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Titel 3/2019

Kinder an Verkehrsplanung beteiligen

„Wir fragen die Kinder“

Um Quartiere für Kinder attraktiv und verkehrssicher zu gestalten, müssen Planerinnen deren Ziele und Wege kennen. Ein Interview mit Verkehrsplanerin Juliane Krause.

Juliane Krause ist Inhaberin von plan&rat, Büro für kommunale Planung und Beratung, und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des VCD.

Wie müssen Straßen gestaltet werden, damit sie für Kinder sicher sind?

Mit flächendeckendem Tempo 30 in der Stadt, wie vom VCD gefordert, wäre schon viel gewonnen. Dann ist es wichtig, die Spielorte der Kinder zu kennen, zu denen sie sich nachmittags zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Roller begeben. Diese sollte die Kommunen mit Tempo-30-Straßen, Fahrradstraßen und verkehrsberuhigten Bereichen vernetzen. Es ist auch wichtig, Stellen zu identifizieren, an denen Kinder oft die Straße queren, um dort Mittelinseln oder Zebrastreifen anzulegen. Außerdem sollten sich Planerinnen und Planer  an die Regelwerke für Fuß- und Radverkehr halten: Gehwege sollten mindestens zweieinhalb Meter breit sein, Radwege zwei Meter.

Was sind typische Spielorte?

Das sind Spiel- oder Sportplätze, Schwimmbäder, es kann aber auch ein Kiosk oder die Eisdiele sein. Wir fragen die Kinder, um herauszufinden, wo sie sich in der Freizeit aufhalten.

Ist es üblich, Kinder mit in die Verkehrsplanung einzubeziehen?

Es gibt gesetzliche Regelungen, die die Beteiligung von Kindern vorschreiben: Die UN-Kinderrechtscharta, EU-Gesetze, das Baugesetzbuch oder die Gemeindeordnungen mancher Bundesländer. Dennoch können Planungsbüros Kinder nur einbeziehen, wenn sie von der Stadtverwaltung den Auftrag dazu bekommen. Oft geschieht das nur, wenn ein Bolzplatz oder ein Spielplatz angelegt wird.

Wie sehen diese Beteiligungsverfahren aus?

Ab dem Vorschulalter können wir Interviewstreifzüge mit Kindern machen. Bei einem Spaziergang mit eingeflochtenen Interviewelementen erkunden wir das Wohnumfeld. Grundschulkinder können im Brainstorming eigene Ideen vorschlagen. Ab etwa elf Jahren können Jugendliche bei einer Ortsbegehung auf einem Bogen selbst Mängel aufnehmen. Ich habe kürzlich in einer Anliegerstraße, die die Stadt Braunschweig neu gestalten möchte, eine Begehung mit Kindergarten- und Schulkindern durchgeführt. Sie wünschen sich ein Insektenhotel, ein Trampolin, Bänke und Obstbäume. Das werden wir der Stadt vorschlagen.

Gibt es einfache Maßnahmen, die Kommunen mit wenig Geld umsetzen können, um den Straßenraum für Kinder sicher zu gestalten?

Ampeln müssen mindestens 40 Sekunden lang Grün zeigen. In Kerpen gibt es beispielsweise einen bunt gestalteten Kinderzebrastreifen, der Autofahrenden zeigt, dass sie hier mit Kinder rechnen müssen. Zeitlich befristete Fußgängerzonen vor Schulen oder Elternhaltestellen, die bis zu 250 Meter von der Schule entfernt sein können, verringern die Gefahr, dass Schülerinnen und Schüler von Elterntaxis angefahren werden. Radschulwegpläne oder Stadtteilpläne für Kinder helfen, sichere Routen für Kinder vorzuschlagen. Viele Kinder kommen heute mit dem Roller in die Schule. Rollerständer sind hier hilfreich.

Interview: Benjamin Kühne

fairkehr 3/2019