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Kolumne 2/2018

Heizwert und elektrische Nachbarn

Ein PKW steht umhüllt von einer grünen Plane auf einem Schrottplatz.
Martin Unfried hat ein rotes E-Auto getestet. Das Modell hält er streng geheim.

Wieder stand ein Nachbar von mir stolz vor seinem neuen ionischen Elektroauto. Er strahlte und erzählte mit leuchtenden Augen von seinem Verbrauch: 14 kWh auf 100 km. „Sehr gut!“, ermunterte ich ihn, „das wird sicher noch weniger, wenn der Frühling und die Wärme wirklich kommen.“ Nachbar happy, ich happy, Heizwert okay.

Des Nachbars Auto ist übrigens ein elektrischer Firmenwagen. Der ist für ihn wegen des geldwerten Vorteils wesentlich attraktiver als ein Diesel. Unsere gemeinsame Straße befindet sich allerdings in NL und von der intelligenten Steuerpolitik könnt ihr in Deutschland nur träumen, sorry. Und von den öffentlichen Ladestationen in meiner Nachbarschaft auch. Die hatte ich vor wenigen Wochen mal getestet, als ich einen elektrischen Testwagen hatte. Ich bin jetzt nämlich ins Autotester-Business eingestiegen. Brumm-brumm. Der Wagen war rot, ich fuhr ihn mit 13 kWh auf 100 km und die Reichweite war über 200 km. Rätsel: Welcher Wagen kann das sein? Ich bin der einzige Autotester, der geheim hält, um welches Auto es sich handelt. Mit meiner kleinen PV-Anlage mache ich übrigens an einem schönen Apriltag schon mal 10 kWh auf meinem Dach, also rund 70 Kilometer. Elektrisches Fahren ist nämlich was für „Prosumer“. Also Leute, die ihren Strom auch selber machen.

Ich muss das immer wieder erwähnen, weil ich viele Zuschriften bekomme von aufmerksamen Leserinnen, die meinen, das Elektroauto sei doch auch nicht die Lösung, sondern ein echtes Übel wegen Kohlestrom und schlimmen Batterien. Ja, das ist nicht die einzige Lösung, sage ich dann immer. Eine komplette Verkehrswende sieht sicher anders aus. Ganz wichtig sind natürlich viel weniger Autos. Ich würde gerne mal in unserer Straße ein Experiment anstoßen. Könnten wir in unserer Nachbarschaft mit halb so vielen Autos leben, wenn wir die besser verteilen? Also echte „sharing economy“ zum Anfassen!

Mit der interessanten praktischen Frage: Wer verkauft als Erster seinen Wagen? Wenn viele fairkehr-Leserinnen das interessant finden, können wir ja mal eine Projektgruppe gründen und uns überlegen, wie man die Nachbarn am besten für das Thema „Autoverkaufen“ begeistert. Wer sich in seiner Straße beliebt machen möchte, ist herzlich eingeladen. Gut, dass ich in den letzten Tagen nochmals zehn wissenschaftliche Studien gelesen habe zur Zukunft der Mobilität. Theoretisch kann ich meinen Nachbarn erklären, worum es bei der Verkehrswende geht. Jedoch hat mich ein Schaubild ernüchtert. Da sah man den Modal Split im Vergleich DE, NL, CH. In der Schweiz genießt man das Leben in vollen Zügen, also viel mehr ÖV-Kilometer als in Deutschland. Und in den Niederlanden ist das Mitfahren auf dem Gepäckträger nicht verboten, darum viel mehr Radverkehr. Darum liegt es auf der Hand, dass wir die deutschen Städte verniederlandisieren und den öffentlichen Verkehr verschweizern müssen. Ein Langzeitprojekt.

Und wenn in Deutschland dann irgendwann tatsächlich eine wunderbare niederländische Radinfrastruktur und eine traumhafte schweizer Flächenbahn geschaffen wurden, dann muss ich euch leider sagen, dass auch das noch keine Verkehrswende im Sinne einer vollständigen Dekarbonisierung ist. Denn leider sagen die Zahlen, dass auch die Schweizer und Niederländer in Sachen CO2 noch genug zu tun haben. Dann geht es nämlich erst so richtig los. Auch darum brauchen wir alles: mehr Bahn und Rad, aber gleichzeitig auch E-Autos für Leute, die ihr Auto mit der eigenen PV-Anlage tanken. Womit wir wieder bei den Kilowattstunden wären. Ein Verbrauch von 7 Liter Diesel (Verbrauch Nachbar früher) ist bedeutend schlechter als 14 kWh Verbrauch an Ökostrom (Verbrauch Nachbar heute). Merke: Das Bessere ist nicht der Feind des Guten. Der Heizwert eines Liters Diesel liegt übrigens bei 9,8 kWh. Schauen Sie mal bei Wikipedia nach, was so ein Heizwert ist. Danach sehen Sie die Welt mit anderen Augen.

Martin Unfried

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