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Titel 2/2009

Interviews: Prominente mit Köpfchen

Die Sängerin Judith Holofernes will Klimaschutz zur Popkultur machen, für Britta Steffen ist Fahrradfahren ein Ausgleich zum täglichen Bahnenziehen in der Schwimmhalle und Starköchin Sarah Wiener besitzt kein Auto und geht gerne zu Fuß.

Foto: Marcus GlogerDie Frontfrau der deutschen Band „Wir sind Helden“ wohnt mit Freund und Kind in Berlin und fährt ihre Kurzstecken zum Einkaufen oder zum Kinderladen mit dem Rad. Am ­liebs­ten­ geht Judith Holofernes (32) aber zu Fuß.

fairkehr: Fau Holofernes, wie machen Sie das mit den Kurzstrecken? Sie sind nicht in einem Bürojob von 9 bis 5, führen ein eher bewegtes Leben, müssen Ihr Kind hin- und herbringen, brauchen Sie da nicht ein Auto?
Judith Holofernes: Ich muss natürlich viel Zeit in Verkehrsmitteln verbringen, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe, beruflich auch mehr fliegen, als ich möchte, aber in meinem Privatleben, im Alltag zu Hause, versuche ich, das rauszuhalten. Ich habe das Glück, dass ich einfach gerne laufe. Ich gehöre zu den Freaks, die jede Strecke bis zu einer halben Stunde einfach laufen. Ich wohne in Kreuzberg, und da macht das einfach Spaß.

Wenn Sie sich Ihre Fans angucken: Glauben Sie, dass diese Zielgruppe für unser Projekt zu begeistern ist?
Die Frage ist eher, wie viele von denen noch nicht begeistert sind. Aber wie bekommt man sie dazu, noch eine Strecke pro Woche hinzuzufügen? Vielleicht die, die ein Fahrrad haben, es aber nicht hinbekommen, einen Reifen zu reparieren, und das Rad deshalb im Keller stehen lassen.

Könnte Klimaschutz zu einem Teil der Popkultur werden?
Warum nicht. Wir erreichen viele junge Menschen und können eine Menge in Bewegung setzen.

Ihr Kind ist zwei Jahre alt, fahren Sie zusammen Fahrrad?
Ja, ich hatte ein Fahrrad mit Kindersitz, das wurde mit allerdings letzte Woche samt Sitz geklaut. Wenn bald das zweite Kind da ist, werde ich darüber nachdenken, mir einen Anhänger zu kaufen. Für die Strecken zum Kinderladen oder zum Bioladen bei mir in Kreuzberg geht das sicher gut.

Britta Steffen


Britta Steffen (25) setzt auf mentale Stärke und eine ausgewogene Ernährung mit Bioprodukten. Neben ihrem Training studiert die Schwimm-Olympiasiegerin aus Berlin Wirtschaftsingenieurwesen für Umwelt.

Britta Steffen, Sie sind Doppelolympiasiegerin im Schwimmen, Sie engagieren sich für Biolebensmittel, Naturkosmetik: Sind Sie auch eine Radfahrerin und Zu-Fuß-Geherin?
Ja, weil ich meinen Alltag viel im Schwimmbad, also in geschlossenen Räumen verbringe, liebe ich es besonders, an die frische Luft zu kommen. Und wenn das Wetter so wunderschön ist wie heute, macht das ja enormen Spaß! Und wenn Matschwetter ist, muss man sich halt besser anziehen: Alles ist möglich.

Das Umweltthema scheint Ihnen am Herzen zu liegen. Warum engagieren Sie sich für unsere Kampagne?
Ich bin als Leistungssportlerin darauf angewiesen, dass mein Körper funktioniert und dass ich mich wohlfühle. Und deshalb bin ich schnell darauf gekommen, dass der Kraftstoff, den mein Körper tankt, Bio ist.

Haben Sie nach stundenlangem Training noch die Power, sich mit dem Rad zu bewegen?
Das ist ja eine ganz andere Bewegung, die man dann ausübt. Es ist natürlich und wichtig, dass ich einen Ausgleich fürs Training habe. Ich bewege mich grundsätzlich sehr gerne.

Wo fahren Sie Fahrrad?
Am allerliebsten am Wochenende. Wenn ich mit meinem Freund essen gehe. Essen ohne Reue, das ist doch perfekt.

Nicht jeder lebt so körperbewusst wie Sie.
Es muss ja auch nicht gleich jeder Leistungssport machen, aber die alltäglichen Wege mit eigener Kraft zurückzulegen, bringt schon eine Menge für Fitness und Gesundheit.

Sarah Wiener


Foto: Marcus GlogerIm richtigen Leben ist Sarah Wiener (47) Köchin und Unternehmerin. Sie betreibt mehrere Res­taurants in Berlin, kocht im Fernsehen und setzt sich mit einer eigenen Stiftung dafür ein, dass Kinder gesund essen.

Frau Wiener, Starköchinnen kochen oft mit exotischen Zutaten, die von weit her kommen. Ist das bei Ihnen nicht so?
Doch, bei mir ist das oft der Fall, auch wenn es ein Ideal gibt, das man versucht zu erreichen. Ich liebe Papayas und Mangos. Ich könnte natürlich ohne sie leben, aber es wäre jetzt übertrieben zu sagen, ich kochte nur regional und saisonal.

Sie engagieren sich auch in Schulen und wollen Kindern bessere Ernährungsgewohnheiten beibringen. Sie wollen, dass Kinder lernen, mit Lebensmitteln umzugehen.
Nicht nur mit Lebensmitteln umzugehen. Wir haben eine Stiftung und bieten Kochkurse für Kindergärten, Grund- und Hauptschulen an. Dort bilden wir Lehrer aus, bieten Exkursionen zu Biobauernhöfen an oder helfen beim Anlegen von Schulgärten. Lebensmittelkunde bedeutet in erster Linie, selbst kochen zu können und so die Kontrolle über den eigenen Körper wiederzuerlangen. Zum Essen gehört natürlich auch der Prozess davor: Wie entstehen Lebensmittel und woher kommen sie? Ähnlich wie beim Fast Food verlieren wir auch bei der Mobilität das menschliche Maß aus dem Auge.

Warum engagieren Sie sich für unsere Kampagne?
Ich bin prädestiniert für dieses Projekt. Ich habe kein Auto, ich bin Fußgängerin. Ich bin jetzt gerade auch hierher gelaufen.

Wie lange war das?
40 Minuten? Es ist herrlich, gerade heute mit Sonnenschein, man kann ja die Seitenstraßen hindurchgehen, wunderbar hier in der Stadtmitte übrigens. Ich bin keine Läuferin, keine Joggerin. Ich würde niemals um 5 Uhr aufstehen, um mich vor einem 16-Stunden-Tag mit Joggen fit zu machen. Aber ich gehe einfach gerne. Ich liebe es, gleichzeitig zu telefonieren und spazieren zu gehen.

Und wenn’s mal regnet?
Ich bin jemand, der bei jedem Wetter rausgeht, im Gegensatz zu Leuten, die prinzipiell ihr Auto ansteuern, um sich sinnlos da hineinzusetzen, um dann 500 Meter zu fahren. Zu Fuß eine Stadt zu erkunden, ist ein viel intensiveres Erlebnis, als nur mit dem Auto durchzufahren.

Und wenn Ihr Ziel weiter weg ist?
Ich bin zu faul, um zu schauen, welche öffentlichen Verkehrsmittel da jetzt hinfahren. Ich liebe es zu gehen und profitiere natürlich davon, mental und körperlich. Und wenn es zu weit ist, nehme ich eben ein Taxi. Als wir die Kampagne vorbereitet haben, gab es die Diskussion, ob das Zu-Fuß-Gehen wirklich eine Alternative zum Autofahren sein kann oder ob es nur das Fahrradfahren ist, weil man einfach weitere Strecken zurücklegen kann.Für weitere Strecken ist es sicherlich angenehmer, mit dem Fahrrad zu fahren, aber dann braucht man schon einen Fahrradkorb, wenn man beispielsweise etwas einkaufen möchte. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass sich jemand ein Transportrad kauft, um damit seine Kisten Bier zu transportieren. Dafür gibt es doch den Lieferservice. Wir haben uns darauf verständigt, dass man auf Kurzstrecken beides kann: Zu-Fuß-Gehen und Fahrrad fahren. Ich würde durchaus die Mittelstrecken mit hinzunehmen. Die kann man herrlich mit dem Rad zurücklegen. Statt sich in ein stinkendes Auto zu setzten, radel ich der Sonne entgegen. Das ist doch eine ganz andere Lebensqualiät. Das macht wirklich Spaß.

Was fahren Sie selbst für ein Fahrrad?
Keine Ahnung, ein ganz normales. Ich bin keine Markenfetischistin, ich brauche ein Fahrrad, das stabil ist. Es darf kein Herrenfahrrad sein und keinen Rennlenker haben. Aber ehrlich gesagt vertrete ich sowieso die Fußgängerfraktion. Ich mag nicht Rad fahren, wenn es so voll ist, im Gewusel der Stadt. Das irritiert mich, da gehe ich lieber zu Fuß.

Interviews: Michael Adler, Uta Linnert

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Cover der fairkehr 5/2022, "Schwere Last fürs Klima"