fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

Obere Wilhelmstraße 32 | 53225 Bonn | Telefon (0228) 9 85 85-85 | www.fairkehr-magazin.de

Radfahrende sind auf der Rue de Rivoli in Paris unterwegs.
Foto: Tim Albrecht
Meteorologe Özden Terli steht vor der Wetterkarte.
Foto: ZDF/Torsten Silz
Ein Regionalzug fährt über eine Brücke über den Fluss Sieg.
Foto: Uta Linnert

Reise 3/2009

Besser einkaufen

Auch ökologisch und fair produzierte Kleidung muss vor allen Dingen schön sein und gut passen.

Foto: Marcus GlogerWeg vom Kartoffelsack-Image: Ökologisch hergestellte Kleider und Pullover müssen sich im Schnitt nicht von konventioneller Mode unterscheiden.

Das blaue T-Shirt sitzt perfekt und fühlt sich wunderbar weich an. Es passt zur Bluejeans und auch zur weißen Röhrenjeans, die drüben auf dem Ständer hängt. Das Hemdchen ist nicht zu teuer und vor allem: Es ist durch und durch öko, aus biologisch angebauter Baumwolle, unter sozial verträglichen Bedingungen genäht und fair gehandelt. Es ist Teil der Kollektion Lanius, einer Modelinie, die Claudia Lanius, die 42-jährige Designerin in Köln, entwirft.

Wer ökologische und faire Kleidung kaufen will, kann nicht auf gut Glück die erstbesten Boutiquen ansteuern. So ein Einkaufsbummel will geplant sein und erfordert eine gewisse Vorrecherche. Einige große Handelsketten fangen an, Ökolinien einzurichten, und Markenfabrikanten haben Jeans aus „green cotton“, sogenannter „grüner Baumwolle“, im Sortiment. Auch Designer, die mit ökologisch zertifizierten Stoffen produzieren, öffnen erste Läden. Und Ökoversandhäuser wie Hess Natur, die traditionell Blusen aus Biobaumwolle und Hanfkleider aus heimischer Produktion im Sortiment haben, errichten Filialen, weil sie hoffen, damit näher an den Kundinnen zu sein.

Meine erste Ökophase habe ich längst hinter mir. Ende der 70er Jahre trugen wir Mädchen Strickpullover aus selbstgesponnener Schafswolle und die Oberhemden unserer Väter auf. Zur Abiturfeier oder für Omas runden Geburtstag kauften wir uns ein wadenlanges Hippiekleid aus dem Eine-Welt-Laden, mit dem man später herrlich auf Folkfestivals die Nächte durchtanzen konnte. Ansonsten war Konsum eher verpönt.

Foto: Marcus GlogerOb die Lederjacke mit weniger Chemie gegerbt oder fair gehandelt wurde, kann für die Kundin beim Kauf ausschlaggebend sein.

Die Zeiten haben sich geändert. Und die Mode auch. Einkaufen gehen ist heute eine der meistgenannten Freizeitbeschäftigungen junger Frauen. Zara & Co. wechseln mehrmals im Jahr ihre Kollektionen: Ständig gibt es neue Teile anzuprobieren, und T-Shirts unter zehn Euro ziehen die junge Kundschaft magisch an. Auch die umweltbewusste Kundin mittleren Alters kauft gerne ein. Ökologisch zu leben bedeutet heute nicht mehr Verzicht und Entsagen. Besser einkaufen heißt, das Geld für Produkte auszugeben, die der Welt vielleicht ein bisschen weniger schaden.
Was gar nicht so einfach ist. Der Inhalt jeden Kleiderschranks hat heute eine Weltreise hinter sich, und unter welchen Bedingungen die Kleidung hergestellt wurde und wie viel Wasser und Chemie zum Einsatz kamen, ist reine Spekulation.

Öko darf nicht zu teuer sein

Auch Claudia Lanius lässt in China weben und nähen. Sie muss auf die Preise schauen. „Unsere Kundinnen möchten nicht mehr bezahlen, nur weil die Kleidung öko ist“, sagt die Geschäftsfrau aus langjähriger Erfahrung. Sie achtet aus Überzeugung auf pestizidfreien Anbau bei Baumwolle und Hanf, ökologische Herstellung von Seide und Garnen und sozialverträgliche Produktionsbedingungen. Zusammen mit ihrer Freundin Nicolette Rosin betreibt die Designerin seit drei Jahren mehrere Läden in Köln, einen davon im Agnesviertel, einem gutsituierten Wohn- und Geschäftsbezirk etwas außerhalb der City.

Der Lanius-Laden ist hell und freundlich eingerichtet, in zarten Farben gestrichen und hat einen warmen Holzboden. Wir probieren weite weiße Leinenhosen aus biologisch angebauter Baumwolle, die sich auf den ersten Blick in nichts von gewöhnlichen Hosen unterscheiden. Im Stoff ihrer Hanf-Shirts haben die Lanius-Designerinnen einen Schuss Seide mitverweben lassen, was dieses in Standardkonfektionen noch unübliche Material fließender fallen lässt. Auf der Jeans der Firma Kuyichi weist ein kleines grünes Zusatzetikett an der Hosentasche darauf hin, dass die Hose unter sozial verträglichen Bedingungen genäht und genietet wurde. Sie sitzt perfekt. „Erst im engeren Verkaufsgespräch gehen wir auf die Herstellung und die besondere Qualität der Materialien ein. Zuerst muss die Kleidung der Kundin gefallen und gut passen. Sie soll sich wohlfühlen. Dann erst kommt das besondere Plus der zertifizierten Kleidung obendrauf“, sagt Nicolette Rosin. Was nicht schön aussieht oder den Stil der Kundin nicht trifft, das kauft sie trotz ausgeprägten Umweltbewusstseins nicht. Gutes Gewissen hin oder her.

„Am liebsten verlasse ich mich auf das neue GOTS-Siegel. Es steht weltweit für »Global Organic Textile Standard«, sagt Claudia Lanius, „aber wir kontrollieren auch selbst.“ Mehrmals im Jahr reist sie nach China, verhandelt mit ihren Vertragspartnern und schaut sich in den Fabriken um. Neben ihrer eigenen Kollektion verkaufen Lanius und Rosin auch Kleidung anderer Marken. Das meiste hat ein Siegel, aber nicht alles. „Wir brauchen eine gute Mischung im Sortiment, sonst können wir nicht überleben“, sagt Geschäftspartnerin Rosin.

Foto: Marcus GlogerZarte Strickjacken gehören heute ebenso zur Kollektion

Für die Zukunft braucht Ökokleidung einen kräftigen Marketing-Schub. „Wir müssen wegkommen vom Kartoffelsack-Image, das uns immer noch anhängt“, sagt Claudia Lanius. „Wenn ich allzusehr mit Öko werbe, rümpfen die Leute die Nase und denken an kratzige Jutesäcke.“ Erst seit ein, zwei Jahren wagt sich die Designerin ein bisschen mehr aus der Deckung und muss weniger fürchten, dass die trendbewusste Käuferin um Kleider mit Ökosiegel einen weiten Bogen macht. Auch Medien und Modezeitschriften berichten hin und wieder von den „Green Lines“ der Designer. Manch eine Prominente ließ sich in den letzten Jahren in ökologischen und fairen Klamotten ablichten und setzte so bei den Kundinnen den Impuls, auch über die eigenen Kaufgewohnheiten nachzudenken.

Nach ausführlicher Anprobe und Beratung bleibt es bei dem schönen, eng geschnittenen blauen T-Shirt aus organischer Baumwolle und einer dazu passenden Kette mit einem blauen Stein am Lederband. Weniger ist immer noch mehr. Meine Töchter finden, dass das Shirt ein kleines bisschen alternativ aussieht. Dann passt’s ja.

Uta Linnert

Lanius Köln, Neusserstraße 61, 50670 Köln

fairkehr 3/2022

Cover der fairkehr 3/2022 zum Thema Klima: Alarmstufe Rot!