schwellenländer außerdem Roadmaps für bestimmte Technologien angekündigt. Staaten, die sie umsetzen wollen, würden technologisch und finanziell unterstützt. Roadmaps seien beispielsweise für die Entwicklung des ÖPNV oder der Elektromobilität denkbar, so Bals. Die Idee der Roadmaps soll in den Kopenhagen-Prozess eingebracht werden.

Ergebnis des G8-Treffens in L’Aquila

Kleine Fortschritte: Die Industrie- und Schwellenländer einigten sich im Juli erstmals auf das Zwei-Grad-Ziel als notwendige Mindestgrenze. Die G8-Staaten wollen ihren CO2-Ausstoß bis 2050 um 80 Prozent reduzieren, wenn die Schwellenländer mit 30 Prozent nachziehen.

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