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Titel 3/2019

Eckart von Hirschhausen im Interview

„Werdet politisch“

28 000 Wissenschaftler unterstützen als Scientists for Future die Fridays-for-Future-Proteste gegen den Klimawandel. Unterzeichner Eckart von Hirschhausen im Interview

Eckart von Hirschhausen, Moderator, Comedian, Arzt

fairkehr: Sie sind Arzt, welche Diagnose stellen Sie der Erde?

Eckart von Hirschhausen: Die Erde hat Fieber und das Fieber steigt. Sie gehört auf die Intensivstation. Sie hat Multi­organversagen: Die Lunge im Amazonas wird abgeholzt, der Jetstream-Kreislauf bricht zusammen, die Meere sind verstopft mit Plastik. Die Erde hat eine schwere Infektion mit Homo sapiens und anderen Rindviechern.

Welche Behandlung schlagen Sie vor?

Müll sortieren wird nicht reichen. Die Behandlung muss an mehreren Stellen ansetzen, wie Energieerzeugung, Mobilität und Ernährung. 100 Prozent erneuerbare Energie ist in Deutschland technisch möglich, ökonomisch sinnvoll und erst recht ökologisch geboten. Es gibt die Lösungen längst, es fehlt der politische Wille, sie umzusetzen. Und aus Angst um Arbeitsplätze in der veralteten und desaströsen Kohle wird ein Eiertanz aufgeführt, statt dass wir über die Zukunfts­chancen sprechen, die wir verspielen. Die Kinder und Jugendlichen, die gerade auf die Straße gehen, verhalten sich kurioserweise erwachsener als die Erwachsenen.

Sie sind Unterzeichner der „Scientists for Future“. Seit wann ist Ihnen die Brisanz dieses Themas bewusst?

Als ich Jane Goodall vor einem guten Jahr für ein Interview beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis getroffen habe. Diese Dame von über 80 Jahren ging als junge Frau in den Dschungel und revolutionierte unser Bewusstsein für die Menschenaffen. Sie stellte mir eine ganz zentrale Frage: Wenn der Mensch die intelligenteste Art auf dem Planeten ist – warum zerstört er dann sein eigenes Zuhause?

Was haben Sie geantwortet?

Ich musste erst dreimal schlucken, denn wir sind ja die einzige Art, die in die Zukunft schauen kann. Nur setzen wir alles daran, da nicht hinzugucken! Stattdessen kaufen wir Zeug, das wir nicht brauchen, vom Geld und den Ressourcen künftiger Generationen. Das ist nicht besonders schlau. Ein Hoffnungsschimmer ist, dass der Stellenwert des Autos sinkt. Viele machen mit 18 nicht sofort den Führerschein, weil sie mit Rad und Öffis in den Städten mobiler sind. Ich kann auch niemanden mehr ernst nehmen, der meint, einen SUV zu brauchen.

Sie sind engagierter Radfahrer, unterstützen „Aufbruch Fahrrad“ in NRW. Wie bekommt man mehr Menschen aufs Rad?

Ich atme immer lieber die Abgase von zehn Radfahrern ein als von einem Auto. Feinstaub ist Gift für unsere Lungen, gerade für Kinder und alte Menschen, aber auch für alle, die dadurch ihr Risiko für Asthma, Herzinfarkt, Schlaganfall und sogar Diabetes erhöhen. Ein starkes Argument für eine aktive Mobilität sind die Gesundheitsvorteile. Sich mehr mit eigener Muskelkraft zu bewegen ist gut für Körper, Geist und den Planeten!

Fahren Sie denn privat noch Auto?

Wir haben einen VW Diesel in der Familie. Ich will mich nicht freisprechen. Kein Mensch muss perfekt sein, um seine Stimme zu erheben. Klar kann jeder was tun. Aber das Wichtigste ist, politischer zu werden, damit zum Beispiel endlich Bahnfahren billiger und zuverlässiger wird, als innerdeutsch zu fliegen.

Interview: Uta Linnert

fairkehr 3/2019