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Reise 3/2018

FreeInterrail-Aktivisten

#14 Speer und Herr

Ihr Einsatz hat dazu geführt, dass die EU-Kommission 700 Millionen Euro für Interrail-Gutscheine für 18-Jährige in ihren Haushaltsentwurf aufgenommen hat.

Martin Speer (l.) und Vincent-Emmanuel Herr (r.)

Geburtshelfer für Ideen: Das sind Martin Speer, 31, und Vincent-Emmuanuel Herr, 29. Die Berliner entwickeln politische Vorschläge, verbreiten sie publizistisch und mobilisieren Menschen, sie umzusetzen. Dabei sind sie enorm erfolgreich. Vier Jahre lang klopften sie an Türen in Brüssel mit einer Idee im Gepäck: Jede Europäerin und jeder Europäer bekommt zum 18. Geburtstag einen Brief von der EU mit einem Interrail-Gutschein. Dieser kann innerhalb von sechs Jahren für eine einmonatige Reise durch Europa eingelöst werden. Der Hintergedanke: Jugendliche sollen Europa kennenlernen, Freundschaften schließen und ihr Erwachsenenleben mit einer positiven EU-Erfahrung beginnen. Ein Baustein für eine europäische Identität und ein Gegengift gegen lähmende EU-Skepsis. Die Arbeit der beiden Studienfreunde fruchtet: Im Mai dieses Jahres hat die EU-Kommission 700 Millionen Euro für FreeInterrail in ihren Haushaltsentwurf aufgenommen.

Die Geschichte von Speer und Herr ist Riechsalz für Politikverdrossene. 2008 lernen sie sich beim Auslandsstudium am Principia College in den USA kennen. Im geschützten Raum der Universität beginnen sie, ohne Denkverbote politische und gesellschaftliche Ideen zu diskutieren. Gleichzeitig entdecken sie ihr  gemeinsames Interesse daran, wie man Menschen überzeugt und Dinge realisiert. Zurück in Deutschland setzen sie sich für Themen ein, die ihnen am Herzen liegen: Europa, Gleichberechtigung, die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Dabei gehen sie sehr strategisch vor: Sie schreiben Ideenartikel für Medien wie die „Zeit“ oder „The European“, suchen sich Verbündete für ihre Vorschläge und bitten Entscheidungsträger um Stellungnahmen, die sie dann über soziale Medien streuen. So schafft man sich Öffentlichkeit. Für einen offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel, in dem sie die Gleichstellung der Ehe fordern, mobilisieren sie 150 Prominente. Sie merken: Wenn du die Leute da abholst, wo sie stehen, setzen sie sich gerne für gesellschaftliche Belange ein.

Die Idee für FreeInterrail entstand 2014 bei einem Abendessen mit dem österreichischen Schriftsteller Robert Menasse. Wenig später machten Speer und Herr schon Termine in Brüssel. Das ging leichter als erwartet: „Es hat geholfen, dass wir keine Spezialinteressen vertreten haben. Wir waren zwei Bürger, die kein Parteibuch hatten und recht jung waren“, sagt Martin Speer. Ein vermeintlicher Nachteil, ein fehlendes Brüsseler Netzwerk, stellte sich als Vorteil heraus. Erfolgsformel der jungen Männer: Respektiere Institutionen, aber zeige keine Angst vor Hierarchien. Wisse: Auch die mächtigsten Leute sind nur ganz normale Menschen. „Das kann die Gesprächsatmosphäre mit Ministern total verändern, weil sie merken: Sie können sich auch anders verhalten.“ Im Herbst erscheint ein Buch der beiden Freunde. Titel: „Tun wir was. Wie unsere Generation die Politik erobert.“

Tim Albrecht

fairkehr 3/2018