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Titel 3/2019

Familie Wendt pendelt in die Großstadt

„Der Zug wartet nicht auf Mama“

Im ländlichen Brandenburg fährt der Bus nur zu Schulzeiten. Die Wendts pendeln dennoch mit dem Zug und verzichten auf einen Zweitwagen.

Mit dem Zug pendeln die Wendts aus Brandenburg zur Arbeit. Laureen nach Berlin und Stefan nach Potsdam.

Frühstücken bis kurz nach sieben. Dann herrscht bei den Wendts eine strenge Taktung: 7.15 Uhr alle anziehen, 7.25 Uhr Haus verlassen, kurz nach halb in der Kita ankommen, die Kinder wieder ausziehen, noch ein bisschen quatschen und dann weiter zum Bahnhof fahren. Um 7.52 Uhr kommt der Zug.

Die Wendts, das sind Laureen (35), Stefan (38), Ella (6) und Oscar (2). Sie wohnen in Brück, einem Städtchen in Brandenburg mit 4 000 Einwohnern. Das freistehende Einfamilienhaus liegt an einer nicht besonders stark befahrenen Bundesstraße. Nebenan wohnt Stefans Mutter und hinter dem Haus beginnt der Wald. Als Stefan das Haus kaufte, war er 18 Jahre alt. Es gab nur ein Plumpsklo über den Hof, keine Heizung, kein Badezimmer, „nüscht“. Das Haus ist das gemeinsame Projekt des Paares. Schritt für Schritt haben sie es saniert, renoviert, hergerichtet und den Lebensmittelpunkt für ihre Familie erschaffen.

Täglich grüßt die Zugfamilie

Bis zum Kindergarten und zum Bahnhof brauchte Laureen zu Fuß nur ein paar Minuten. In den Kindergarten fahren sie dennoch meist mit den Fahrrädern. Den zweijährigen Oscar schnallt sie hinten auf den Kindersitz. Ella fährt mit ihrem eigenen Rad. „Laufen dauert morgens mit Kindern einfach zu lange. Ich muss ja zum Zug. Da können wir nicht gemütlich drauflos spazieren“, sagt Laureen. Eines der ersten Dinge, die Tochter Ella gelernt hat, war: „Nicht trödeln, der Zug wartet nicht auf Mama.“

Einmal pro Stunde fährt die Regionalbahn über Potsdam nach Berlin und in die andere Richtung bis Dessau. Auf ihrem täglichen Weg nach Berlin trifft die junge Frau seit Jahren dieselben Menschen im Abteil. Sie nennt sie liebevoll „Zugfamilie“. Eine knappe Stunde hat sie Zeit, mit ihnen zu quatschen. Dann steigt sie am Berliner Alexanderplatz aus. Laureen arbeitet 30 Stunden pro Woche als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim VCD. Sie genießt es, in der Großstadt zu arbeiten. Aber leben wollte sie schon immer lieber in ihrer ländlichen Heimat. In Brück. Die Stunde Rückfahrt mit dem Zug ermöglicht ihr einen guten Wechsel zwischen Job und Familie, Stadtgewusel und ländlicher Ruhe.

Ihrem Mann geht es ähnlich. Für seinen Vollzeitjob bei einem Ingenieurbüro, das Bauwerksabdichtungen überprüft, ist er oft die ganze Woche über mit einem Firmenwagen auf Baustellen in ganz Deutschland und Europa unterwegs. Da freut er sich am Wochenende auf sein Zuhause, den direkten Zugang zur Natur, auf die Ruhe und die frische Luft.

Busse nur im Schulverkehr

Die Infrastruktur ist gut in Brück, die Grundversorgung stimmt: Kindergarten, Grund- und Oberschule, Supermärkte, Gaststätte, ein Ärztehaus mit Allgemeinmedizinern, Kinderärzten, Physiotherapie. Das macht das Landleben einfach – auch ohne Auto. Die Wendts haben trotzdem eins. Einen alten Kombi, abgekauft von Laureens Eltern. „Ist manchmal praktisch, zum Beispiel für den Großeinkauf“, sagt Laureen. Und manchmal unabdingbar, zum Beispiel wenn Freunde nicht an der Bahnstrecke oder in Fahrradreichweite wohnen. Busse fahren nur im Schulverkehr.

Manchmal arbeitet Stefan für mehrere Wochen am Firmensitz in Potsdam. Dann kauft er sich eine Monatskarte und pendelt auch mit dem Zug. „Die Anbindung ist gut, da wäre es Quatsch, mit dem Auto zu fahren. Wenn die Taktung noch besser wird, dann ist sie unschlagbar“, sind sich Laureen und Stefan einig.

Seit fünf Jahren nimmt er bei schönem Wetter auch mal das Pedelec für die 38 Kilometer bis Potsdam. „Da habe ich die Lacher alle auf meiner Seite“, sagt Stefan. Die Leute im Dorf wundern sich, dass ein so junger Mann ausgerechnet ein Elektrofahrrad kauft. „Und dann fahre ich damit auch noch auf Arbeit. 38 Kilometer – für die meisten hier eine unvorstellbar weite Strecke mit dem Fahrrad.“

Tochter Ellas Fahrrad steht meist als einziges vor dem Kindergarten. Im Sommer kommen manchmal ein paar Kinderräder dazu. Aber die meisten Brücker fahren mit dem Auto zur Arbeit und bringen ihren Nachwuchs dann auf dem Weg eben schnell zum Kindergarten oder zur Schule.

Dass ihre Familie anders mobil ist als die anderen in Brück, fällt Ella auf. Sie fragt manchmal: „Warum kommen die anderen immer mit dem Auto und wir mit dem Fahrrad?“ Die Antwort darauf fällt Laureen und Stefan leicht: „Auf den kurzen Wegen sind wir mit den Rädern viel schneller und praktischer unterwegs. Und sportlich obendrein.“

Per ICE nach Westerland

Letzten Sommer haben sie zum ersten Mal Familienurlaub mit dem Zug ausprobiert. „Nach Sylt, das war die einfachste Strecke“, erklärt Laureen. „Jeden Morgen höre ich am Berliner Hauptbahnhof die Durchsage für den ICE nach Westerland. Da haben wir einfach gesagt: Komm, den nehmen wir. Das war wirklich ein super Urlaub – viel besser als mit dem Auto. Alle waren entspannter und wir mussten nicht darüber streiten, wer fährt und wer die Kinder bespaßt.“ Und während sich die anderen Brücker über die Mobilität der Wendts wundern, ist die Familie weiter so mobil, wie es am besten für sie passt: mal mit dem Zug, mal mit dem Auto und am liebsten mit den Fahrrädern.

Valeska Zepp

fairkehr 3/2019