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Reise 5/2017

Die Sterne vom Himmel holen

Romantik für Sterngucker und Naturfans bietet Baiersbronn im Nationalpark Schwarzwald.

Eine Aufnahme des sternenreichen Nachhimmels im Schwarzwald. Im Vordergrund einige hohe Nadelbäume im Dunkeln. Im Hintergrund der dichte Wald.
Foto: Michael Sauer/www.michael-sauer.comIm Nationalpark Schwarzwald, abseits der großen Städte, wird es nachts noch richtig dunkel. Ideal, um Sterne zu gucken.

Sternschnuppen gucken, Dinner bei Kerzenlicht, Sonnenuntergang, Sekt im Kuschelbad: Das Programm, das wir uns für dieses Wochenende in und um Baiersbronn und den Nationalpark Schwarzwald vorgenommen haben, klingt wie aus dem Prospekt eines Romantik-Hotels. Dabei wollen wir eigentlich nur eines: draußen sein und zu Fuß oder mit dem Rad die junge Nationalpark-Region erkunden. Es ist Mitte August und beste Sternschnuppen-Zeit. Und das Universum hat noch mehr zu bieten.

„Heute Nacht steht der Mond genau im Dreieck“, weiß der Reisebegleiter und schaut prüfend gen Himmel, ob die Wetterlage Aussicht auf eine sternenklare Nacht bietet. Dass die Mondsichel sich mitten ins Dreieck aus Mars, Saturn und Antares bewegt, ist ein Jahrhundertereignis, das Profi- und Hobbyastronomen nur einmal in ihrem Leben bewundern können. Wir haben Glück: Zum einen befinden wir uns mitten im Nationalpark Schwarzwald – genauer gesagt: auf dem Schliffkopf – also weit entfernt von Straßenlaternen und Leuchtreklamen. Zum anderen hat ein abendlicher Gewitterguss die Luft reingewaschen. Die Wolken ziehen ab und geben den Blick frei auf einen Sternenhimmel, der die Unendlichkeit des Universums ahnen lässt. Oben sausen die Sternschnuppen über den Himmel, unten schimmern die Lichter des Rheintals, bis sie vom aufsteigenden Nebel verschluckt werden.

An dem weiten Blick über Rheintal und Vogesen konnten wir uns schon den ganzen Tag über nicht sattsehen. Nach dem ersten Kaffee in der Morgensonne an der Wanderhütte „Seibelseckle“ steigen wir zu Fuß direkt hinauf in den „Baiersbronner Wanderhimmel“. Während viele Wanderer die breiten steigungsarmen Forstwege bevorzugen, folgen wir dem steilen Pfad bergauf und mitten hinein ins einsame Naturparadies. Der Fußweg wird immer schmaler und führt in eine verwilderte Landschaft, die viel älter ist als der 2014 gegründete Nationalpark. Birken und Ebereschen sprießen neben weiß gebleichten Baumskeletten. Heidekraut und Heidelbeersträucher stehen zwischen jungen Fichten. Gräser und Moospolster lassen die Moorflächen erkennen.

Urlaub mit Skandinavien-Flair

Wenn die ganze Fläche des Schwarzwald-Nationalparks in 100 oder 200 Jahren so aussehen wird wie dieses Stückchen „Wanderhimmel“, müssen sich die Nationalparkgegner keine Sorgen um eine sinkende Attraktivität ihrer Region machen – ganz im Gegenteil. Bei so viel Skandinavien-Flair fürchten die Ranger eher zu viel Andrang für die Nationalpark-Region als zu wenig.

Schon jetzt stoßen Jens Liß und seine Kollegen bei ihren Kontrolltouren immer wieder auf Menschen, die es sich – ausgestattet mit Schlafsack und Isomatte – für eine romantische Nacht in der einsamen Natur des Nationalparks gemütlich machen. „Da müssen wir streng sein, um die Wildtiere zu schützen“, sagt Nationalparkranger Jens Liß. „Im Frühjahr brüten die Tiere. Im Herbst müssen sich vor allem die Jungtiere dann die Reserven für den Winter anfuttern“, erklärt er. „Wenn sie dabei zu oft gestört werden, überleben sie die harten Monate nicht.“ Damit Romantiker und Naturfreunde die magische Stimmung nach fünf im Urwald dennoch erleben können, bietet die Nationalparkverwaltung ein Naturcamp und mehrere legale Trekkingplätze an, die Romantiker und Tourenwanderer nach Anmeldung nutzen können.

Bad im Baumstamm

Eine deutlich luxuriösere Alternative für einen romantischen Abend im Mondschein: ein Baumstamm-Bad unter freiem Himmel – begleitet von einem Fünf-Gänge-Menü.

„An der Straße lang ist unromantisch“, sagt der Reisebegleiter und biegt mit dem Fahrrad kurzerhand auf eine steil ansteigende Nebenstraße ab. Die kleine Radtour vom Ortskern Baiersbronn hinauf ins Tonbachtal, wo die schicken Hotels liegen, führt so oder so bergauf. Aber vor dem romantischen Dinner nochmal 200 Höhenmeter extra – da bleibt viel Zeit, darüber nachzudenken, was Romantik ausmacht und was eher nicht so förderlich ist. Zum Beispiel bergauf hetzen, weil um 19 Uhr im Hotel Tanne das Bad bereitet wird.

Als wir verspätet und verschwitzt im Hotel Tanne ankommen, wartet Frau Bosch schon auf uns. Sie betreibt ein Badehaus im Hotel – inklusive Baumstamm-Abteilung – und stellt sich als Baderin vor. „Wie im Mittelalter“, sagt sie und reicht wannentaugliche Badegarderobe für sie und ihn. Ob das weiße Mützchen sein muss? Kaum hat man es auf, fühlt man sich wie eine Figur von Wilhelm Busch – und sieht auch so aus. „Die Mütze ist wichtig, um den Kopf warm zu halten“, erklärt Bosch. Keine schlechte Idee, denn der riesige ausgehöhlte Wannenstamm, in dem Bosch ein leuchtend grünes Bad mit Fichtennadelöl angerichtet hat, steht – abgeschirmt von den Blicken anderer Hotelgäste – im Freien. Vorsichtig steigen wir ins duftende Bad – zwischen uns ein aus Brettern improvisierter Tisch, den die Baderin immer wieder mit neuen Überraschungen deckt.

Über uns der Abendhimmel, um uns absolute Ruhe und der Blick aufs Tal und die umliegenden Berge. Schöner kann eine Badewanne kaum stehen. Aber wie soll Romantik aufkommen, wenn das Gegenüber aussieht wie Onkel Fritze? Frau Bosch meistert auch diese Herausforderung: Sie zieht die Brillen ein und schenkt einen wunderbaren Crémant aus dem Elsass aus. Das warme Wasser, die frische Luft, der aufsteigende Mond und die Abendstimmung tun ein Übriges. Tiefenentspannt versinken wir immer weiter in der riesigen Wanne. Allein der sanfte Knoblauchduft der Bruschetta an Blattsalat oder der köstliche Garnelen-Gemüse-Spieß motivieren uns, wieder aufzutauchen.

Bis wir aufgegessen haben und – inklusive Brille – wieder einsatzfähig sind, ist es nach Mitternacht. Wir schwingen uns auf die Räder, um weiter hineinzuradeln in die dunkle Nacht und einen Platz zu suchen, von dem aus der Himmel gut zu sehen ist. Die Mühe lohnt sich: Das Dreieck steht klar am Himmel und die größeren unter den Sternschnuppen erleuchten die Dunkelheit, als würde jemand mit der Taschenlampe spielen.

Regine Gwinner

fairkehr 5/2017

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