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Reise 2/2019

Unterwegs an Elbe und Moldau

Per Rad nach Prag

Der tschechische Elberadweg führt am Fluss entlang durch ruhige Wälder und Wildnis. fairkehr-­Autor Gerhard Fitzthum folgte dem Weg bis Mělník und radelte entlang der Moldau bis Prag.

Jährlich überqueren Hunderttausende Touristen die Moldau auf der Karlsbrücke im Herzen von Prag. Historische Architektur, deftiges Essen, günstiges Bier und die zahlreichen Nachtklubs locken die Menschen in die Hauptstadt der Tschechischen Republik.

Der Himmel ist uns gewogen: Der Wind bläst so beständig von hinten, dass wir wie von selbst durchs Tal fliegen –ganz so, als ob wir auf E-Bikes unterwegs wären statt auf unseren schwer bepackten Tourenrädern.
Andererseits haben wir aber auch kräftigen Gegenwind – in Form der zahllosen Pedaltreter, die uns entgegengestrampelt kommen. Sie machen das, was man an der Elbe üblicherweise macht, bei einer der typischen Westwindlagen aber mühsam ist: flussabwärts radeln.

Die Radlerkarawanen sind keine Überraschung. Die Route an der Elbe war lange Jahren der beliebteste Radfernweg der Republik – mit jährlich 160 000 Reiseradlern, die im Durchschnitt acht Tage unterwegs sind. Während der Saison leidet man auf den 800 Kilometern zwischen Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz und Cuxhaven an der Nordsee also nicht an Einsamkeit. Wir radeln gegen den Strom und verlassen das Land – dorthin, wo die Elbe Labe heißt, weitere 400 Streckenkilometer ausgewiesen sind und sich kaum ein Radelgermanen hinzutrauen scheint, nach Tschechien.

Tatsächlich treffen wir an diesem Nachmittag nur noch vier Deutsche – in Dolní Žleb, dem ersten tschechischen Gasthaus. Die beiden Paare sind in Bad Schandau einquartiert und machen heute nur einen kleinen Rad-Ausflug, um zum halben Preis zu Abend zu essen. Auch wir können es kaum fassen: Ein randvoller Teller leckeres Gulasch mit Böhmischen Hefeknödeln für umgerechnet fünf Euro. Auch die Bierpreise machen es schwer, seinen guten Vorsätzen treu zu bleiben. Berauschend gut gelaunt, aber mit gehöriger Verspätung steigen wir wieder aufs Rad. Nach Děčín ist es noch eine gute Stunde.

Habsburger Ära trifft Ostblock

Erstaunlich, wie sehr sich die Landschaft inzwischen verändert hat. Von den pastoralen Wiesen und Weiden des sächsischen Elbtals ist nichts mehr zu sehen. Wo einmal Kühe und Schafe grasten, breiten sich heute Wald und Wildnis aus. Am anderen Ufer taucht eine Verladestation mit alten Ladekränen auf, unter denen rostige Güterwaggons aufgereiht sind. Es folgen farbenfrohe Einfamilienhäuser, zwischen die sich Plattenbauten und architektonische Relikte aus der Habsburger Ära mischen – kein Zweifel, wir sind in einem anderen Land.

Dass der Radweg weniger gut ausgebaut wäre, bedeutet das allerdings nicht. Weil es sich herumgesprochen hat, dass die Reiseradler an der deutschen Elbe pro Saison 90 Millionen Euro ausgeben, haben unsere östlichen Nachbarn alle Register gezogen: Mithilfe von EU-Geldern wurde der einheitlich gelb markierte Weg vielerorts ganz neu angelegt, fast immer direkt am Ufer und fern von vielbefahrenen Straßen. Das Vorurteil, im ehemaligen Ostblock sei das Radfahren eine Risikosportart, gehört der Vergangenheit an – zumindest auf dem ersten Abschnitt des tschechischen Elberadwegs, den wir mit einem Abstecher nach Prag enden lassen werden.

Die Hotelsuche in Děčín erweist sich als schwierig, denn schon 15 Kilometer hinter der Grenze spricht kaum noch jemand Deutsch oder Englisch. Das urbane Zentrum besteht aus einer Mischung von schnörkellosen Zweckbauten und organisch gewachsener Altstadtarchitektur. Den besten Überblick über die Fünfzigtausend-Einwohner-Stadt bekommt man vom Rosengarten aus – einer frühbarocken Gartenlandschaft auf dem Schlossberg, deren Faszination man sich schwer entziehen kann. Weitere hochkarätige Sehenswürdigkeiten sind das mittelalterliche Schloss selbst, die Belle-Époque-Architektur des Marktplatzes und der Jugendstilbrunnen.

Weniger reizvoll ist Ústí nad Labem (Aussig), zwanzig Kilometer flussaufwärts. Nach den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg hat die kommunistische Obrigkeit die Reste der historischen Bausubstanz niedergerissen, um ein Zeichen des Fortschritts zu setzen. Inzwischen wurden zwar wieder Bäume gepflanzt, die sozialistische Tristesse ist aber unübersehbar geblieben.

Wer Zeit für einen langen Fahrradurlaub hat, kann bis zu 1300 Kilometer auf dem Elberadweg am Fluß entlang radeln. Los geht es an der Mündung bei Cuxhaven und weiter über Hamburg, Dresden und durch die Sächsische Schweiz bis zur Quelle im tschechischen Riesengebirge.

Dazu kommt, dass die Vertreibung von drei Millionen Sudetendeutschen hier ihren Ausgang nahm. Ob das Elbtal hier deshalb so verlassen wirkt? Oder liegt es daran, dass hier die ausufernden Gewerbegebiete und Neubau-Quartiere fehlen, die die Flüsse im Westen Europas säumen? Gelebt wird hier in kleinen Häuschen, die in die bewaldeten Elbhänge geradezu eingewachsen scheinen. Die Grenze zwischen Datschen und Wohnhäusern ist fließend. Naturfreunde fühlen sich gleich zu Hause. Schließlich wurden auf den kleinen Grundstücken keine Bäume gefällt, keine Büsche wegrasiert und kein Unkraut mit chemischen Keulen erschlagen. Zeitgenossen mit teutonischem Ordnungssinn bekommen hingegen die Krise. Schließlich fehlen die Erkennungszeichen der globalisierten Spießigkeit: herausgeputzte Fassaden, autogerecht planierte Innenhöfe und Vorgärten, in denen die Blumen in Reih und Glied stehen.

An urbanen Preziosen herrscht indes kein Mangel – das Städtchen Litoměřice etwa, hoch über dem Fluss auf einem Hügel gelegen. Der Marktplatz hat ein wahrhaft gigantisches Ausmaß und ist mit eindrucksvollen Bürgerhäusern umstanden, die teilweise noch aus der Renaissance stammen. Ein geradezu verzaubernder, atmosphärischer Ort, auch wenn tagsüber einiger Einkaufs- und Zulieferverkehr herrscht.

Wer will, kann von Litoměřice einen kleinen Abstecher nach Terezín (There­sienstadt) machen. Hinter der alten Stadtmauer von Theresienstadt waren ab 1941 bis zu 60 000 Häftlinge jeden Alters eingepfercht – im Vorzeige-KZ der Nazis. Das rege Kulturleben der Lagerinsassen wurde nicht unterdrückt, sondern regelrecht zur Schau gestellt – Theateraufführungen und Musikdarbietungen waren an der Tagesordnung.

Das meditative Hingleiten an der Elbe hilft Urlaubern nicht nur, den Blick in die düstere Geschichte hinter sich zu lassen, sondern auch die Schrecken der Gegenwart zu verkraften: Die gespenstische Umgebung von Horní Počaply stecken wir am Nachmittag jedenfalls weg, als gehörten die zahllosen Schlote des Kraftwerks zu einem Freizeitpark für Technikfreaks. Seltsam nur, dass seit Tagen kein einziges Frachtschiff zu sehen ist. Nicht einmal Sportboote sind unterwegs und schon gar keine Yachten. Allenfalls sieht man hin und wieder ein Ruderboot und ein Kajak – Zeichen der Langsamkeit und Sinnbilder des einfachen Lebens, die im Westen bereits Seltenheitswert haben.

Radreisen noch wenig populär

Im bezaubernden Mělník ändern wir unsere Pläne. Statt uns noch einige Stunden dem Lauf der Elbe anzuvertrauen, entscheiden wir uns, der hier einmündenden Moldau direkt nach Prag zu folgen. Als wir merken, dass dies ein Fehler war, ist es zum Umkehren schon zu spät. Verwöhnt durch die Elbroute hatten wir gehofft, direkt an Bedřich Smetanas berühmtem Heimatfluss entlangzufahren, werden über weite Strecken aber hinter Dämme ins Hinterland verbannt. Nach zwei Stunden schenken wir uns einen weiteren steigungsreichen Umweg und bleiben am Fluss. Es folgt ein Abenteuer, das sich nicht zur Nachahmung empfiehlt – das Befahren des halbverwachsenen Leinpfads, auf dem in früheren Zeiten voll beladene Kähne von Pferden flussaufwärts gezogen wurden. An den heikelsten Stellen müssen wir absteigen und schieben, um nicht kopfüber in die Moldau zu stürzen.

An einer der wenigen Ausweichstellen kommen wir mit einem jungen Mann ins Gespräch, der gerade einen Ast aus den Speichen zieht. „Radreisen sind bei uns noch nicht populär“, erklärt er uns in gebrochenem Deutsch und wechselt dann zu Englisch. Für die Tschechen sei das Radfahren Sport. Man starte morgens, mache achtzig bis hundert Kilometer und sei abends wieder zu Hause. Völlig erschöpft, wie zu vermuten ist.

Endlich nähern wir uns der Einkehr, auf die wir uns seit Stunden freuen – im historischen Ausflugslokal im Stromovka Park, in dem schon Franz Kafka erfüllte Stunden zugebracht hat. Nach einem Brand muss es aber erst noch restauriert werden. Nebendran ist eine Strandbar aufgebaut worden – mit Designergetränken, Liegestühlen und Musik, die uns auf die fiebernde Großstadt einstimmt.

Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung in das historische Zentrum von Prag. Die Karlsbrücke ist so voll mit um sich fotografierenden Menschen, dass wir gar nicht erst versuchen, die Räder hinaufzuschieben. Da sind sie also wieder, die Touristenmassen, denen wir einige Tage entkommen waren. Und da sind endlich auch die vermissten Schiffe – freilich keine Transportkähne, sondern Ausflugsdampfer und Partyschiffe, auf denen sich Busreisegesellschaften hin und her fahren lassen. Mit touristischen Hotspots haben unsere Landsleute offenbar weniger Probleme als mit einsamen Flusslandschaften.

Gerhard Fitzthum

Radfahren an der Elbe

Für das Befahren des tschechischen Elberadwegs braucht man kein Mountainbike, es genügt ein gewöhnliches Trekkingrad. Allzu schmal sollten die Reifen aber nicht sein. Obwohl die Grenze nicht kontrolliert wird, sollte man seinen Personalausweis mitnehmen.

Infos zum Elberadweg:
www.elberadweg.de

Infos zum tschechischen Radwegenetz www.greenways.cz
www.nadacepartnerstvi.cz

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