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Politik 3/2009

Die Vision nicht verlieren

Obwohl auf deutschen Straßen jährlich Tausende von Menschen sterben, propagiert die Bundes­regierung immer noch nicht die „Vision Zero“ für null Verkehrstote und Schwerverletzte.

Foto: www.pixelio.de/MeyhomeÜberdurchschnittlich viele Fahranfänger zwischen 18 und 25 sterben im Straßenverkehr.

Jedes Jahr wird in Europa eine Kleinstadt ausgelöscht. 42.000 Menschen kamen 2007 nach Angaben der EU-Kommission auf Europas Straßen ums Leben. In Deutschland waren es im vergangenen Jahr 4500 Tote und 408.000 Verletzte.
„Das Auto genießt seit jeher eine Sonderstellung im gesellschaftlichen Bewusstsein“, sagt VCD-Referentin Anja Hänel. „Bei keiner anderen Technologie würden wir jährlich Tausende von Toten und Schwerverletzten akzeptieren. Kämen jede Woche hundert Menschen in Zügen um oder würde jeden Monat ein voll besetzter Passagierjet abstürzen, Bahn- und Luftverkehr wären nach kurzer Zeit eingestellt.“ Anja Hänel ist beim VCD zuständig für das Verkehrssicherheitsprogramm Vision Zero. Null Verkehrstote und Schwerverletzte im Straßenverkehr ist das langfristige Ziel.

„Jeder Unfall ist vermeidbar“, lautete vor mehr als 100 Jahren das Motto des US-amerikanischen Chemieunternehmens DuPont. Es prägte den Begriff Vision Zero und setzte ein entsprechendes Betriebsschutzprogramm erfolgreich um. Das Ziel auf den Straßenverkehr zu übertragen, klingt zwar utopisch. Doch Mitte der 90er Jahre entwickelte die schwedische Straßenverkehrsbehörde den Ansatz Vision Zero weiter, im Herbst 1997 beschloss die schwedische Regierung, das Konzept zur Grundlage ihrer Verkehrssicherheitspolitik zu machen.

Vision Zero geht davon aus, dass Menschen im Straßenverkehr Fehler machen, egal, wie sehr sie sich bemühen, es nicht zu tun. Das System Verkehr muss sich deshalb an den Menschen anpassen, nicht nur der Mensch an den Straßenverkehr. „Alle Elemente des Verkehrssystems werden so sicher gemacht, dass das Gesamtsystem Fehler verzeiht und niemand mehr bei Unfällen getötet oder schwer verletzt wird“, erklärt Anja Hänel. „Bei Vision Zero trägt nicht mehr der oder die Einzelne allein die Verantwortung für einen Unfall. Politiker, Planer, Straßenbauer, Polizei, Autohersteller, Versicherungen – jede Ebene verpflichtet sich, ihren maximalen Beitrag zur Verkehrssicherheit zu leisten und mit den anderen zusammenzuarbeiten.“

Regierung hat keine Vision

Der VCD fordert als ersten Schritt, bis zum Jahr 2010 die Zahl der Toten und Schwerverletzten im Straßenverkehr im Vergleich zum Jahr 2001 zu halbieren. Doch trotz diverser Vorbilder aus dem europäischen Ausland – neben Schweden haben auch die Niederlande, Großbritannien, die Schweiz und Österreich Verkehrssicherheitsprogramme verabschiedet, die ein zahlenmäßiges Ziel nennen – weigert sich die Bundesregierung bislang, Vision Zero zum Leitkonzept zu machen. Lediglich einzelne Bundesländer wie Berlin oder Nordrhein-Westfalen verfolgen einen ganzheitlicheren Ansatz bei der Verkehrssicherheitsarbeit.

Ende April lehnte der Verkehrsausschuss des Bundestags mit den Stimmen von SPD, CDU und FDP einen entsprechenden Antrag der Grünen ab. Darin wurde die Bundesregierung aufgefordert, einen Masterplan Vision Zero vorzulegen. Er sollte unter anderem die vom VCD geforderte Halbierung der Verkehrsopferzahl bis 2010 enthalten. Als Mindestanforderung nannten die Grünen die Einführung eines Tempolimits. Dagegen wandte sich vor allem die FDP-Fraktion. Dabei kommt die Weltgesundheitsorganisation WHO zu dem Schluss, dass in der EU jedes Jahr bis zu 6000 Leben gerettet, bis zu 140.000 Unfälle vermieden und 20 Milliarden Euro Unfallkosten gespart werden könnten, wenn die Durchschnittsgeschwindigkeit nur um drei Stundenkilometer gesenkt würde.

Die Verkehrssicherheitsarbeit müsse sich erreichbare Ziele stecken, heißt es aus dem Bundesverkehrsministerium als Antwort auf die Frage, warum die Regierung keine eigene Vision entwickele. Zwar sei Vision Zero das Leitbild von einem idealen Verkehrsraum, dessen philosophischem und kommunikativ eingängigem Ansatz sich niemand entziehen könne. „Mit Sicherheit nicht erreichbare Ziele sind jedoch demotivierend“, sagt Ministeriumssprecher Sven Ulbrich. Besser geeignet sei die Verkehrssicherheitsarbeit mit eingängigen Logos wie beispielsweise die aktuelle Kampagne des Ministeriums und des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) „Runter vom Gas“. Mit schockierenden Unfallszenen wird auf Plakaten, in Anzeigen und in Radio- und Fernsehspots auf die tödlichen Folgen des Rasens hingewiesen.

30 km/h überleben die meisten

„Die Bundesregierung steckt vor allem Geld und Arbeit in technische Verbesserungen und Aufklärungskampagnen“, stellt der VCD-Bundesvorsitzende Michael Gehrmann fest. „Aktionen mit Appellcharakter und aufrüttelnden Motiven sind durchaus ein wichtiger Bestandteil der Verkehrssicherheitsarbeit. Aber das reicht längst nicht aus.“ Der VCD setzt auf ein ganzheitliches Konzept. „Das System Straße setzt sich aus den Elementen Mensch, Fahrzeug, Straße und Gesetz zusammen“, erklärt Gehrmann. „Das sind die Handlungsfelder für mehr Sicherheit im Straßenverkehr.“ In seinem Masterplan Vision Zero erläutert der VCD, welche konkreten Schritte umgesetzt werden müssten, um die Zahl der Verkehrsopfer langfristig auf null zu bringen.

Im Handlungsfeld Recht und Gesetz fordert der VCD unter anderem die Null-Promille-Grenze am Steuer, eine Leistungsbegrenzung bei Pkw und ein Tempolimit von 120 Stundenkilometern auf Autobahnen, 90 auf Landstraßen und 30 km/h innerorts. „Aggressivität im Straßenverkehr findet auf Autobahnen ohne Tempolimit einen viel besseren Nährboden“, sagt VCD-Verkehrssicherheitsreferentin Anja Hänel. Fakt ist außerdem: Die meisten Menschen, die von einem Auto mit 30 Stundenkilometern erfasst werden, überleben – fährt der Pkw 50 km/h, sterben die meisten.

Bei der Fahrzeugsicherheit setzt sich der VCD dafür ein, dass nur noch Pkw für den Straßenverkehr zugelassen werden, die beim europäischen Crashtest-Programm Euro NCAP Bestnoten erreichen. Der Test berücksichtigt die Sicherheit von Pkw-Insassen, Fußgängern und seit Ende 2003 auch die Sicherheit mitfahrender Kinder.

Foto: Marcus GlogerDamit Kinder wirklich sicher zur Schule kommen, sollten sie ihre Schulwege mit planen.

Kinder an Planungen beteiligen

Auch bei der Straßenplanung sollte der Aspekt Verkehrssicherheit immer gleich mitgedacht werden. Breite Fahrbahnen laden zum Rasen ein. Neue Autobahnen sollten auf ein Tempolimit von 120 km/h ausgelegt werden, Landstraßen auf 90. Der VCD fordert außerdem, bei Straßenplanungen ein sogenanntes Sicherheitsaudit vorzuschreiben. Ein unabhängiger Gutachter be­urteilt, wie sicher der Straßenentwurf ist, ob beispielsweise eine Linksabbiegerspur sinnvoll wäre oder ob der Radweg so verläuft, dass Fahrradfahrer nicht gefährdet sind.

Zu schnell gefahren, zu viel getrunken, zu dicht aufgefahren, sich beim Abbiegen nicht umgeschaut: Die meisten Unfälle passieren aufgrund „menschlichen Fehlverhaltens“. „Nach der Schule und der Fahrausbildung gibt es nur noch wenige Gelegenheiten, Verkehrsteilnehmer mit pädagogischen Mitteln direkt zu erreichen“, sagt Anja Hänel. Ein sehr wichtiger Punkt ist für den VCD deshalb die Mobilitätserziehung. „Die traditionelle Verkehrserziehung hat sich lange Zeit darauf beschränkt, Kinder »verkehrstauglich« zu machen“, so die Vision-Zero-Referentin. „Erst in den letzten Jahren verbreiten sich auch ganzheitliche Konzepte im Sinne einer nachhaltigen Mobilitäts­erziehung, die nicht beim – durchaus notwendigen – Regelnlernen stehenbleibt.“ Die Kinder entdecken dabei, dass umweltfreundliche Fortbewegung, also Zu-Fuß-Gehen, Rad- oder Rollerfahren, sie nicht nur unabhängiger macht, sondern auch Spaß bringt.

Für ein besseres Miteinander

Kindergartenkinder und Schüler sollen lernen, dass Verkehr ein soziales System ist, in dem sie Verantwortung übernehmen müssen und das sie mitgestalten können. Gerade den letzten Aspekt hält Anja Hänel für entscheidend für den Erfolg von Vision Zero: „Wenn Kinder eingebunden werden in die Planung von Schulwegen, passieren anschließend weniger Unfälle. Sie müssen befragt werden nach ihren Schleichwegen, nach den Problemen, die ihnen auf ihren Wegen begegnen.“ (siehe auch Infokasten S. 25) Ebenso wichtig sei die Beteiligung erwachsener Verkehrsteilnehmer. So sollten beispielsweise Radfahrerinnen und Radfahrer schon im Vorfeld der Planungen einbezogen werden, wenn ein neues Radwegekonzept erstel­lt werde.

Um bessere Kommunikation und mehr Rücksichtnahme geht es auch beim Konzept „Shared Space“, das der 2008 verstorbene niederländische Verkehrsingenieur Hans Mondermann entwickelt hat. In verschiedenen Gemeinden in den Niederlanden und mittlerweile auch in Deutschland werden Ortskerne und innerstädtische Kreuzungen so umgestaltet, dass die Trennung von Fahrbahn, Rad- und Fußweg verschwindet. Alle Verkehrsteilnehmer sollen sich die Fahrbahn gleichberechtigt teilen, Verkehrsschilder werden abgebaut. ­Dadurch müssen Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer wieder mehr aufeinander achten, Augenkontakt aufnehmen oder sich Zeichen geben, Autos fahren automatisch langsamer.

Kein Grund zur Beruhigung

In den Gemeinden, in denen das Konzept bereits seit mehreren Jahren umgesetzt ist, sind die Unfallzahlen deutlich zurückgegangen. „Shared Space basiert auf der Beobachtung, dass das Verkehrsverhalten ebenso von der Ausstrahlung eines Orts beeinflusst wird wie von Ver- und Geboten“, erklärt Bernhard Schlag, Verkehrspsychologe an der TU Dresden und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des VCD. „Entscheidend ist, dass die Dominanz des Autoverkehrs aufgehoben wird. Zum Beispiel dadurch, dass ein Straßenbereich so gestaltet wird, dass er die Menschen zum Verweilen einlädt, dass sie über den Platz schlendern, dass die Aufenthaltsfunktion des öffentlichen Raumes und nicht die Verkehrsfunktion vorherrscht. Die Menschen erobern sich den Straßenraum zurück. Gut gestaltet ist Shared Space ein Schritt hin nicht nur zu einer sichereren, sondern auch zu einer lebendigeren Stadt.“ Das Konzept soll allerdings keine Alternative zu großflächig verkehrsberuhigten Tempo-30-Zonen sein, sondern eine Ergänzung an zentralen Plätzen und Kreuzungen.

Wer Gleichberechtigung im Straßenverkehr fördert, kann gleichzeitig Reglementierungen abbauen, ist sich der VCD-Vorsitzende Michael Gehrmann sicher. „Viele verbinden mit Vision Zero strengere Regeln und mehr Überwachung. Das ist nur zum Teil richtig“, sagt er. „Durch Konzepte wie Shared Space werden langfristig Bedingungen geschaffen, die Vorschriften weniger nötig machen.“
Die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland ist 2008 zwar auf den tiefsten Stand seit 1950 gesunken, was auch daran liegt, dass Autos für die Insassen immer sicherer geworden sind. Anja Hänel warnt jedoch davor, sich von diesen Zahlen zu sehr beruhigen zu lassen. „Die meisten von uns verdrängen den Gedanken an die Gefahr im Straßenverkehr. Wir gewöhnen uns an die Meldungen von Toten und Schwerverletzten. Solange nicht Angehörige oder Freunde betroffen sind, nehmen wir die täglichen Berichte über anonyme Unfallopfer eher beiläufig zur Kenntnis“, stellt die VCD-Verkehrsreferentin fest. „Vision Zero führt uns vor Augen, dass wir nicht beruhigt sein dürfen. Jeder Tote ist einer zu viel.“    

Kirsten Lange

Mehr Informationen und der Masterplan Vision Zero in Kurzfassung zum Download unter www.vcd.org/verkehrssicherheit.html

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fairkehr 3/2019