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Titel 1/2009

Gesteigerte Effizienz

Der öffentliche Verkehr hat sein Angebot verbessert – da ist sich die Sprecherin der Verkehrsunternehmen ganz sicher. Ein Interview mit Karola Lambeck.

Karola Lambeck ist Sprecherin des ­Verbandes Deutscher Verkehrsunter­nehmen (VDV).

Kriegen Sie keine feuchten Augen, wenn Sie sehen, mit welchen Unsummen der Autoverkehr gerade von der Politik gefördert wird?
Nein, feuchte Augen bekomme ich nicht. Die Autoindustrie ist teils durch hausgemachte Probleme und teilweise durch die Wirtschaftslage in Bedrängnis geraten. Der öffentliche Verkehr (ÖV) optimiert sein Angebot seit Jahrzehnten. Daher wollen wir die Politik schon dazu bewegen, dass es zu der ­Abwrackprämie ein Gegengewicht gibt. Allein im Ruhrgebiet müssten in die Infrastruktur 2,5 Milliarden Euro investiert werden.

Der ÖV ist vielerorts besser als sein Image. Was machen Sie falsch?
Ich stimme Ihnen absolut zu. Nur: Große Fehler kann ich nicht erkennen. Die Beurteilung des ÖV fällt bei regelmäßigen Nutzern sehr gut aus und wird immer besser. Die Nichtnutzer pflegen allerdings ihre Vorurteile. Leider finden sich auch auf der Seite der politischen Entscheider viele Nicht-Nutzer.

Kann Ihr Imageproblem auch daran liegen, dass Ihre obersten Repäsentanten zu oft den Untergang des ÖV prophezeien und zu selten eine rosige Zukunft zeichnen, in der der ÖV eine wichtige Rolle spielt?
Verkehrsunternehmen sind sehr eng an den politischen Entscheidungsprozess gekoppelt. Dennoch haben wir in den letzten Jahren in vielen Betrieben den Unternehmergeist gestärkt, die Effizienz deutlich gesteigert. Das schafft positive Effekte, was die wirtschaftlichen Daten angeht, aber auch in der öffentlichen Präsentation der Unternehmen. Nein, es ist nicht unsere Absicht, ständig im Tal der Tränen zu wandeln. Wir wollen über unsere Stär­ken reden. Wir bieten nachhaltige Mobilität, wir sind teil der Lösung im Klimaschutz und wir sind ein Standortfaktor. Rund 400000 Arbeitsplätze hängen am ÖV.

Ihr Mitbewerber ist das Auto. Müssten Sie nicht emotionaler und aggressiver die Leute aus dem Auto rausholen?
Der Konkurrent ist das Auto, klar. Aber die Menschen steigen nicht in Bus und Bahn um, wenn wir aggressiv gegen das Auto vorgehen. Oft sind es sehr pragmatische Gründe, die die Menschen zum Umstieg motivieren. Dass sie dort, wo sie hinfahren, keinen Parkplatz bekommen, zum Beispiel. Wir heben andere Vorteile hervor: Dass man mit Bus und Bahn 1000 bis 1500 Euro pro Jahr sparen kann, im Vergleich zum eigenen Pkw.

Ich nenne Ihnen jetzt vier Negativ-Images des ÖV und Sie sagen mir bitte kurz, warum Sie die für falsch halten.
1. Der ÖV ist zu teuer.

Wie gerade gesagt, ist der ÖV deutlich günstiger als Autofahren, wenn man die Gesamtrechnung betrachtet. Und selbst, wenn man den Preis einer Monatskarte mit dem Preis einer Tankfüllung vergleicht, kommt man auf ähnliche Euro-Werte, aber in der Monatskarte steckt viel mehr Mobilität drin.

2. Der ÖV ist langsam und unpünktlich.
Beim Tempo kommt es sehr auf die Strecke an. Hier in Berlin zwischen Tiergarten und Alexanderplatz bin ich mit der S-Bahn klar im Vorteil. In ländlichem Umfeld hat oft das Auto Vorteile. Und mit der Pünktlichkeit hat der ÖV laut Kundenbarometer kein Problem.

3. Der ÖV ist dreckig.
Jetzt im Winter ist mancher Bus in edles Schlammgrau gehüllt. Die Autos sehen aber auch nicht besser aus. Und wie sauber Busse und Bahnen innen sind, hat sehr viel mit dem Verhalten der Kunden zu tun.

4. Der ÖV ist unsicher.
Laut Statistik ist der ÖV sehr sicher. Aber Statistik schafft kein Gefühl. Es soll wieder mehr Personal für das sichere Gefühl sorgen, Videoüberwachungen kommen dazu. Und dann muss man sagen, dass der ÖV öffentlicher Raum ist. Hier finden gesellschaftliche Probleme statt. Wenn die Gesellschaft aggressiver wird, dann spüren wir das auch, genauso wie die Schulen oder die Fußballstadien.

Schüler werden weniger, die Alten werden mehr. Wo wollen Sie neue Zielgruppen für Bus und Bahn finden?
Die aktiven Alten sind eine sehr reisefreudige Klientel, die sich die Verkehrsunternehmen mit vielen guten Angeboten akquirieren. Manche bieten sogar einen Begleitservice für Ältere an. Das hilft, Berührungsängste abzubauen. Viele ältere Menschen ziehen zurück in die Städte, weil dort die Infrastruktur leichter erreichbar ist, und das ist auch wieder gut für den ÖV. Gelegenheitskunden wollen wir mit dem bundesweit einheitlichen e-Ticket Deutschland gewinnen.

Der ÖV ist Bestandteil der Lösung des Klimaproblems. Haben Sie das bereits hinreichend publik gemacht?
In diesen Zeiten hat man das nie hinreichend deutlich gemacht. Im Vergleich zu allen Fahrzeugtypen verursacht eine Fahrt mit dem ÖV rund ein Drittel der CO2-Emissionen des Autos. Unsere Kennzahlen verbessern sich ständig. Wir testen Hybridbusse. Wir arbeiten intensiv an stetiger Verbesserung. Und ja, wir müssen das noch besser kommunizieren.

Sie sind noch neu im Amt der VDV-Sprecherin. Wenn Sie, sagen wir mal, in zehn Jahren dem ÖV den Rücken kehren, welches Image würden Sie dann gern für Bus und Bahn hinterlassen?
Schick, modern, die erste Wahl.

Interview: Michael Adler

fairkehr 5/2019