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Titel 3/2009

Sexy, edel, öko und fair

Bei der Kleidungsproduktion machen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Tierquälerei zunehmend Schlagzeilen. Immer mehr Unternehmen bieten deshalb ökofaire Mode an.

Fotos: Marcus GlogerEin kleines grünes Zusatzschild zeigt, dass die Jeans aus „Organic Cotton“ hergestellt wurde.

Bei der Mode ist es wie beim Essen: Erst Skandale machen nachdenklich. Wer Bilder von unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken der Billigproduktionsländer gesehen hat, lässt den Schal „made in China“ oder die Bluse aus Indien vielleicht lieber im Laden hängen. Und wer weiß, dass junge türkische Arbeiter, die Jeans für den angesagten „Used Look“ sandstrahlen und dafür wenig Lohn, aber eine tödliche Staublunge bekommen, trägt die Lieblingshose nicht mehr ohne schlechtes Gewissen.

Zum Glück erobert immer mehr gerecht und umweltfreundlich produzierte Kleidung Laufstege und Läden. Aber während Fairtrade- und Biosiegel beim Essen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, steht die Modewelt noch am Anfang. Es besteht kaum Kennzeichnungspflicht. Auf den Etiketten muss weder stehen, wo die Kleidung herkommt, noch mit welchen Chemikalien sie behandelt wurde. „Ich halte es für ein modernes Bürgerrecht, zu wissen, was in der Kleidung drinsteckt. Aber das verweigert mir die Textilindustrie“, sagt Kirsten Brodde, Textilexpertin und Autorin des Buches „Saubere Sachen“. Dabei kommt natürliche Kleidung auch der eigenen Haut zugute. Das Tragen von Textilien, die mit weniger Chemie belastet sind, ist gesünder.

Leider hat die Ökomodewelt immer noch mit dem Kartoffelsack-Image zu kämpfen. Dabei schließen sich öko und sexy längst nicht mehr aus. Plumpe Schnitte und langweilige Farben waren gestern: Mittlerweile bieten weltweit knapp 500 Firmen öko-korrekte Kleidung an – vom klassischen Versandhaus hessnatur über Trendsetter wie das niederländische Jeanslabel Kuyichi bis hin zur Haute Couture – zum Beispiel die Firma Noire aus Dänemark.

„Organic“ -Mode ist nicht zwangsläufig teurer. Eine zertifizierte Jeans bekommt man beispielsweise für um die 100 Euro – viele konventionelle Marken sind deutlich teurer. Vor allem, weil dort sehr viel Geld in die Werbung fließt: Die Organisation „Clean Clothes Campaign“ (CCC) hat ausgerechnet, dass rund 25 Prozent des Verkaufspreises die Reklame verschlingt. Weitere 50 Prozent gehen an Einzelhandel, Verwaltung und Mehrwertsteuer, 13 Prozent werden für Material und den Gewinn der Fabriken gebraucht, 11 Prozent für Transport, Steuern und Import. Für die Arbeiter bleibt nur ein einziges Prozent übrig.

Menschen in den ärmsten Regionen dieser Welt pflücken Baumwolle, weben und färben Stoffe, nähen und verpacken Blusen, Röcke und Hosen. Wer auf faire und ökologisch produzierte Kleidung setzt, stellt sicher, dass diese Menschen einen Lohn für ihre Arbeit erhalten, der ihre Existenz sichert. Für konventionelle Baumwolle wird auf dem Weltmarkt zwischen vier und 18 Cent pro Kilo gezahlt. Die Handelsorganisation Fairtrade garantiert den Bauern einen Mindestpreis von 36 Cent, für biologisch angebaute Baumwolle 41 Cent.

Foto: Marcus GlogerBeim Kleidungskauf das richtige Maß zu finden, ist nicht einfach. Abhilfe schafft vielleicht das neue weltweite Siegel „Global Organic Textile Standard“, das Umwelt- und Sozialstandards vereint.

Schafe leiden für unsere Pullis

145.000 Tonnen, das sind 0,5 Prozent der weltweiten Baumwollproduktion, stammen derzeit aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA), bei der Ernte 2001 waren es erst 6500 Tonnen. Und die Nachfrage steigt weiter. Die Modekette H&M will sich laut aktuellem Nachhaltigkeitsbericht künftig in Sachen Transparenz, Ethik und Umwelt weiterentwickeln. 3000 Tonnen Biobaumwolle wurden 2008 verar­beitet, fünfmal so viel soll es bis 2013 sein. C&A wird den Anteil in diesem Jahr von 8000 auf 12000 Tonnen erhöhen. „Das sind 18 Millionen Kleidungsstücke aus 100-Prozent-Biobaumwolle, etwa acht Prozent unserer gesamten Baumwollartikel“, sagt Unternehmenssprecher Thorsten Rolfes. Über die Organisation „Organic Exchange“ lässt C&A den Bioanbau kontrollieren, die weitere Verarbeitungskette läuft aber bisher noch konventionell. Mehrkosten gibt das Unternehmen nicht an die Kunden weiter. „Dass Massenproduzenten auf Biobaumwolle setzen, finde ich gut. Es ist ein Anfang. Aber der Bioboom bringt nicht zwangsläufig auch einen Ethikboom mit sich“, warnt Textilexpertin Kirsten Brodde.

Bei der Produktion von Wolle sind es vor allem die Tiere, die leiden müssen. Denn die meiste Wolle auf dem Weltmarkt stammt nicht von glücklichen Schafen aus der Lüneburger Heide, sondern aus industrieller Massenhaltung Australiens. Die Tiere dort werden im Akkord geschoren, dabei verletzt, durch Desinfektionsbäder gehetzt, mit Pestiziden behandelt und Merinoschaft wegen eines möglichen Madenbefalls grausam verstümmelt. Unendliches Leid für die Schafe – dabei fühlt sich unsere warme Strickjacke so schön weich an!

Einige große Bekleidungsfirmen wie Hess Natur versuchen, möglichst viel Wolle aus kontrolliert biologischer Tierhaltung (kbT) zu beziehen. Auf 30 Prozent hat es der Naturtextil-Hersteller bisher geschafft. „Mehr ist derzeit auf dem Weltmarkt leider nicht erhältlich, weil kbT-Wolle lange nicht so populär ist wie Biobaumwolle. Der Schäfer muss seine Wolle zertifizieren lassen und dafür etliche Auflagen erfüllen, aber weil die Nachfrage noch nicht so hoch ist, scheuen viele Schäfer vor der kontrolliert biologischen Tierhaltung zurück“, erklärt Hess-Natur-Sprecherin Verena Kuhnert. Im Einkauf sei kbT-Wolle ungefähr 25 bis 30 Prozent teurer als konventionelle Wolle. Auf Druck von Tierrechtsorganisationen sowie Verbraucherinnen und Verbrauchern haben sich unter anderem auch Adidas und H&M dem Tierschutz angeschlossen und sich verpflichtet, nur noch Wolle zu verarbeiten, die ohne Verstümmelung der Schafe gewonnen wird.

Wenig Gift, viel Gerechtigkeit

Es ist nicht leicht, Kleidung mit gutem Gewissen zu kaufen. Abhilfe schafft vielleicht das brandneue weltweit gültige Siegel „Global Organic Textile Standard“ – kurz GOTS. Es vereint Umwelt- und Sozialstandards. „Der Verbraucher bekommt wenig Gift und viel Gerechtigkeit – vom Acker bis zum Kleiderschrank“, sagt Brodde. Man müsse nur noch etwas Geduld haben, bis es GOTS auf viele Etiketten schafft. Außerdem bräuchte das von der Privatwirtschaft entwickelte Zeichen auch EU-weit politische Unterstützung. Bis dahin hat die Textilexpertin Tipps für erste Schritte in Richtung grüner Mode: Finger weg von Discounterware, nach und nach den Kleiderschrank mit Kleidung aus Biobaumwolle auffüllen und in Lieblingsstücke investieren, die mehrere Saisons überstehen. Denn wahrhaft ökologisch ist das, was lang­lebig ist.

Valeska Zepp

Zum Weiterlesen

  • Kirsten Brodde: Saubere Sachen. Wie man grüne Mode findet und sich vor Öko-Etikettenschwindel schützt. Ludwig Verlag 2009, 16,95 Euro
    Die Autorin schreibt in ihrem Blog www.kirstenbrodde.de regelmäßig über Neuigkeiten aus der Branche.
  • Die Organisation www.peta.de setzt sich für die tiergerechte Haltung von Wollschafen ein.
  • Textil-Fibel 3, Greenpace-Magazin 2009, 148 Seiten, 9,90 Euro, zu beziehen über www.greenpeace-magazin.de/warenhaus
    Dieser Ratgeber beantwortet viele Fragen: Wie werden Stoffe vorbehandelt, gefärbt, bedruckt, veredelt und konserviert? Welche bedenklichen Chemikalien kann mein T-Shirt enthalten? Was steckt hinter welchem Label? Der Service-Teil enthält Bezugsadressen für ökologisch produzierte, fair gehandelte Kleidung, Schuhe, Stoffe und Kurzwaren sowie ­aktuelle Literatur- und Linktipps.
  • Klaus Werner-Lobo: Uns gehört die Welt! Macht und Machenschaften der Multis. Carl Hanser Verlag 2008, 280 Seiten, 16,90 Euro
    Das Buch erklärt in einfacher Sprache die Zusammenhänge zwischen internationaler Wirtschaftspolitik und unserem Alltag. Es verschafft einen sehr guten Überblick über Globali­sie­rung, Finanzkrise, Klimawandel, Ressourcenkonflikte, ­Migration, Armut, Sozialabbau, Umweltzerstörung.

fairkehr 4/2016

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