fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

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Radfahrende sind auf der Rue de Rivoli in Paris unterwegs.
Foto: Tim Albrecht
Meteorologe Özden Terli steht vor der Wetterkarte.
Foto: ZDF/Torsten Silz
Ein Regionalzug fährt über eine Brücke über den Fluss Sieg.
Foto: Uta Linnert

Titel 3/2009

Frische Luft atmen

Luft ist das Lebensmittel schlechthin. Also sollten wir dafür sorgen, dass sie sauber bleibt.

Foto: FotoliaAlles, was guttut: weiter Himmel, Ruhe und frische, klare Luft.

Frische Luft macht gesund – das war schon in der Antike bekannt. Im Zeitalter der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert verordneten Mediziner Luftbäder zur Abhärtung. Im 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts meinten Ärzte, dass eine Luftkur Tuberkulose heile, und ließen ihre Patienten mehrere Stunden auf Liegestühlen im Freien entspannen. Dagegen sei „verdorbene Luft das reinste und tödlichste Gift“. So schrieb der Mediziner Christoph Wilhelm Hufeland Ende des 18. Jahrhunderts – zu einer Zeit, als in Deutschland die ersten Fabriken und Koksöfen ihren rauchenden Betrieb aufnahmen und in London bereits Hunderte Menschen an Smog starben.

Heute sorgen in Europa weniger die mittlerweile gut gefilterten Abgase aus Fabrikschornsteinen für dicke Luft, sondern vor allem die Schadstoffe aus Autos, Lastwagen und Schiffen. Besonders in der Diskussion ist seit ein paar Jahren Feinstaub aus den Auspuffen von Diesel-Pkw, Diesel-Lastwagen und Baumaschinen. Durch die winzigen Rußpartikel sterben nach Forschungen des Münchener GSF-Instituts für Epidemiologie jedes Jahr in Deutschland bis zu 19.000 Menschen vorzeitig. Je kleiner, desto gefährlicher: Die feinsten Stäube aus Dieselmotoren lösen Krebs aus.

Die EU hat deshalb 2005 verpflichtende Grenzwerte eingeführt: Der tägliche Durchschnittswert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft darf an höchstens 35 Tagen überschritten werden. Immer mehr Kommunen in Deutschland, zurzeit sind es 34, richten seit Anfang 2008 sogenannte Umweltzonen ein. Dort dürfen Autos, Transporter und Lkw, die zu viele Rußteilchen in die Luft schleudern, nicht fahren. Wer seinen alten Diesel mit einem Partikelfilter nachrüsten lässt, kann ein Fahrverbot vermeiden und erhält noch bis Ende des Jahres 330 Euro vom Staat. „Wer nachrüstet, leistet einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge, für mehr Lebensqualität in den Städten – und zum Klimaschutz“, sagt VCD-Verkehrsreferent Michael Müller-Görnert.

Gesunde Luft ist einklagbar

Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht auf saubere Luft. Das bestätigte der Europäische Gerichtshof im Juli 2008 in einem Grundsatzurteil. Demnach können Anwohner einer Straße die zuständigen Behörden verpflichten, einen Aktionsplan gegen Feinstaub aufzustellen, wenn die Gefahr besteht, dass die Grenzwerte überschritten werden.

Der VCD begrüßte das Urteil als einen Meilenstein im Kampf für gesunde Luft: Die Städte in ganz Europa müssten nun dafür sorgen, dass so wenig Schadstoffe wie möglich in die Atemluft gelangten. Neben einer Filterpflicht für alle Dieselfahrzeuge fordert der VCD Tempo 30 innerorts, bessere Bus- und Bahnverbindungen und Wohlfühlbedingungen für Fußgänger und Radfahrer.

Weiträumige Umweltzonen sind nicht das einzige Instrument für bessere Luft – aber ein wirksames. Das haben die ersten Untersuchungen aus den 2008 eingerichteten Umweltzonen ergeben. Demnach sanken in Berlin die Rußemissionen aus dem Verkehr rechnerisch um ein Viertel, der Stickstoffdioxidausstoß verringerte sich um 14 Prozent. Dass Umweltzonen ein notwendiges Mittel für bessere Luft sind, bestätigte Ende April auch das Verwaltungsgericht Hannover.

Das größte Stärkungsmittel

2010 treten EU-weit Grenzwerte für Stickstoffdioxid NO2 in Kraft. Auch dieser Schadstoff wird vor allem von Dieselfahrzeugen in die Luft geblasen. In hohen Konzentrationen reizt NO2 die Schleimhäute und verursacht Atemwegserkrankungen. Stickoxide sind für hohe Ozonwerte im Sommer verantwortlich und tragen dazu bei, dass Böden, Seen und Flüsse versauern. Hannover und Berlin verschärfen deshalb Anfang 2010 ihre Umweltzonen: Nur noch Fahrzeuge, die so wenig Schadstoffe in die Luft blasen, dass sie eine grüne Plakette bekommen, haben dann freie Fahrt.

Saubere Luft ist, wie Mediziner Hufeland 1797 schrieb, „gewiß das größte Erhaltungs- und Stärkungsmittel unsres Lebens“. Deshalb zahlt es sich in doppelter Hinsicht aus, das Auto stehenzulassen und möglichst viele Wege zu Fuß und mit dem Fahrrad zurückzulegen: Auf diese Weise weht einem die frische Luft nicht nur um die Nase – man trägt auch dazu bei, dass sie sauber bleibt.

Kirsten Lange

Mehr Informationen: www.vcd.org/autoundumwelt.html

Datenbank mit einem Überblick über Nachrüstfilter: www.partikelfilter-nachruesten.de 

Was unsere Lungen füllt

Reine Luft besteht zu etwa 78 Prozent aus Stickstoff und zu 21 Prozent aus Sauerstoff. Weitere wichtige Komponenten sind das Edelgas Argon mit 0,9 Prozent und Kohlenstoffdioxid mit 0,04 Prozent. Alle weiteren Gase wie Wasserstoff, Kohlenmonoxid, Methan, Stickoxide, Schwefeldioxid oder Quecksilber sind in sauberer Luft nur in Spuren zu finden. Luftverschmutzung ist laut Bundes-Immissionsschutzgesetz „eine Veränderung der natürlichen Zusammensetzung der Luft, insbesondere durch Rauch, Ruß, Staub, Aerosole, Dämpfe oder Geruchsstoffe“. So führen erhöhte Schwefeldioxid- und Stickoxidemissionen zu saurem Regen. Staub- und Rußpartikel, Kohlenmonoxid, Stickoxide, Schwefeldioxid und Kohlenwasserstoffe sind Hauptverursacher des krank machenden Smogs.

fairkehr 3/2022

Cover der fairkehr 3/2022 zum Thema Klima: Alarmstufe Rot!