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Politik 1/2009

Einweg ist kein Weg

Die Pfandflasche verliert in Deutschland an Bedeutung. Dabei ist das System Mehrweg gut fürs Klima und sichert Arbeitsplätze, weil die Transportwege kurz sind.

Foto: istockphoto.deDa kann der Inhalt noch so verlockend aussehen: Getränke in Einwegflaschen sind ökologischer Unsinn. 

Die Geburt ist ohrenbetäubend und glühend heiß. Eine 1100 Grad heiße Masse schießt im Sekundentakt aus einer Schmelzwanne in stählerne Formen. Die orangegelben Lichtblitze werden zu rotglühenden Mineralwasserflaschen, Roboterarme stellen sie aufs Transportband. Zu Tausenden ruckeln die Flaschen aus dem düsteren Schmelzofenbereich durch Kühlkammern, an Qualitätskontrollen vorbei und weiter in die Transportkisten der Glashütte O-I Glasspack im niedersächsischen Rinteln.

In den kommenden Jahren werden diese Pfandflaschen mehr als 50 Mal mit Wasser aus regionalen Brunnen befüllt und viele Kilometer durch die nähere Umgebung fahren – bis sie dann am Ende ihres Lebens in Form von alten Scherben wieder dort landen, wo sie geboren wurden: in der Glashütte.

Dieser doppelte Kreislauf – zum einen die häufige Wiederbefüllung, zum anderen die permanente Wiedergeburt – macht Mehrwegflaschen zu Klimaschützerinnen.

Mehrweg ist Klimaschutz

Weniger CO2, weniger Fernverkehr und weniger Abfall – so lässt sich die positive Bilanz der Mehrweg- gegenüber Einwegverpackungen zusammenfassen. Das fängt bei der Produktion an. Neues Glas aus alten Scherben ist die Devise in der Glasbehälterindustrie. „In Deutschland liegt die durchschnittliche Einsatzquote von Scherben bei der Glasproduktion bei 60 Prozent, es gibt aber auch Spitzenwerte von 90 Prozent bei Grünglas“, erklärt Maria Elander, Projektleiterin Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe. „Glas dient sich somit zu 100 Prozent selbst als Rohstoff. Es lässt sich beliebig oft einschmelzen und ohne Qualitätsverlust wiederverarbeiten.“ In dieser Hinsicht können die Mitbewerberinnen der Glasflasche um die beste Klimabilanz, Mehrwegverpackungen aus dem Kunststoff Polyethylen (PET), nicht mithalten. Sie enthalten durchschnittlich 30 bis 40 Prozent recycelbaren Kunststoff, der Rest wird zu Packbändern, Transportverpackungen oder Textilfasern verarbeitet. Im ungünstigsten Fall treten die Plastikreste eine lange Reise an: Sie fahren nach China, um später als Fleece-Pullover nach Deutschland zurückzukehren.
Glas dagegen bleibt meist in der Region, weil die Flaschen schwer sind und es schon deshalb unwirtschaftlich wäre, sie über weite Strecken zu transportieren. Bei kleineren Abfüllern – regionalen Saftproduzenten, Brauereien oder Brunnen – liegt der Distributionsradius bei 40 bis 70 Kilometern. Auf diese Weise profitiert nicht nur die Umwelt, es werden zudem Arbeitsplätze vor Ort geschaffen und erhalten.

Foto: DUHBis zu 10000 Pfandflaschen in der Stunde reinigt die Waschmaschine in den Produktionshallen der Lagenser Fruchtsaft GmbH.

Gute Ökobilanz trotz Transport

Auch die Glashütte in Rinteln beliefert überwiegend den regionalen Markt. Einer ihrer Kunden ist die Lagenser Fruchtsäfte GmbH im 60 Kilometer entfernten Lage. Die wiederum verkauft ihren Apfel-, Trauben- oder Rhabarbersaft im Umkreis von 70 Kilometern. „Alles andere lohnt sich wegen des hohen Transportaufwands für uns nicht“, erklärt Geschäftsführer Axel Koch. Lkw bringen täglich tausende leere Fruchsaftflaschen aus den Getränke- und Supermärkten zurück. Junge Männer und Frauen stehen an Laufbändern und sortieren das klappernde Leergut. Maschinen schrauben die Aluminiumverschlüsse ab, die anschließend eingeschmolzen und wiederverwertet werden. Die Flaschen fahren in eine Waschmaschine, 10000 Stück kann der deckenhohe Apparat aus Edelstahl in der Stunde reinigen. Anschließend füllt die rotierende Zapfanlage die gesäuberten Pfandflaschen mit hellrotem Rhabarbersaft. Siebzig- bis achtzigtausend Flaschen verlassen am Tag in Lastwagen das Gelände des Familienunternehmens.

Der ständige Hin- und Rücktransport und die Reinigung der Mehrwegflaschen verbrauchen natürlich Energie. Dennoch ist ihre Ökobilanz deutlich besser als die von Einwegflaschen aus Glas oder PET, allein schon wegen der kürzeren Transportwege. Nach einer aktuellen Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg (Ifeu) werden Mineralwasser-Einwegflaschen im Durchschnitt 480 Kilometer durch die Republik gekarrt, Wasser-Mehrwegflaschen kommen auf knapp 260 Kilometer. Das Deutsche Verpackungsinstitut hat ausgerechnet, dass jährlich 1,1 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden könnten, wenn alkoholfreie Getränke ausschließlich in Mehrwegverpackungen abgefüllt würden. Das ist so viel CO2, wie aus den Abgasrohren von 500000 Mittelklassewagen kommt, die im Schnitt 15000 Kilometer im Jahr durch die Gegend fahren.

Die beste Ökobilanz hat nach der Ifeu-Studie allerdings nicht die Glas-, sondern die PET-Mehrwegflasche: Pro 1000 Liter Inhalt entstehen bei PET durch Rohstoffgewinnung, Verpackungsherstellung, Abfüllung, Handel und Recycling bzw. Entsorgung knapp 70 Kilogramm CO2 – bei Glas sind es 84 Kilogramm. Abfüller wie die Lagenser Fruchtsaft GmbH setzen trotzdem auf Glas. „Die Flaschen sind wesentlich hygienischer“, sagt Geschäftsführer Axel Koch. „Sie geben keine Fremdstoffe ab, wie das bei PET der Fall ist. Sie lassen sich mit kochendem Wasser sehr gut reinigen, werden nicht nur kalt ausgespült wie die PET-Flasche, wo Chemie zugesetzt wird. Außerdem ist die Mindesthaltbarkeit bei Glasflaschen viel höher, der Inhalt wird besser geschützt.“ Hinzu kommt, dass neues Glas aus einer quasi unerschöpflichen Ressource produziert wird, nämlich Sand. Erdöl – der Stoff, aus dem der Kunststoff ist – geht dagegen langsam zur Neige.

Mehrweg ist in der Krise

Trotz all seiner ökologischen Vorteile: Mehrweg steckt in einer Krise. Zwar hat die Bundesregierung im Rahmen der Verpackungsverordnung festgelegt, dass mindestens 80 Prozent der Getränkeverpackungen in Deutschland „ökologisch vorteilhaft“ sein sollen – darunter fallen neben Mehrwegflaschen auch Tetrapaks. Die fünfte Novelle dieser Verordnung ist Anfang dieses Jahres in Kraft getreten. Die Quote erfüllen zurzeit allerdings nur Bier und Biermischgetränke mit 84 Prozent bzw. 92 Prozent. Bei Wasser und Erfrischungsgetränken ist der Anteil „ökologisch vorteilhafter Verpackungen“ auf 35 Prozent gefallen.

Schuld daran sind unter anderem die Discounter, die ihre Getränke fast ausschließlich in Einwegflaschen und zu Niedrigstpreisen verkaufen. Zudem unterscheiden viele Verbraucherinnen und Verbraucher nicht zwischen Einweg- und Mehrwegverpackungen, weil sie für beides Pfand bezahlen und die Flaschen nicht auf einen Blick auseinanderzuhalten sind. Um das ökologisch und wirtschaftlich sinnvolle System Mehrweg zu schützen, wäre eine verpflichtende eindeutige Kennzeichnung für Einweg und Mehrweg sinnvoll. Auch eine zusätzliche Abgabe auf Einwegflaschen würde Verbrauchern deutlich machen, dass Einweg kein Weg zum Klimaschutz ist.

Kirsten Lange

 Mehr Informationen: www.duh.de

fairkehr 3/2019