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Titel 6/2011

Wir fangen schon mal an

Transition-Town-Gruppen bereiten sich weltweit auf das Leben ohne Erdöl vor.

Foto: Robert B. FishmanFraglich ist, ob es in einem Leben nach dem Öl noch für alle Handys und Digitalkameras geben wird.

Um ein kleines Lagerfeuer in einem Bielefelder Schrebergarten sitzen 16 Leute aus elf europäischen Ländern in einer Weidenhütte und bestaunen den selbstgebauten Schnell-Wasserkocher. Das Blechgerät, etwa so groß wie sein elektrischer Bruder, besteht aus zwei Wänden. Zwischen beide füllt man Wasser ein. Das Feuer im Inneren bringt das Wasser binnen kürzester Zeit zum Kochen – energiesparend und effektiv.

Das Wundergerät gehört den Permakultur-Gärtnerinnen und -Gärtnern der Bielefelder Transition-Town-Initiative. Sie bewirtschaften ein Stück Grabeland möglichst umwelt- und ressourcenschonend. Ausgehend davon, dass in der Natur alles mit allem zusammenhängt, nutzt die Permakultur uraltes Wissen ebenso wie neue Erkenntnisse der Forschung, um Gartenbau und Landwirtschaft natur- und ressourcenschonend zu verbessern.

Das Konzept zielt darauf, dauerhaft funktionierende, also nachhaltige, naturnahe Kreisläufe zu schaffen. Ursprünglich auf die Landwirtschaft beschränkt ist Permakultur inzwischen ein Denkprinzip, das auch Bereiche wie Energieversorgung, Landschaftsplanung oder die Gestaltung sozialer Strukturen umfasst.

Die Gäste des Permakulturgartens nehmen an einem einwöchigen Seminar der Bielefelder Bildungsstätte Einschlingen teil. Thema des von der Europäischen Kommission geförderten Workshops: „Transition made easy“, was soviel heißt wie: Wandel leicht gemacht. In ihren Heimatländern Slowenien, Portugal, Frankreich, Spanien, Finnland und anderswo suchen sie nach Wegen, umwelt- und naturverträglicher zu leben.

„Wenn wir die Erde nicht weiter zerstören wollen, müssen wir unseren Ressourcenverbrauch hier im Westen um 90 Prozent verringern“, sagt Gerd Wessling von der Transition-Town-Initiative Bielefeld, der den Workshop zusammen mit dem Tiefenökologen Norbert Gahbler leitet. „Wenn wir weniger verbrauchen und zerstören, gewinnen wir an Lebensqualität“, betonen die beiden.

In einer Arbeitsgruppe des Workshops malen sich die Gäste ihre Heimatstädte im Jahr 2030 aus. Schon wegen der steigenden Benzinpreise werde es weniger Autos geben. Der Gewinn: Stille. „Ich stelle mir vor, dass ich mitten in der Stadt wieder die Vögel singen hören“, sagt eine Teilnehmerin erfreut.

Um sich auf die Zeit des ausgehenden Erdöls und den fortschreitenden Klimawandel vorzubereiten, fanden sich im englischen Totness 2006 die ersten Aktivisten zusammen. Sie nannten ihre Initiative „Transition Towns“.

„Sicher ist, dass Erdöl immer knapper und teurer wird. Die Zeit der Billigflieger geht zu Ende, Heizen wird teurer, ebenso Lebensmittel, die mit Lastwagen und Flugzeugen um die halbe Welt gekarrt wurden, bevor sie im Kühlregal auf Käufer oder auf die Müllabfuhr warten“, sagt Workshop-Leiter Wessling.

Dass es auch ohne das Gefühl von Verzicht und Askese geht, wollen die weltweit mehr als 1000 Transition-Town-Gruppen beweisen. 75 solcher „Städte im Wandel“ gibt es in Deutschland. Sie fangen schon mal an mit einer nachhaltigen Lebensweise – und entdecken dabei eine ganz neue Lebensqualität.

Flatrate beim Bauern

Sie beschäftigen sich zum Beispiel mit dem Wiedererlernen alter Handwerkstechniken oder kochen gemeinsam aus frischen, heimischen, saisonalen Lebensmitteln leckere Gerichte. Eine bessere, nachhaltigere Welt entsteht aus vielen kleinen Schritten, da sind sich die Teilnehmer sicher.

Aus den USA kommt die Idee der sogenannten Community Shared Agriculture, der gemeinschaftlich geteilten Landwirtschaft: Mehrere Familien garantieren einem Landwirt in der Nähe ein festes Einkommen. Dafür bekommen sie von ihm alle Produkte seines Hofes geliefert. Der Bauer hat ein sicheres Einkommen und die Familien müssen sich um ihre Einkäufe keine Gedanken mehr machen. Sie haben eine Flatrate.

„Regionale Wirtschaftskreisläufe scho­nen nicht nur die natürlichen Lebensgrundlagen. Sie machen uns auch unabhängiger“, lernen die Bielefelder Transition-Town-Teilnehmer. Was in der Nachbarschaft hergestellt werde, müsse niemand über weite Strecken transportieren. Benzinpreise oder Engpässe bei der Ölversorgung interessierten dann nur noch am Rande.

Transition Towns will diese vielen Initiativen nicht nur weiterentwickeln und vernetzen. Ihnen gehe es auch um die Innensicht, die psychologische Seite, sagen Gerd Wessling und Norbert Gahbler, „denn Klimawandel und Umweltzerstörung machen Angst.“ Die Transition-Town-Initiativen wollen neben der sachlichen Arbeit auch „Raum für diese Gefühle“ schaffen. Das unterscheidet sie von Umwelt- und anderen politischen Gruppen. Ihr Credo: „Wer erfährt und erlebt, dass wir alle ein Teil der Natur sind, wird sie automatisch anders achten.“

Robert B. Fishman

fairkehr 6/2016

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