fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

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Titel 3/2019

Großfamilie mit nachhaltigem Mobilitätsmix

Mobil mit Fahrrad, ÖPNV und Elektroauto

Wo drei Generationen nah beieinander leben, bleiben Lebensstildebatten nicht aus. In Zeiten von Fridays for Future geht es oft ums Klima.

Großfamilie Lütz, Friedhoff, Schumacher lebt am Stadtrand

Turbulenzen am Küchentisch: Wer hat denn schon wieder Kekse mit Palmöl gekauft? Warum ist das Fleisch nicht bio? Musst du da jetzt mit dem Auto hinfahren? Ist das vegan? Geht das nicht plastikfrei? Wer in Zeiten von Fridays for Future mit Teenagerkindern zusammenlebt, kommt um kritische Kon­sumfragen nicht herum.

Das ist im Drei-Generationen-Gefüge der Familien Lütz, Friedhoff und Schumacher nicht anders. Die beiden Schwestern Franziska und Julia haben vor dreizehn Jahren mit ihren Männern neben ihren Eltern ein Haus gebaut. Dort leben sie jetzt mit je drei Kindern Tür an Tür am Bonner Stadtrand. Julia (50) und Jürgen Lütz (52) wohnen mit den Kindern Lotte (16), Oskar (14) und Theo (11) in der einen Haushälfte. In der anderen wohnen Franziska Schumacher und Tom Friedhoff mit den Kindern Klara (18), Frieda (15) und Emma (13). Ein Garten mit großen Obstbäumen verbindet Häuser und Generationen: Auf der Wiese treffen sich Kinder, Eltern und Groß­eltern zum Spielen und Gärtnern, Stricken und Lesen, Essen und Trinken, Ausruhen und Feiern.

Ein Schuppen voller Fahrräder

Mit dem Fahrrad kommen fast alle Familienmitglieder am besten voran: zum Job, in die Schule, zur Bibliothek, zum Einkaufen, ins Schwimmbad. Die täglichen Wege sind selten länger als fünf Kilometer. Und so stehen und hängen im Schuppen Trekkingräder, Mountain­bikes, Einräder, Falt- und Rennräder. Auch ein Lastenrad ist dabei. Vor fünfzehn Jahren war Klara eines der ersten Bonner Kinder, das in einem Lastenrad zur Kita kutschiert wurde. Heute nehmen sie und Cousine Lotte das Rad mit zum Schulstreik fürs Klima – beladen mit Verstärker, Boxen und Demoschildern.

An Schultagen brauchen Klara, Frieda und Emma mit der Straßenbahn

25 Minuten von der Haustür bis zum Gymnasium. Mit dem Rad geht es – morgens oft entscheidende – sieben Minuten schneller. Theo, Lotte und Oskar laufen meist die 900 Meter bis zur Gesamtschule. Außer es ist gerade „Stadtradeln“. Dann zählt jeder Fahrradkilometer. Beim jährlichen Wettbewerb um die fahrradaktivste Kommune sammeln alle Familienmitglieder fleißig Fahrradkilometer.

„Während unserer Kindheit in den 1970er Jahren haben unsere Eltern das Radfahren vorgelebt“, erzählen die Schwestern Franziska und Julia. „Ein Auto war zwar vorhanden. Sie sind dennoch geradelt, aus Sparsamkeit. Unsere Mutter fuhr mit dem Rad zum Einkaufen für die sechsköpfige Familie. Mit seinen knapp achtzig Jahren radelt unser Vater heute immer noch jeden Morgen zum Zeitunglesen in die Unibibliothek. Wir haben nie in Frage gestellt, dass mit dem Fahrrad im Alltag alles machbar ist.“ Die Infrastruktur für Radfahrer könnte für ihren Geschmack zwar deutlich besser sein. Vor allem nervt sie aber, dass die Stadt dem ruhenden Autoverkehr so viel Platz einräumt. Dennoch fahren beide Schwestern selbstverständlich

regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit – und zwar auch im Winter oder bei Regenwetter. Das Auto spielt dennoch eine Rolle für die Familienmobilität: ein Fußballturnier in Maastricht, Großeinkäufe bei Regenwetter, Verwandtschaftsbesuche und Ausflüge lassen sich nicht immer mit Fahrrädern oder dem Nahverkehr meistern. Jede Familie besitzt ein Auto.

Das neue Auto fährt elektrisch

Jürgen Lütz fährt seit neuestem elek­trisch. Als Kinobetreiber an mehreren Standorten in Bonn und Köln braucht er das Auto – seit ein paar Monaten besitzt seine Familie eins mit Elektroantrieb. Als die Anschaffung eines neuen Autos anstand, haben sie ihr Mobilitätskonzept überdacht und festgestellt: Die Gelegenheiten, bei denen alle fünf zusammen im Auto fahren, werden immer seltener. Für den Alltag reicht eigentlich ein Kleinwagen – warum nicht klimafreundlich mit E-Antrieb? Und wenn doch alle zusammen in Urlaub fahren, mietet die Familie einen größeren Wagen. Die Lützens verreisen gern und in fast allen Ferien – auch mal mit dem Flugzeug.

„Also wir fliegen nicht“, sagt Emma, die Jüngste der Friedhoffs. Das stimmt nicht ganz, weil Auslandsschuljahre der Schwestern in Neuseeland und Kanada doch Flüge erfordern. Auch Franziska muss manchmal dienstlich fliegen. Wenn es mit den Regeln des Arbeitgebers vereinbar ist, nimmt sie allerdings lieber die Bahn und überredet Kollegen, mal den Nachtzug statt den Flieger auszuprobieren. In den Urlaub verreisen die Friedhoffs grundsätzlich nicht mit dem Flugzeug. Seit ein paar Jahren fahren sie auch nicht mehr mit dem Auto in die Sommerferien. „Die ewigen Fahrten wurden uns zu anstrengend, da ist Zugfahren doch angenehmer“, sagt Tom. Zum ersten Familienurlaub mit Zug musste ihn seine Frau allerdings überreden. Noch besser gefallen ihm Radurlaube. Familienkonsens ist das nicht. Die Kinder träumen vom Zelten am Meer. Und während Frieda versucht, ihre Eltern von der Idee zu überzeugen, packt Emma den Atlas aus und sucht das Mittelmeer nach Stränden mit Zuganschluss ab und Klara recherchiert auf dem Smartphone die besten Bahnverbindungen nach Südfrankreich. Ob die Kinder damit Fakten schaffen? „Schauen wir mal“, sagen die Eltern.

Valeska Zepp

fairkehr 3/2019