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Titel 6/2015

Einfach machen

Während Politik und Wirtschaft sich davor drücken, dem Klimawandel etwas Ernsthaftes entgegenzusetzen, fangen die Bürger schon mal damit an. Jeder kann mitmachen.

Foto: MIRENE SCHMITZ PHOTOGRAPHYDas Team von Freikost Deinet in Bonn verkauft ökologisch erzeugte Lebensmittel weitestgehend ohne Einwegverpackung.

Anders einkaufen: verpackungsfreie Läden

Eine kleine Welle des Zorns schwappte in den 1980er-Jahren durch die Supermärkte. Wider den Verpackungswahn befreiten Verbraucherinnen und Verbraucher hinter den Kassen ihre Einkäufe von überflüssigem Plastik und Karton und ließen die Müllberge als Mahnmal zurück. Mit der Einführung des Grünen Punktes verrauchte der Zorn bei den meisten, die Müllberge wuchsen.
Laut Statistischem Bundesamt füllten die Deutschen ihre Mülltonnen 2013 mit 617 Kilogramm Haushalts- und Verpackungsabfällen pro Kopf. Das sind 136 Kilogramm mehr als im EU-Durchschnitt.

Beinahe verpackungsfrei einkaufen kann man heute in speziellen kleinen Läden, die „Unverpackt“, „Freikost“ oder „Lose“ heißen. In den vergangenen Jahren sind in Deutschland ein Dutzend dieser Läden entstanden und noch mal so viele befinden sich in der Gründungsphase – nicht nur in Großstädten.

Sie bieten alle Waren lose an, wie früher bei Tante Emma. Kunden bringen selbst Tüten, Gläser und Dosen mit und füllen sich Nudeln, Reis, Hülsenfrüchte, Kaffee, Süßwaren, Seife oder Waschmittel ab. Große Spender hängen an den Wänden, manches steht in Kisten, Säcken oder großen Gläsern bereit. Bezahlt wird nach Gewicht.

Die plastikfreien Läden sparen nicht nur Erdöl, Energie und Müll. Die Kunden können auch selbst entscheiden, wie viel sie einpacken. Das beugt der Lebensmittelverschwendung vor. Viele der verpackungsfreien Läden verkaufen zudem ausschließlich Biowaren und legen besonderen Wert auf regionale Erzeugung und umweltfreundlichen Transport.

www.utopia.de/magazin/plastikfreie-laeden


Anders wirtschaften: Solidarische Landwirtschaft

Vor ein paar Jahren erzählten Freunde, beide Landwirte, von ihrer Hofgemeinschaft nahe Hamburg, er Verantwortlicher für die Rinder, sie Verantwortliche für die Verarbeitung der Milch in der hofeigenen Meierei. Das Besondere: 300 Menschen, etwa 100 Haushalte, aus den Städten im Umkreis finanzieren über einen Jahresbeitrag die gesamte Arbeit auf dem Hof. Die Landwirte können sich voll auf die Produktion konzentrieren und müssen sich nicht um Vermarktung und Verkauf sorgen. Sie geben ihre Ernte direkt an die Haushalte ab. Landwirte und Abnehmer teilen die Risiken. Kleine Kartoffeln, krumme Karotten, verhagelte Ernte – die Menschen bekommen das, was auf den Feldern wächst. Abmachungen wie „Jeder zahlt, so viel er/sie kann“ oder „Mitarbeit statt Geld“ ermöglichen auch Menschen mit geringem Einkommen, sich zu beteiligen. Das Konzept heißt Solidarische Landwirtschaft, eine weltweite Bewegung. Die beiden Landwirte erzählten vom Buschberger Hof, der ältesten Solidarischen Landwirtschaft Deutschlands. Sie funktioniert schon seit 27 Jahren sehr erfolgreich.

Seit einem halben Jahr bin ich selbst Mitglied einer Solidarischen Landwirtschaft (Solawi). Im Frühjahr waren noch Ernteanteile der frisch gegründeten Solawi-Bonn frei. Seitdem fahren mein Lebenspartner oder ich jeden Donnerstag mit dem Fahrrad in unser Depot statt zum Einkaufen. Bisher bauen zwei Bauern für uns Biogemüse an – einer am Stadtrand, keine zwanzig Fahrradminuten entfernt, der andere etwa 20 Kilometer weit weg. Die Transportwege vom Acker zu den Depots in der Stadt sind kurz, von dort holen die meisten Mitglieder ihre Anteile mit dem Fahrrad ab. In den Depots – private Garagen und Abstellräume – liegt die Ernte der Woche in Kisten. Auf einer Liste am Infobrett steht, wie viel von welchem Gemüse jeder einpacken darf. Jede Woche ist anders, man weiß vorher nie genau, womit sich der Kühlschrank füllt.

Bei der noch jungen Bonner Solawi ist vieles im Aufbau. Manchmal kommen per E-Mail Aufrufe zur Erntehilfe: Bohnen ernten nach Feierabend, weil Helfer krank geworden sind, Kartoffel- oder Kürbisernte spontan am Wochenende, weil der erste Frost droht. Nicht jeder hat immer Zeit. Aber zum Glück sind wir viele – viele engagierte Menschen, oder Solawistas, wie wir uns auch augenzwinkernd nennen, mit vielen guten Ideen. Dieses Jahr wurden zum Beispiel Hühner angeschafft – das bedeutet Eier für alle im nächsten Jahr. Dann hat jemand einen Lastenanhänger für Fahrräder gebaut – er heißt Bolle – und jeder, auch außerhalb der Solawi, kann ihn übers Internet kostenlos ausleihen. Seit Neustem bekommen wir einmal im Monat super leckeres Brot aus Weizen oder Roggen von den Solawi-Feldern, das eine Bonner Biobäckerei für uns backt.

Was hat sich für uns verändert, seitdem wir in der Solawi sind? Wir gehen viel seltener einkaufen, essen mehr Gemüse und Salat, seltener Fleisch und haben viel über Landwirtschaft und Lebensmittel gelernt. Wir lassen nichts mehr vergammeln, schließlich kennen wir die, die für unser Essen gearbeitet haben. Wir lernen neue Menschen kennen, und erst jetzt wissen wir, was saisonal essen wirklich bedeutet: Nichts schmeckt besser als Gemüse oder Salat, dessen Wurzeln ein paar Stunden zuvor noch in der Erde steckten. Manchmal ist saisonal zu essen auch nervig. Zum Beispiel, wenn zum dritten Mal in der Woche Fenchel auf dem Speiseplan steht und trotzdem noch eine Knolle im Gemüsefach liegt. Aber auch dafür bietet die Solawi Lösungen: In den Depots tauschen die Solawistas fleißig Rezepte aus, im wöchentlichen Newsletter gibt die Kerngruppe Verwertungstipps. Für Gemüse, das man partout nicht mag, steht eine Tauschkiste im Depot, und es findet sich immer jemand, der es mitnimmt.

www.solidarische-landwirtschaft.org


Anders Kaffee trinken: Repair-Cafés

Da sitze ich mit meinem kaputten Rührgerät an einem riesigen Tisch voller Werkzeuge und Ersatzteile. Neben mir Basti, „unser Experte für Mixer“, wie er mir vorgestellt wurde. Mit am Tisch: ein älterer Mann, der versucht, eine Kuckucksuhr wieder zum Laufen zu bekommen, einer, der eine neue Sicherung für die Stereoanlage sucht, eine junge Frau, die Software auf einen Laptop spielt, ein mittelalter, bezopfter Mann, der mit amerikanischem Akzent der Besitzerin eines Standmixers geduldig jeden Reparatur-Schritt zeigt, und eine ältere Dame, die mit Kindern Origamitiere faltet. Willkommen im Repair-Café.

Entgegen dem Motto der modernen Gesellschaft: „Kaputt, neu – ist ja alles so billig“ scheint das Reparieren – eine vom Aussterben bedrohte Kunst – langsam wieder in Mode zu kommen. In allen Stadtteilen und Dörfern gibt es sie noch – Tüftler und Bastler, die Spaß daran haben, Sachen auseinanderzunehmen und den Fehler zu finden. Die noch wissen, wie man Geräte wieder zum Laufen bringt oder alte Sachen aufmöbelt. In denselben Stadtteilen und Dörfern wächst die Lust am Selbermachen und es mehren sich Stimmen gegen die Wegwerfkultur.

Repair-Cafés bringen beide zusammen, auf ehrenamtlicher Basis. Die Idee stammt von der Umweltjournalistin Martine Postma, die 2009 in Amsterdam den ersten Reparaturtreff organisierte. Ihr Konzept hat sich weltweit verbreitet: Überall entstehen Repair-Cafés, in denen Ehrenamtliche mit Wissen, Werkzeug, Rat und Tat anderen helfen, ihre Sachen zu reparieren. In Deutschland wird mittlerweile in mehr als 200 Selbsthilfe-Werkstätten gemeinsam geschraubt, genäht, gelötet und geklebt.

Das „Aha“ von Basti nach einer knappen Viertelstunde, in der er den Mixer öffnet, untersucht, Teile heraushebelt und begutachtet, klingt vielversprechend. Er zeigt auf ein kleines Stück Blech, einen Kontakt. Der sei vermutlich nicht mehr stark genug gebogen. Und richtig, nachdem er mit einem dünnen, langen Schraubenzieher das winzige Blech etwas angehoben hat, funktioniert das Rührgerät wieder bestens. Basti freut sich über seinen erfolgreichen Einsatz. Und ich mich aufs nächste Kuchenbacken mit meinem alten Mixer – einem Geschenk meiner Oma. Falls er noch mal kaputtgeht, weiß ich, wie und wo ich nachsehen muss.

Im Raum nebenan warten ein Dutzend Menschen mit Fernsehapparaten, Kaffeeautomaten und Küchengeräten auf den nächsten freien Platz in der Werkstatt. Sie überbrücken die Zeit ganz gemütlich mit Kaffee, Kuchen und Gesprächen – schließlich sind sie im Repair-Café.

Reparatur-Café in der Nähe finden: repaircafe.org/de


Anders essen gehen: Essenretter-Restaurants

„Restlos Glücklich“ aus Berlin rettet Lebensmittel. Zum Beispiel Eiweiß, das ein Tiramisu-Hersteller für seinen Nachtisch nicht braucht und bisher immer weggeworfen hat. Oder Obst und Gemüse vom Bauern, das für den Handel zu dick, zu dünn, zu klein oder zu krumm ist. Oder Brot, das Bäckereien nach Ladenschluss in die Tonne schmeißen würden.

Bisher nutzt „Restlos Glücklich“ die ergatterten Lebensmittel für Aktionen und Caterings. Ziel ist es jedoch, damit das erste Non-Profit-Restaurant Deutschlands zu betreiben. Größtenteils werden dort Ehrenamtliche kochen, kellnern, Gemüse putzen und spülen. „Wir machen aus den geretteten Lebensmitteln richtig gutes Essen – schwerpunktmäßig vegetarisch – und werden die Gerichte zu normalen Berliner Preisen anbieten“, sagt Leoni Beckmann, eine der Gründerinnen von „Restlos Glücklich“. „Mit den Gewinnen setzen wir Bildungsprojekte um, wie Kochkurse für Kinder und Jugendliche.“

Die Essenretter betonen, dass sie keine Konkurrenz für die Berliner Tafeln sind, weil sie andere Bezugsquellen nutzen. Es gibt genug Essen zu retten. 313 Kilogramm genießbare Lebensmittel landen in Deutschland pro Sekunde in der Tonne, errechnete die Umweltorganisation WWF – ob auf dem Feld, im Einzelhandel, in Kantinen oder bei Verbrauchern. Mehr als die Hälfte davon könnte schon jetzt vermieden werden, gäbe es mehr Wertschätzung für unsere Nahrungsmittel. Genau darum geht es den „Restlos Glücklich“-Macherinnen aus Berlin. Ihr Konzept und das Team stehen. Was fehlt, ist genügend Startkapital. Die Crowdfunding-Kampagne bei Startnext in diesem Herbst brachte zwar knapp 28000 Euro. Aber um ein Restaurant ordentlich an den Start zu bringen, brauchen sie 50000 Euro.

Bevor sich Berlin also mit dem ersten Non-Profit-Essenretter-Restaurant schmücken darf, braucht es noch ein paar kräftige Spenden, Investoren und günstige Räumlichkeiten. Dass ein solches Konzept funktionieren kann, zeigen Vorbilder aus dem Ausland wie das „rub&stub“ in Kopenhagen oder das „Instock“ in Amsterdam. Und wer bis zur Eröffnung von „Restlos Glücklich“ schon mal selbst mit dem Essenretten beginnen möchte, kann sich bei der Internetplattform „foodsharing.de“ umsehen – einer Initiative zur Verteilung überschüssiger Lebensmittel.

restlos-gluecklich.berlin, spisrubogstub.dk, instock.nl, foodsharing.de

Valeska Zepp

fairkehr 5/2019