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Kolumne 2/2009

Foto: Marcus Gloger

Die Kunst des ­Bahnfahrens

Heute ein philosophischer Versuch über die Bahn. Mein Thema: Bahnfahren ist eine Kunst. Das Bespielen ihrer Klaviatur erfordert nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch Kreativität und Esprit. Die Bahn ist deshalb an sich gut, ontologisch gesehen, also hinsichtlich des Seins. Kritik an der Bahn und ihren Repräsentanten ist wichtig und richtig, wenn sie kompetent von Bahnkünstlern vorgetragen wird. Dagegen ist das allgemeine Bahn-Bashing als Volkssport billig, niederträchtig und kontraproduktiv.

Ein Beispiel: Ich finde es gut, wenn in deutschen Zügen international angesagt wird, auch wenn nicht jeder Schaffner mit reinstem Oxford-Englisch glänzt (Sänk ju for ... ). Sich über die Ansagen lustig zu machen und im ICE zwischen Köln und Aachen bei der niederländischen Ansage eine Grimasse zu schneiden, ist arrogantes Gehabe von unreifen Klugscheißern. Ein guter Bahnfahrer macht das nicht.

Interessant ist, dass unqualifiziertes Verunglimpfen der Bahn und ihres Personals meistens von Hobbybahnfahrern ­zelebriert wird, denen die Kompetenz für das anspruchsvolle System Bahn fehlt. Das sind versteckte Autofahrer und Boulevardjournalisten, die ausnahmsweise mal den Zug genommen haben. Bei der kleinsten Verspätung werden die unglaublich nervös, funken mit ihren Handys SOS in die halbe Welt und schnauzen das Zugpersonal an. Aber ein Zug ist keine Autobahnraststätte, wie ich meinen Kindern zu sagen pflege. Deshalb geht es im öffentlichen Raum Bahn auch in erster Linie um die Kunst des zivilisierten Benehmens. Im Gegensatz natürlich zur geschlossenen Enge des Pkws, wo eher die Kunst des Nasenbohrens gepflegt wird. Die Kinder und ich haben im Zug angesichts einiger Falschfahrer schon häufiger diskutiert, ob es nicht an der Zeit wäre, von staatlicher Seite einen Zugführerschein einzuführen, mit theoretischer und praktischer Prüfung. Es ist ja nicht so, dass jeder dahergelaufene Mercedesbesitzer einfach so ohne Fahrpraxis das Zugfahren beherrscht. Immer wieder kommt es auch im Bahnverkehr zu brenzligen Situationen, da heißt es, geschult zu sein. Elemente der praktischen Prüfung wären beispielsweise: Ein Mitreisender sitzt auf Ihrem reservierten Platz. Wie ihm die bittere Wahrheit ins Gesicht sagen, ohne zu verletzen? Sie müssen im Regionalexpress auf die Toilette. Wie geht das mit geschlossenen Augen? Sie haben nur noch drei Minuten zum Umsteigen. Wie schaffen Sie es von Gleis 3 nach Gleis 15 mit zwei Koffern, Kinderwagen und kaputtem Fahrstuhl? Gute und routinierte Zugfahrer erkennt man in derart schwierigen Situationen: Sie bleiben ruhig, gelassen und haben Stil. Das hat natürlich mit Fahrpraxis zu tun. Bahnfahren fördert durch anspruchsvolle Komplexität das Denken, weshalb Bahnfahrer im Vergleich zu Autofahrern auch über wesentlich mehr intellektuelle Kapazitäten verfügen müssen. Geht mal ausnahmsweise ein Anschluss flöten, reagieren beispielsweise Profis mit Verständnis und einem aufmunternden Wort an die Zugbegleiterin: „Ihr tolles Kostüm entschädigt dafür!“ Eine kleine Meditation hilft uns sehr oft über die erste Verärgerung hinweg: „Ach, zwei Stunden später in Berlin? Ich wollte ja sowieso meinen Roman auslesen.“ Der Profibahnfahrer hat einige Kulturtechniken auf Lager, wie er mit der nächtlichen Kälte auf Gleis 13 umgeht. Autofahrer ohne Zugfahrpraxis dagegen proleten bei der kleinsten Unpässlichkeit bereits in der Gegend rum, völlig überfordert und nervlich am Ende, wenn der Zug mal auf offener Strecke drei Stunden hält. Ich hatte beispielsweise bei meinen letzten drei Bahnreisen jeweils eine Stunde Verspätung wegen unterschiedlicher technischer Probleme. Völlig verständlich natürlich, dass das mal passieren kann. Da hatte ich plötzlich so viel freie Zeit, dass ich sogar dreimal ganz spontan meine Mutter angerufen habe und ihr fröhlich mitteilte, dass ich Verspätung habe. Dankbar haben wir natürlich diese Familienzusammenführung der Bahn gutgeschrieben.

Jetzt abschließend eine spannende Frage: Glauben Sie, dass Menschen, die die Kunst des Bahnfahrens beherrschen, auf die Idee kämen, die Aufstockung der Abwrackprämie zu beschließen? Ich glaube nein. Deshalb bin ich auch für die ­ersatzlose Abwrackung sämtlicher Dienstlimousinen der ­Bundesregierung.    

Martin Unfried

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fairkehr 3/2019