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Kolumne 1/2019

Was geht?

Ist das eigene Hollandrad ein Auslaufmodell? In den Niederlanden boomen Leasingräder, mit Austauschservice bei Pannen.

Im Verkehr wie im Leben insgesamt ist es manchmal sehr schwer vorherzusehen, welche Idee von Erfolg gekrönt wird und was kläglich scheitert. Im letzten Heft habe ich bemerkt, dass die Versuche, meine Freunde und Bekannten zum Nichtfliegen zu bekehren, gescheitert sind. Dagegen funktioniert Ryanairs Idee, dass die Leute viel Unangenehmes hinnehmen, wenn nur die Tickets billig genug sind. Das gilt übrigens im ökologisch positiven Sinne auch für Flixbus, dessen Reisen zwar recht lang sein können, aber dennoch beliebt sind. Gut zu wissen.

In der Süddeutschen las ich, was wohl in München das spektakuläre Wahlergebnis der Grünen ausgemacht hat: Sie waren immer so gut drauf mit einem „frischen und lebendigen Aussehen“. Das gefalle den Leuten in der Lifestyle-affinen Hauptstadt Bayerns. Ich nehme an, die Grünen selbst freut das nicht so richtig. Die wollen doch lieber gewählt werden, um das Ende der Braunkohle durchzusetzen. Tatsächlich wissen die im Moment wohl nicht so genau, was sie eigentlich richtig machen. Was sie früher falsch gemacht haben, dagegen schon: Moralische Ansagen in Sachen Auto oder Fleischverzicht bestrafen die Wähler bisher mit acht Prozent. Gut zu wissen.

Anderes Beispiel: In meiner Stadt Maastricht explodiert derzeit eine Geschäftsidee im Verkehrsbereich, die ich völlig unterschätzt habe. Das Startup Swapfiets bietet einfache Hollandfährräder an für eine Miete von 15 Euro im Monat, mit dem Versprechen, bei technischen Problemen das Fahrrad sofort abzuholen und zu reparieren. Das ist eine Art Fahrradabonnement, eigentlich wie eine Fahrrad-Flatrate. Die Idee geht ab wie Harry. Jeden Tag sehe ich mehr Swapfietsen, und nun sind sie auch in deutschen Städten am Start. Dabei dachte ich erst, das klappt nie. Es ist doch viel günstiger, sich ein altes Rad für 80 Euro zu kaufen und mit dem ein paar Jahre in der Stadt rumzugurken, als jeden Monat 15 Euro zu zahlen. Warum funktioniert die Abo-Idee dennoch?

Ganz einfach, sagen meine studierenden Kinder: Die Studis haben heutzutage keine Lust mehr, selbst den platten Reifen zu flicken oder die Kette auszutauschen. Sie lieben den Service, wenn er mit einem ansprechenden Preis gekoppelt ist. Auch das sollte man wissen, wenn man über die Zukunft des Verkehrs nachdenkt. Auto-Abonnements könnten genauso funktionieren.

Neben Swapfieten sehe ich auch relativ viele Elektroautos in Maastricht. Ich nehme an, es gibt bei uns mehr Teslas als in Berlin. Warum? Ganz einfach: Für elektrische Dienstwagen ist die Berechnung des geldwerten Vorteils seit Jahren wesentlich günstiger als für Verbrenner. Also leasen Betriebe für ihre Gutverdiener ein Elektroauto, weil diese das wollen. Merke: Es sind nicht so sehr die Kaufboni, die den Unterschied machen, sondern der Anreiz beim Unterhalt. Auch in Deutschland sind ja anscheinend mehr als 50 Prozent der Zulassungen Dienstwagen. Da geht was. Ich wette auf einen Boom, wenn die Bundesregierung ab 2019 für die private Nutzung elektrischer Firmenwagen nur noch halb so viele Steuern und Sozialabgaben verlangt. Wer wettet dagegen?

Zum Schluss. Was leider bisher noch nicht geklappt hat in Deutschland: erfolgreich kommunizieren, dass die Leute wegen des Klimaschutzes doch lieber kleinere und weniger Autos kaufen sollten. Die Zulassungen steigen immer noch und die Autos werden größer und schwerer. Haben wir Freunde der Verkehrswende etwas falsch gemacht? Das ist beispielsweise mit Blick auf die neue VCD Auto-Umweltliste interessant. Soll man in Zeiten des verschärften Klimaproblems und des Dieselskandals überhaupt noch den Neuwagenkauf von Benzin- und Dieselautos empfehlen? Und welche Kommunikation in Sachen Autokauf könnte gesellschaftlich den Unterschied machen? Wer es weiß, kann mir gerne schreiben.

Martin Unfried 

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fairkehr 5/2018