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Politik 1/2010

Herausforderung Mobilität

Kerstin Haarmann, frühere Chefjustitiarin von Wincor Nixdorf, ist neue VCD-Bundesgeschäftsführerin. Sie will den VCD zum tonangebenden Verband für nachhaltige Mobilität machen.

Foto: Andreas LabesVCD statt DaimlerChrysler: Die Betriebswirtin und Juristin Kerstin Haarmann hat sich entschieden, ihr ehrenamtliches Engagement für den Umweltschutz mit einem Chefposten zu verbinden, auf dem sie viel bewegen kann.

Kerstin Haarmann ist eine Aussteigerin. 2005 verließ sie ihren Posten als Chefjustitiarin beim IT-Konzern Wincor Nixdorf in Paderborn, um Lobbyarbeit für erneuerbare Energien zu machen. Seit Mitte Oktober 2009 leitet die 43-Jährige die Geschäfte des VCD in Berlin. Die zielstrebige Betriebswirtin und Juristin hat sich entschieden, ihr langjähriges ehrenamtliches Engagement für den Umweltschutz mit einem Chefposten zu verbinden, auf dem sie viel bewegen kann. „Natürlich hätte ich auch in der freien Wirtschaft weiter die Karriereleiter hochklettern können“, sagt Kerstin Haarmann, die sich selbst als Macherin bezeichnet, „ich hätte zum Beispiel zu einem noch größeren Konzern wie DaimlerChrysler gehen und dort die Rechtsabteilung leiten können, doch für diesen Konzern hätte ich niemals arbeiten wollen. Weshalb? Deren verfehlte Automobilpolitik vertreten? Für die drei Euro mehr?“

Bevor sie Wincor Nixdorf verließ, erlangte die neue VCD-Bundesgeschäftsführerin in einem berufsbegleitenden Zweitstudium in Koblenz und Chicago den Master of Business Administration (MBA). Ihre Qualifikationen und internationale Berufserfahrung als Unternehmensjuristin setzt die Finanzexpertin nun dafür ein, das Thema nachhaltige Mobilität stärker in die Öffentlichkeit zu bringen. Sie will den VCD als den tonangebenden Verband auf diesem Gebiet platzieren und als Marke bekannter machen. „Der VCD ist der einzige Umweltschutz- und Verkehrsverband in Deutschland, der sich aller Verkehrsformen annimmt“, erklärt Haarmann. „Wir decken den gesamten Bereich nachhaltige Mobilität ab. Das ist unsere besondere Stärke, unser Profil. Dieses Profil muss geschärft werden.“

Je mehr Klimaschutz zu einem öffentlichkeitswirksamen Thema wird, desto wichtiger ist es für Umweltverbände, sich mit klaren Positionen zu präsentieren. „Im Bereich Umweltschutz findet ein Umbruch statt“, sagt die VCD-Bundesgeschäftsführerin. „Immer mehr Verbände besetzen das Thema, Unternehmen werben mit Klimaschutz und hängen sich ein grünes Mäntelchen um. Hier müssen wir uns mit einem glaubwürdigen Leitbild hervorheben.“

Von der Fachwelt anerkannt

Mehr als 100 Tage ist Kerstin Haarmann nun im Amt – ihre Bilanz: Der VCD ist ein lebendiger Verein, aktiv auf der politischen Bühne, bekannt und anerkannt in der Fachöffentlichkeit – allerdings zu wenig in der Medienöffentlichkeit und damit insgesamt bei den Menschen. „Einfluss hat der VCD vor allem auf lokaler Ebene, wenn es vor Ort aktive Landes- und Kreisverbände gibt, die gute Aktionen auf die Beine stellen“, sagt Kerstin Haarmann. Bundesweit müsse der VCD jedoch viel bekannter werden.

Auch um der Finanzen willen. „Die Finanzbasis konsolidieren“, nennt Betriebswirtin Haarmann als dritten selbstgefassten Arbeitsauftrag neben „Profil schärfen“ und „Markenbildung“. „Der VCD muss neue Mitglieder gewinnen, vor allem mehr junge. Hier sind auch die VCD-Aktiven in den Kreis- und Ortsverbänden gefragt.“ Haarmann setzt außerdem auf mehr Fördermitglieder: Unternehmen und Kommunen, die den VCD unterstützen, weil sie sich mit seinen Zielen identifizieren können. „Das halte ich für sehr effektiv.“

Die finanziellen Mittel will die Geschäftsführerin vor allem dafür einsetzen, sich politisch einzumischen, Gesetze voranzutreiben oder zu verhindern. „Der VCD ist für mich zuallererst ein Lobbyverband, in zweiter Linie ein Verbraucherverband“, sagt Kerstin Haarmann. „Wenn ich mit dem VCD politisch nichts bewegen könnte, wäre ich nicht hier.“

Politisches Engagement und bundesweite Lobbyarbeit sind für die Juristin keine graue Theorie: Für die Grünen war sie viele Jahre lang Mitglied im Stadtrat von Paderborn, unter anderem im Finanzausschuss und im Aufsichtsrat der Wirtschaftsförderungsgesellschaft, außerdem ist sie Sprecherin des grünen Kreisverbandes Paderborn. Ihr Mandat für den Stadtrat hat sie mittlerweile zurückgegeben – dafür fehlt die Zeit. Als Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Windenergie rührte Haarmann die Werbetrommel für erneuerbare Energien. Die Erneuerbaren haben es Haarmanns Meinung nach geschafft, ein großes politisches und gesellschaftliches Thema zu werden. Verkehr sei der nächste Bereich, der das schaffe, ist sie sich sicher. Eine neue Herausforderung für die geborene Niedersächsin.

Foto: Andreas Labes„Mobilität soll Spaß machen“, sagt die VCD-Bundesgeschäftsführerin, die Dinge gern offen und direkt anspricht – hier mit VCD-Pressesprecherin Anna Fehmel.

Aus Freude am Fahren

Verkehr ist in Deutschland für etwa ein Viertel der CO2-Emissionen verantwortlich. Trotzdem hat weder die Weltklimakonferenz in Kopenhagen noch die Bundesregierung CO2-Einsparziele für den Bereich Mobilität formuliert, was Kerstin Haarmann scharf kritisiert: „Der VCD wird sich für verbindliche Klimaziele im Verkehr einsetzen.“ Konkret gelte es in den nächsten Wochen und Monaten beispielsweise, Einfluss zu nehmen auf die Überarbeitung des Bundesverkehrswegeplans. Zum aktuellen Bundestag und seinen Gremien habe der VCD bereits gute Kontakte geknüpft und die verkehrspolitischen Sprecher aller Fraktionen mit Informationen versorgt, berichtet Haarmann.

Damit Verkehr umweltfreundlicher und sozialer wird, müssen Menschen ihr Verhalten ändern – das sieht auch Kerstin Haarmann so. Um das zu erreichen, will sie jedoch nicht nur Verzicht predigen, sondern auch konstruktive Lösungen aufzeigen. Aus Freude am Fahren, lautet ihr Motto. „Lassen Sie im Winter Ihr Fahrrad nicht stehen, sondern fahren Sie doch mal mit Spikes!“ lautet einer ihrer Vorschläge. „Mobilität soll Spaß machen“, sagt die VCD-Bundesgeschäftsführerin, die es gewohnt ist, Dinge offen und direkt anzusprechen. „Das müssen wir vermitteln, sonst bekommen wir weder Anerkennung noch junge Mitglieder. Wir dürfen nicht der Verein der Bedenkenträger, der Nörgler und der Leute sein, die ausschließlich Verzicht predigen.“ Die 43-Jährige steht Innovationen und neuen Techniken aufgeschlossen gegenüber – und möchte auch Visionen vorantreiben.

Pendeln nach Paderborn

In Berlin bewegt sich die VCD-Bundesgeschäftsführerin vor allem mit dem Fahrrad fort – wie in ihrer Zeit als Unternehmensjuristin in London, als Kerstin Haarmann auf den Dienstwagen verzichtete und sich lieber mehr Gehalt auszahlen ließ. Nur wenn’s in Berlin mit dem Schnee allzu dicke kommt, steigt sie in die U-Bahn, um von ihrer Wohnung am Prenzlauer Berg in die Rudi-Dutschke-Straße zur VCD-Bundesgeschäftsstelle zu gelangen. Wenn Kerstin Haarmann dann keine offiziellen Termine hat, schmeißt sie sich bei dem Wetter pragmatisch in ihre dicken Wanderstiefel – vorausgesetzt, die befinden sich gerade bei ihr in Berlin. Die Wahl-Westfalin hat ihren ersten Wohnsitz weiterhin in Paderborn und pendelt am Wochenende regelmäßig mit der Bahn dorthin – gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, einem Ingenieur, der unter der Woche ebenfalls in Berlin arbeitet. Auf Paderborn will Kerstin Haarmann nicht verzichten: „Ich bin ein Landei, ich brauche die Natur.“

Erfolg mit gemischten Teams

Haarmanns Ansicht nach sollten Umweltvereine, um Erfolg zu haben, auf gemischte Teams setzen. „Die Verbände brauchen Frauen und Männer, die in erster Linie aus ökologischer Überzeugung handeln und eine entsprechende Ausbildung haben“, sagt die VCD-Geschäftsführerin, die lieber über ihre Arbeit spricht als über sich persönlich. „Im gleichen Maße  brauchen die Verbände Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit einem klassischen betriebs- oder volkswirtschaftlichen, natur- oder geisteswissenschaftlichen Studium sowie Kommunikationsprofis.“

In der Öffentlichkeit wird sich der VCD auch in diesem Jahr mit einer neuen VCD Auto-Umweltliste präsentieren und in seinem Bahntest 2010 die Arbeit der DB AG unter die Lupe nehmen. Ein weiteres wichtiges Projekt, das Aufmerksamkeit erregen soll, ist eine „Roadshow“, die der VCD im Rahmen der Verbraucher- und Klimaschutzkampagne „für mich. für dich. fürs klima“ entwickelt hat. In den kommenden Monaten tourt das Team des Klimaprojekts durch Deutschland und präsentiert an verschiedenen Orten Aktionen und Veranstaltungen zu den Themen Bus und Bahn, Fahrradfahren und Reisen. „Mit diesen Projekten spricht der VCD die Menschen direkt an und profiliert sich als Verbraucherverband für nachhaltige Mobilität“, erklärt Kerstin Haarmann.

Ökologisch mobil ist die neue VCD-Bundesgeschäftsführerin nicht nur im Alltag, sondern auch in ihrer Freizeit und auf Reisen. Sie lässt sich am liebsten frischen Wind um die Nase wehen, beim Wandern oder Radfahren. „Ich will keinen Stress an Flughäfen, kein Warten, nicht eingezwängt sein in engen Sitzen.“ Diesen Sommer werden Kerstin Haarmann und ihr Lebensgefährte mit dem Elektrofahrrad die Schweizer Alpen überqueren. Der Ingenieur hat zwei ihrer Fahrräder bereits mit Akkus und Generatoren ausgestattet und zu Pedelecs umgebaut. Aus Freude an technischen Innovationen. Und am umweltbewussten Fahren.

Kirsten Lange, Uta Linnert

Zur Person

Kerstin Haarmann studierte Jura an der Universität Marburg und der London School of Economics und erhielt die Zulassung als deutsche und englische Rechtsanwältin. Sie hat zwölf Jahre international als Unternehmensjuristin im IT- und Finanzsektor gearbeitet, davon fünf Jahre als Chefjustitiarin bei Wincor Nixdorf. Nach einem berufsbegleitenden Zweitstudium zum Master of Business Administration (MBA) in Koblenz und Chicago wechselte sie beruflich in den Bereich Erneuerbare Energien – zunächst als Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Windenergie, ab 2007 mit einer eigenen kleinen Firma im Bereich Bürgersolaranlagen. Kerstin Haarmann engagiert sich seit vielen Jahren für die Grünen und den Europäischen Juristinnenbund und sitzt im Vorstand der Heinrich Böll Stiftung NRW.

fairkehr 4/2020