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Titel 1/2009

Zukunft hat begonnen

Der Münchner Regionalverkehr ist bundesweit Vorbild. Stadt und Umland haben sich zum Vorteil der Kunden sehr gut vernetzt.

Fotos: Marcus Gloger

Man stelle sich vor, der Stern auf dem Dach der Mercedes-Zentrale würde sich nicht drehen, sondern geknickt zu Boden blicken. Oder wie wäre es, wenn sich BMW auf den Autos mit weiß-blauem Logo präsentieren würde, im Prospekt mit einem gelb-schwarzen, und auf der Konzernzentrale gold-silbern? Oder wenn man ein Porsche-Autohaus nur am Klingelschild erkennen könnte? Unvorstellbar, zumindest bei BMW und Co., denn dort weiß man, wie man das Image von der angeblichen „Freude am Fahren“ kreiert.

Im öffentlichen Nahverkehr aber ist ein wenig ansprechendes Erscheinungsbild noch immer gang und gäbe, gerade in den Verkehrsverbünden der großen Städte. Dabei haben sie dasselbe im Angebot wie die Auto-Konzerne: Mobilität. Allein, gut verkaufen können viele Verbünde ihr Produkt nicht. In der BMW-Stadt München war das lange Zeit genauso. Dort gibt es seit 1972 den MVV, den Münchner Verkehrs- und Tarifverbund, der die Stadt und das Umland erschließt, er basiert auf drei großen Säulen: den städtischen Verkehrsmitteln Bus, Tram, und U-Bahn, dazu die S-Bahn der DB – und die Regionalbusse, die in einem Radius von 50 Kilometern das Umland erschließen. Und in diesen Regionalbussen war dreißig Jahre lang normal, was jedem Automanager ein Alptraum wäre.

Da standen Haltestellenschilder schief in der Landschaft herum, waren von Gebüsch umwuchert und kaum lesbar. Da fuhr mal ein Reisebus von A nach B, zweieinhalb Stunden später auf derselben Linie ein Niederflurwagen. Mal kam eine Mutter mit Kinderwagen problemlos hinein, mal musste sie draußen bleiben, weil der Einstieg zu schmal war. Mal war das Fahrzeug rot lackiert und klimatisiert, mal grün beklebt und man schwitzte im Sommer. Mal stand außen groß Huber drauf und mal groß Maier, aber dass es ein Verbund-Bus war, in den man mit MVV-Ticket einsteigen durfte, war kaum zu erkennen.

Bis 2002 war das Standard rund um München. Inzwischen sieht es anders aus, wie Olaf von Hoerschelmann nicht ohne Stolz betont: Heute seien die MVV-Regionalbusse bundesweit Vorbild.
Hoerschelmann hat als zuständiger Bereichsleiter diese Entwicklung maßgeblich vorangetrieben.

Keine Lust zum Einsteigen

Es ist noch nicht lange her, erzählt er, da riefen Gehbehinderte beim MVV an und beschwerten sich, dass sie wieder nicht mitgenommen wurden, weil sie mit ihrem Rollstuhl nicht reingekommen sind. Im besseren Fall wollten die Kunden wissen, ob sie denn nur in den gelben Bus einsteigen dürfen mit ihrem MVV-Ticket oder auch in den grünen. Irgendwann setzte sich bei den MVV-Verantwortlichen die Erkenntnis durch, dass sich so ein über Jahre gewachsenes unkoordiniertes Erscheinungsbild langfristig rächen werde: keine Lust zum Einsteigen, weniger Freude am Busfahren, geringere Rentabilität, geringeres Angebot, weniger Kunden.

Nun muss man fairerweise einräumen, dass es einfacher ist, eine Automarke durchgestylt und einheitlich zu präsentieren als ein weitverzweigtes Busnetz, das über 200 Linien und 3500 Haltestellen verfügt und in Orte wie Unterumbach, Gammelsdorf oder Oed führt. Reden bei jedem ÖV-Verbund-Gebilde ja diverse Bürgermeister und Landräte mit, die Millionenstadt München ebenso wie der Konzern Deutsche Bahn. Gehören obendrein die Busse nicht dem MVV, sondern rund 40 kleinen und mittleren privaten Unternehmen, die alle ihren eigenen Firmennamen an den Bussen lesen wollen. Und ihr Geld bekommen diese Firmen von den Gemeinden und Landkreisen so oder so, egal ob der Rollstuhlfahrer mitdarf oder nicht.

Wichtiger als die Binnensicht aber ist die Außenansicht, die des Fahrgastes eben: Und für den ist die Wiedererkennbarkeit des MVV entscheidend, denn MVV bedeutet: ein Netz, ein Fahrplan, ein Ticket. Weil keine Stadt, kein Landkreis die sofortige Modernisierung des Fuhrparks finanziert hätte oder auf einen Schlag 5000 neue Haltestellenschilder, haben sie langsam angefangen, und auch heute, im achten Jahr, ist das Konzept noch nicht komplett umgesetzt. Wichtigstes Element der Qualitätsstandards sind natürlich die Busse selbst. Schafft eines der MVV-Unternehmen ein neues Fahrzeug an, muss es niederflurig und in den MVV-Farben weiß-blau-grün lackiert sein, so dass es jeder sofort als MVV-Bus erkennt. Außen steht gut lesbar die Liniennummer, und im Inneren gibt es beim Fahrer nun standardmäßig einen elektronischen Fahrausweisdrucker und an der Decke hängt ein Monitor, der die nächsten Haltstellen anzeigt und Störungen im S-Bahn-Netz. Und alle Fahrer sitzen heute in einheitlicher Dienstkleidung hinterm Steuer.

Besser weg mit Oskar

Die Bilanz kann sich sehen lassen: Die Zahl der behindertengerechten Busse hat sich von 50 im Jahr 2002 auf 267 vier Jahre später erhöht. Und von den 5300 Haltestellenmasten sind immerhin rund 1400 im einheitlichen MVV-Design. Bei den Kunden kommt das an: Die Fahrgastzahlen erhöhten sich von 32,4 Millionen im Jahr 2000 auf 43,2 Millionen 2006. Die Einnahmen stiegen in der Zeit von 16,7 auf 27,8 Millionen Euro. Das liegt am Bevölkerungszuwachs im Raum München, aber auch, da ist sich von Hoerschelmann sicher, an besserer Qualität.

Noch immer rufen verärgerte Fahrgäste beim MVV an, aber das, sagt Olaf von Hoerschelmann, seien durchaus Zeichen des Fortschritts: „Früher haben sie sich zu Recht beklagt, dass sie nicht mitgenommen wurden, heute beschweren sie sich, wenn der Monitor im Bus eine Macke hat.“ Am Ziel aber sieht sich von Hoerschelmann noch nicht. Er wünscht sich eine Vernetzung der Regionalbusse mit den S-Bahnen, er möchte eine elektronische Kommunikation einführen, um die Anschlüsse zu garantieren. Künftig soll die S-Bahn dem wartenden Bus automatisch funken: Habe sieben Minuten Verspätung, bitte warte noch ein bisschen. Ein Mammutprojekt, teuer und aufwendig, so von Hoerschelmann, weil das Land Bayern eine Lösung für den ganzen Freistaat anstrebe.

Bis es so weit ist, könnte der MVV an einer anderen Stelle ansetzen: Bei der Information der Kunden. Wer seinen Fahrplan nicht im Kopf hat, wer mit dem Internet nicht umzugehen weiß und sich hilfesuchend an das MVV-Infotelefon wendet, wird von „Oskar“ empfangen. Oskar stellt viele Fragen, Oskar ist bemüht, bloß: Oskar versteht nicht, wenn man mit dem Bus etwa nach Hilgertshausen will. Denn Oskar ist ein Computer, und wie jeder Automat versteht er sich darauf, potentielle Kunden aufs Auto umzulenken.

Victor Denk

fairkehr 5/2019