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Reise 1/2019

Korsika und Marseille

Auf Schienen ans Mittelmeer

In den Wanderurlaub auf die französische Insel Korsika fahren, mit Abstecher zum Sightseeing in die Hafenmetropole Marseille: Das geht komfortabel und umweltfreundlich mit Bahn und Fähre.

Wanderer, die sich auf den Weg ins Landesinnere Korsikas machen, sollten auch mal einen Blick zurück werfen. Der Ausblick lohnt sich.

Bis ins Sonnenlicht sind es nur ein paar Schritte. Die Wolken bleiben am Osthang der Gebirgskette hängen, die wir am gut 1 500 Meter hohen Pass Bocca di Laparo überqueren. Heute sind wir schon fünf Stunden gewandert, auf schmalen Pfaden voller Äste, Geröll und Laub, steil bergauf durch Kiefern- und Buchenwälder. Jetzt stehen meine Freundin und ich hier oben auf einem kleinen felsigen Plateau. Den Blick haben wir auf das dicht bewaldete Tal gerichtet, in das wir gleich hinabsteigen werden. Berge rahmen den Pass ein. Oberhalb der Baumgrenze liegt noch etwas Schnee. Es ist der höchste Punkt des Weges „Mare a Mare Centre“, der Wanderer in sieben Etappen von der Ostküste zur Westküste der Mittelmeerinsel Korsika führt.

Von Deutschland aus sind wir mit Bahn und Fähre über Marseille nach Korsika gereist. Einmal täglich fährt der Schnellzug TGV von Frankfurt in knapp acht Stunden in die französische Hafenstadt. Von dort können sich Reisende nach Korsika, Sardinien, Algerien und Tunesien einschiffen. Wir steigen in Mannheim zu. Hinter der Grenze rast der Zug auf einer Hochgeschwindigkeitstrasse durch die Landschaft. Frankreich zieht im Zeitraffer am Zugfenster vorbei: Straßburg 16:12 Uhr, Lyon 20:05 Uhr, Marseille 21:50.

Nach einer Nacht im Hotel bleiben uns sechs Stunden Zeit, um die Stadt zu erkunden. Dann müssen wir am Terminal im Fährhafen einchecken. Marseille ist eine moderne, multikulturelle Me­tropole. Besonders Einwanderer aus Algerien, dem Senegal und Italien haben sich hier niedergelassen. Das spürt man bei einem Spaziergang durch die Stadt. Es gibt viele arabische Cafés, Bäckereien und Geschäfte. In einer Seitenstraße jammen auf dem Balkon eines weißen Apartmenthauses ein paar Männer. Sie spielen traditionelle westafrikanische Musik. Wir verweilen kurz, um den fremden Klängen zu lauschen, bevor wir die Straße in Richtung alter Hafen hinuntergehen. Im großen, rechteckigen Hafenbecken wiegen sich Hunderte Segel- und Motorboote im leichten Wellengang. Die Promenade säumen Restaurants und Bars. Das Fort Saint-Jean wacht mit seinem runden Turm über die Einfahrt des Hafens.

Früher hatte die Stadt ein schmuddeliges Image und galt als Hochburg der organisierten Kriminalität in Frankreich. Doch als Marseille zu Europas Kulturhauptstadt 2013 erklärt wurde, hat sich die Mittelmeermetropole herausgeputzt. Heute ist die Stadt mit ihren gut sanierten Sehenswürdigkeiten ein Touristenmagnet. Probleme wie Gentrifizierung und die Gefahr des Airbnb-Missbrauchs, die Anwohner mit geringen Einkommen aus ihren Quartieren verdrängen, inklusive.

Per Nachtschiff auf die Insel

Am späten Nachmittag holen wir unsere Wanderrucksäcke aus dem Hotel und machen uns zu Fuß auf den Weg zum Fährhafen. Mit dem Schiff geht es nach Bastia an der Ostküste Korsikas. Einen Reisetag verlieren wir nicht. Denn die Fähre legt die rund 400 Kilometer bei Nacht zurück. Um sieben Uhr morgens kommen wir im Hafen an.

Halb verdeckt von einer Parkanlage thront der Gouverneurspalast über dem Bootshafen von Bastia. Die Genueser haben ihn im 17. Jahrhundert während ihrer Herrschaft auf der Insel gebaut.

Von Bastia aus fährt ein Bus parallel zur Küste nach Süden. Der Fahrer, der uns als Wanderer identifiziert, legt einen Extrastopp ein, um uns direkt am Einstieg des Mare a Mare Centre abzusetzen.

In den nächsten sieben Tagen legen wir rund 85 Kilometer und mehrere Tausend Höhenmeter zurück. Obwohl die erste Etappe nur sieben Kilometer lang ist, geraten wir mächtig ins Schwitzen. Der Weg führt durch sattgrüne Wiesen, auf denen Schafe grasen, auf die schneebedeckten Berge zu. Wenige schattenspendende Bäume stehen am Wegesrand und die Sonne brennt auf uns herab.

Als wir nachmittags im Örtchen Serra di Fiumorbu ankommen, ist die Gîte d’Étape, die Unterkunft für Wanderer, verschlossen. Da wir weder im Reiseführer noch im Internet die aktuelle Telefonnummer der Gîte recherchieren konnten, sind wir ohne Anmeldung angereist. Auch auf dem verwitterten Holzschild am Eingang des einstöckigen, weißen Gebäudes ist ein Teil der Nummer nicht mehr lesbar. Zum Glück hilft uns ein älteres einheimisches Paar. Ein Telefonat, und 20 Minuten später bringt uns eine Mitarbeiterin der Bürgermeisterei den Schlüssel für die Hütte. Die Nacht verbringen wir in Stockbetten in einem muffigen Schlafraum. Zum Glück bleibt das die Ausnahme. Die anderen Gîtes sind in besserem Zustand.

Auf einsamen Pfaden

Wer im Frühjahr auf dem Mare a Mare Centre wandern geht, trifft wenige Menschen. Oft kann man stundenlang durch den Wald laufen, ohne jemandem zu begegnen. Auch auf den Gîtes geht es ruhig zu. Meist hatten wir die Schlafsäle für uns. Perfekt, um Abstand vom hektischen Alltag in der Stadt zu gewinnen.

In den kommenden Tagen werden die Etappen länger und bergiger. Die Königsetappe führt uns am dritten Tag nach einem Anstieg von 1 000 Höhenmetern am Bocca di Laparo über den Hauptkamm des Gebirges. Neun Stunden sind wir bereits unterwegs, als wir am Ende einer langen Gerade einige Ferkel auf dem Weg sehen. Als wir uns nähern, fliehen die Tiere in den Wald. Der Weg führt uns in einen dichten Eichenhain. Grunzlaute sind ein deutliche Zeichen dafür, dass die Schweinchen nicht weit weg sein können. Eine große Sau bricht oberhalb des Weges aus dem Unterholz und geleitet uns in wenigen Metern Abstand ein Stück durch den Wald. Sie will ihre Ferkel beschützen, die wir auf dem Weg gesehen haben. Wir versuchen, das Tier nicht zu provozieren. Nachdem wir einen aus Brettern und Gittern provisorisch zusammengezimmerten Stall passiert haben, entfernt sich die Schweinemutter von uns.

Brrr, ist das kalt! Baden in den Gumpen, kleinen Becken, die Sturzbäche über Jahrtausende in die Felsen gespült haben, ist Anfang Mai nur etwas für Hartgesottene.

Auf Korsika gibt es viele halbwilde Schweine, die von den Hirten in den Wald getrieben werden, wo sie sich von Eicheln und Esskastanien ernähren. Dass gibt Schinken, Wurst und Fleisch einen leichten Wildgeschmack.

Auf den Etappen vier und fünf wandern wir durch lichtdurchflutete Laubwälder. Am Wegrand stehen riesige jahrhundertealte Esskastanien. Die verwachsenen Bäume sind mit Geschwulsten und Öffnungen übersät. Manche sehen aus wie Monster mit verzerrten Fratzen, einer sogar wie ein Drache.

Korsische Küche

Am Ende der vierten Etappe erreichen wir die Gîte „Chez Paul-Antoine“ in Guitera-les-Bains, die für ihre gute Küche bekannt ist. Der Schlafsaal ist hell und frisch renoviert und das Bad eines Drei-Sterne-Hotels würdig. Zum Abendbrot bekommen wir drei Gänge serviert. Vorspeise: eine Terrine voll Gemüsesuppe und einen Wildkräutersalat. Hauptgang: Gulasch von halbwilden Schweinen, Kartoffelgratin und Spinatlasagne. Nachtisch: Crème Caramel. Der Koch schlurfte bei jedem Gang an unserem Tisch vorbei und fragte „Ça va?“ Danke der Nachfrage. Uns geht es magnifique!

An Tag sechs schlägt das Wetter um.Bei Regen wandern wir durch eine karge Felslandschaft, die in tief hängende Wolken gehüllt ist. Auf der letzten Etappe steigen wir durch die Sträucher der Macchie zum Meer hinab.

An den Küsten Korsikas gibt es sieben Häfen, von denen Schiffe Richtung Frankreich und Italien ablegen. Die Hafenstädte sind von kleineren Orten aus per Bus erreichbar. Wanderer, die Korsika von Ost nach West oder Nord nach Süd durchquert haben, brauchen also nicht zum Ausgangspunkt ihrer Reise zurückkehren, bevor sie mit der Fähre zum Festland übersetzen können.

Unser Korsika-Trip geht in Ajaccio zu Ende. Die Inselhauptstadt ist lebendig und touristisch. Die Menschen drängen sich auf dem Markt. Die Straßen sind von zahlreichen, gut besuchten Restaurants, Bars und Kneipen geprägt. Zeit, um ins Nachtleben einzutauchen, haben wir nicht. Abends geht unsere Fähre nach Marseille. Dort wartet der TGV.

Benjamin Kühne

Mit Interrail durch Europa

Interrail-Pässe sind günstige Zugtickets, die sich für Urlauber lohnen, die eine Bahnreise durch Europa mit mehreren Stationen machen wollen. Ein Interrail-Pass ist über einen längeren Zeitraum gültig. Beispielsweise kann man einen Pass kaufen, der für einen Monat gilt und zum Reisen an sieben Tagen berechtigt, oder einen Pass, der tägliches Reisen erlaubt. Für Menschen bis zu 27 Jahre und ab 60 Jahre ist der Preis ermäßigt. Der „Global Pass“ gilt in 30 Ländern Europas. Wichtig: Interrail-Tickets gelten generell nicht im Heimatland des Fahrgastes. Jemand, der in Deutschland wohnt und einen Global Pass gekauft hat, darf damit zu Beginn seiner Reise aus Deutschland ausreisen und am Ende wieder einreisen. Weitere Inlandsfahrten sind nicht inklusive. Der „One Country Pass“ berechtigt Reisende zur Nutzung der Bahn in einem Land nach Wahl ohne Anreise. In Schnellzügen wie dem französischen TGV gibt es oft nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen für Interrail-Reisende. Daher ist hier eine frühzeitige Reservierung nötig. Diese kostet in der zweiten Klasse einen Aufpreis von zehn bis 60 Euro pro Fahrt. Infos und Buchung:

Hier gibt es Tipps für Europareisen per Bahn von der Redaktion unseres Schwestermagazins Anderswo

fairkehr 5/2018