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Reise 5/2018

Segeln auf der Nordsee

Törn ins Watt

Auf der Fahrt mit dem Plattbodenschiff gibt es alle Hände voll zu tun, denn die Skipperin braucht Hilfe an der Seilwinde, beim Segelsetzen oder beim Anlegen und Festmachen.

Schiff ahoi: Kapitänin Winnie Haring hat alles im Griff und behält immer den Überblick.

Das hölzerne Steuerrad mit der umlaufenden Metallstange ist größer als die Skipperin selbst. Winnie Haring, Kapitänin auf der Iselmar, springt mal nach Backbord, mal nach Steuerbord, um den besten Blick aufs Fahrwasser zu haben. Ruhig und konzentriert hält sie das 40 Meter lange und 7 Meter breite Schiff auf Kurs. Der Ruderstand am Heck ist ihr Platz und egal wie das Wetter ist: Winnie steht draußen. Ein Steuerhaus gibt es nicht. In Jeans und dickem Flee­cepulli steuert die 33-jährige Niederländerin mit dem wippenden blonden Pferdeschwanz die Iselmar durchs Wattenmeer. Vom Heimathafen Harlingen nimmt die Iselmar Kurs auf die niederländischen Inseln Terschelling, Vlieland und Ameland.

Die Iselmar ist ein mehr als hundert Jahre altes Plattbodenschiff. Diese dicken Kähne mit weniger als zwei Meter Tiefgang waren früher als Frachtschiffe in den Kanälen der Niederlande und unter Segeln entlang der Nordseeküste unterwegs. Seit niemand mehr Torf oder Kartoffeln mit Holzschiffen transportiert, haben die Niederländer viele dieser Schiffe zu Ausflugsschiffen umgebaut. Unter Deck bieten jetzt Kajüten, Wasch­räume, die Küche und ein Speisesaal Platz und Bequemlichkeit für bis zu 30 Passagiere. Auf diesem Törn sind es fünf Frauen und sechs Männer, die an den letzten Tagen im Mai das Wattenmeer kennenlernen wollen.

Kaum ist das Festland im Dunst zurückgeblieben, frischt der Wind auf. Winnie gibt das Kommando zum Segelsetzen. „Hier draußen können wir CO2-frei unterwegs sein, hier hilft uns die Natur“, sagt sie. Bei den Manövern braucht sie jede Hand. Zwei junge Frauen rollen die Fock am vorderen Mast auf. Die kräftigeren Männer kurbeln die riesige Seilwinde und heißen das Großsegel. Das ist schwere Arbeit, denn auf dem alten Schiff geht noch alles mechanisch.

Schnell fangen die Segel Wind und die Iselmar nimmt Fahrt auf. Die Passagiere lümmeln in den Sitzsäcken an Deck, lassen sich vom Seegang hin und her wiegen und schauen den Wolken nach, die über den weiten Nordseehimmel jagen. Von einer überholenden Fähre winken Fahrgäste hinunter. Backbord liefert ein Krabbenkutter – verfolgt von einem Schwarm hungriger Möwen.

Im Takt der Gezeiten

Zweimal am Tag läuft mit der Flut frisches Nordseewasser in die Siele des Wattenmeers und transportiert dabei große Mengen Sand und Schlick. Alles ist immer in Veränderung. Winnie hatte im Hafen die geplante Fahrtroute auf einer Seekarte gezeigt. „Durch die Sandverschiebung ändert sich ständig die Fahrrinne. Mit dem ersten Ausfalten sind die Karten schon wieder veraltet“, hatte die Skipperin erklärt. Sie orientiert sich deshalb auch an den im kippeligen Meerwasser tanzenden roten Tonnen.

Alle Mann ran. Frauen natürlich auch. Beim Segelsetzen braucht die Skipperin jede
helfende Hand.

Kurz vor Terschelling nimmt Winnie Wind aus den Segeln. Eine Sandbank kommt in Sicht, auf der eine große Kolonie Kegelrobben faulenzt. Einige neugierige Genossen wagen sich nahe ans Schiff und schauen mit ihren Knopf­augen und Schnurrbarthaaren übers Wasser, um gleich darauf wieder wegzutauchen. Als Konkurrenten der Fischer waren sie in der Nordsee nahezu ausgerottet. Heute gibt es wieder mehrere Kolonien, die hier ihre Jungen aufziehen.

Wegen seiner Einzigartigkeit hat die   UNESCO das Wattenmeer unter Schutz gestellt. Sein flaches Wasser ist Lebensraum für rund 10 000 Arten von Pflanzen und Tieren. Gemeinsam mit den Wattgebieten in Deutschland und Dänemark ist das Weltnaturerbe Wattenmeer das größte Watt-Insel-Gebiet der Welt.

Wer sich auf einem Plattbodenschiff einmietet, wohnt direkt auf dem Wasser. Frühstück gibt’s an Bord und auf Wunsch bereitet die Crew auch die übrigen Mahlzeiten zu. Aber die Passagiere der Iselmar wollen heute das Dorfleben und die Restaurants der Inseln kennenlernen und schwärmen nach dem Festmachen zum Landgang aus. Aber nicht zu Fuß, sondern typisch niederländisch mit Fahrrädern. Die Skipperin hat sie beim Verleiher vorbestellt, sie stehen schon am Anleger bereit.

Den Hafen von Terschelling überragt ein mächtiger viereckiger Leuchtturm. Schon seit dem Mittelalter weist er Seeleuten den Weg entlang der niederländischen Küste. Auch einige der umliegenden Häuser des Dorfes stammen noch aus dieser Zeit. Anders als die deutschen Nachbarn, die Anfang des letzten Jahrhunderts ihre Inseln zu Seebädern ausbauten, haben die niederländischen Inseldörfer ihren ursprünglichen Charme weitgehend bewahren können. Sie liegen geduckt unter hohen alten Bäumen im Schutz der Dünen, wo der Seewind sie weniger angreifen kann.

Die Radfahrer machen sich auf den Weg zum Strand, sausen auf gepflasterten Wegen die Dünen rauf und runter, gegen den salzigen Wind durch Wald und Heide, durch grünsilbriges Gras, über sandige Hügel und Dünentäler. Weite Teile der Inseln stehen unter Naturschutz. Am Strand ist gar kein Ende zu sehen – oder man kann sich nicht vorstellen, dass es ein Ende gibt. Am Horizont verschwimmen Sand und Wasser zu einem glitzernden Blau.

Uta Linnert

 

Gut zu wissen

  • Mehr Informationen zu den nieder­ländischen Watteninseln, über die Entdeckungstouren im Watt, Hotspots und Naturschutzgebiete: www.wadtodo.nl/de
  • Anreise zum Hafen Harlingen mit der Bahn www.bahn.de
  • Törn planen, Preise checken und Schiff buchen: www.iselmar.info

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