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Reise 5/2014

Da müssen wir durch

Die Alpen mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bereisen ist nicht ganz leicht. Aber es lohnt die Mühen – zumindest wenn einem Geduld und Improvisationstalent nicht völlig unbekannt sind.

Foto: iStockphotoDie einzige Verbindung zwischen dem norditalienischen Veltlin und dem Südtiroler Vinschgau ist eine alte Passstraße, die sich in endlosen Kehren in die wilde Hochgebirgslandschaft hinaufschraubt.

Morgens halb acht am Bahnhof von Sondrio im oberitalienischen Veltlin: Die Reisegruppe ist noch müde und war schon besser ­gelaunt. Denn jeden Morgen wird der ­Tagesplan kurzfristig über den Haufen geworfen. Kaum einer der im Programm ausgedruckten Abfahrtszeitpunkte stimmt. Auch heute sind wir wieder zu früh aufgestanden, mussten uns beim Frühstück sputen und dürfen jetzt eine halbe Stunde dumm rumstehen. Reiseleiterin Simona Vrevc lächelt verlegen, kann aber nichts dafür. Im Unterschied zu allen Nachbarstaaten wechselt man in Italien auch im Sommer die Fahrpläne, verrät die neuen Verbindungen aber frühestens ein paar Tage vor der Umstellung, womit das Chaos vorprogrammiert ist.

Doch was wäre Italien ohne seine liebenswerte Unorganisiertheit? Ein bisschen ärgerlich ist die Pannenserie aber schon. Schließlich sind wir angetreten, die Alpen einmal nicht per Auto oder Komfortbus zu bereisen, sondern mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die auch den Einheimischen zur Verfügung stehen.

Um ein buchbares touristisches Pauschalangebot handelt es sich allerdings nicht. Veranstalter der siebentägigen Expedition durch die südalpine Verkehrslandschaft ist das Ständige Sekretariat der Alpenkonvention mit Sitz in Innsbruck und Bozen, das Umweltjournalisten eingeladen hat. Aufgabe der 2003 ins Leben gerufenen Institution ist es, die Umsetzung der Alpenkonvention zu begleiten und zu koordinieren. Im gleichnamigen Völkerrechtsvertrag hatten sich anno 1991 alle acht Alpenstaaten und die EU auf eine umwelt- und sozialverträgliche Entwicklung geeinigt und die Eckpunkte in Einzelprotokollen auszuformulieren begonnen. Leider erwies sich nicht nur deren Ratifizierung als Hängepartie, auch auf regionaler Ebene fehlte es fast überall an politischem Ehrgeiz, den verabredeten Kurswechsel mit der nötigen Konsequenz voranzutreiben.

Damit die eigentlichen Ziele nicht in Vergessenheit geraten, versucht das Sekretariat der Alpenkonvention in den Regionen Präsenz zu zeigen – wozu auch Journalistenreisen dienen. Bei denen geht es stets auch darum, die Medienvertreter am eigenen Leib erfahren zu lassen, wie reizvoll es sein kann, die unter dem Transitverkehr stöhnenden Alpen auf nachhaltige Weise kennenzulernen – mit Bussen, Bahnen, Schiffen, Bergbahnen, per Rad und zu Fuß.

Endlose Kehren über den Pass

Im Moment überwiegen freilich die Strapazen. Denn kaum etwas ist schwieriger, als mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus der lombardischen Valtellina in den benachbarten Südtiroler Vinschgau zu kommen. Die einzige Verbindung ist die über das 2758 Meter hohe Stilfserjoch auf der schon im Jahr 1825 ausgebauten Passstraße, die sich in endlosen Kehren in die wilde Hochgebirgslandschaft hinaufschraubt. Die Faszinationskraft der weltfernen Szenerie ist so groß wie die Belastung des Nervensystems. In fast jedem der abenteuerlich schmalen und dunklen Tunnel kommt uns ein wildgewordener Motorradpilot entgegen, der dann voll in die Eisen gehen muss. An schönen Tagen sind hier fünftausend motorisierte Kurvenfreunde unterwegs, umringt von Pässefahrern auf vier Rädern und rund tausend Radsportlern, die sich ebenfalls einen Platz auf dem heißen Asphalt zu erkämpfen versuchen.

Als Teilnehmer des öffentlichen Nahverkehrs hat man ganz andere Sorgen. Vor allem, weil die regionalen Fahrpläne nicht aufeinander abgestimmt sind. In Bormio, wo der Anstieg auf der lombardischen Seite beginnt, mussten wir eine volle Stunde warten, bis der einzige Bus des Nachmittags zum Pass hinauffährt. Zu allem Überfluss hat der Chauffeur nicht die geringste Ahnung, ob und wann wir auf der anderen Seite wieder hinunterkommen werden. Es sei nun mal eine andere Gesellschaft, die diese Linie bediene – als ob das im Zeitalter der digitalen Vernetzung ein triftiger Grund wäre, auf jegliche Abstimmung zu verzichten.

Foto: Gerhard FitzthumSchöne Aussicht aus der Bernina-Bahn ins Puschlav. Die UNESCO-Welterbe-Strecke führt aus dem Schweizer Kanton Graubünden über den Berninapass nach Italien.

Oben macht uns ein gut versteckter Abfahrtsplan klar, dass wir geschlagene zwei Stunden warten dürfen – zwischen abgehalfterten Cafés, grellen Souvenierläden und knallvollen Parkplätzen. Wir sagen dem Trubel Adieu, wandern zum spektakulär gelegenen Rifugio Garibaldi hinauf und erkennen, dass die hirnerweichende Serpentinenkurverei nicht umsonst war. Der Blick fällt auf die imposanten Gletscherbrüche des Gegenhangs und auf die steile Westflanke des Ortlers, des höchsten Bergs Südtirols. Im Norden und Westen breiten sich endlose Gipfelmeere aus, unter uns mäandert die im Ersten Weltkrieg umkämpfte Stilfserjochstraße talwärts – ein Meisterwerk der alpinen Verkehrsgeschichte. Weniger Spaß dürften freilich die haben, die nicht zum Sightseeing heraufkommen, sondern aus beruflichen oder familiären Gründen in den Vinschgau müssen. Zwei Stunden auf den Anschluss zu warten ist da wirklich keine Option. Kein Wunder, dass alle mit dem eigenen Auto fahren.

Für Italien sind diese Probleme typisch: Der öffentliche Verkehr wird derart vernachlässigt, dass abseits der urbanen Zentren nur Alte, Arme und Schulpflichtige in den Bussen sitzen. Grund zur Resignation besteht allerdings nicht. Denn 2013, mehr als zwei Jahrzehnte nach der Unterzeichnung der Alpenkonvention, hat endlich auch Rom das Verkehrsprotokoll ratifiziert, womit die vereinbarten Details auch auf EU-Ebene bindend geworden sind. Untersagt ist nun, weitere hochrangige Transitstraßen durch die Alpen zu bauen, zudem soll der internationale Warenverkehr nach und nach auf die Schiene verlagert werden. Außerdem müssen selbst die abgelegensten Regionen mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar gehalten werden. Klar, dass der Weg zu einer vernünftigen Mobilitätspolitik noch weit ist – die Instrumente sind aber endlich da, um die Macht der Transportkartelle und Autoclubs zu brechen.

Vorbildlicher Vinschgau

Den Vorgeschmack auf eine bessere Zukunft bekommen wir am nächsten Morgen in der Talsohle des Vinschgaus. Weil Südtirol dank seines Autonomiestatuts über große finanzielle Ressourcen verfügt, findet man hier ein Nahverkehrsnetz, das diesen Namen auch verdient. Der Bahnsteig des Dörfchens Spondinig steht so voll mit Einheimischen und Touristen, dass es eine ganze Weile dauert, bis der 400 Personen fassende Doppeltriebwagen seine Fahrt fortsetzen kann.

Helmuth Moroder, der Generaldirektor der Stadt Bozen, erzählt uns beim Abendessen die unglaubliche Erfolgsgeschichte „seiner“ Vinschgaubahn. 1999 kaufte die Provinz die von den italienischen Staatsbahnen stillgelegte Strecke, modernisierte die bauliche Infrastruktur, eröffnete insgesamt neunzehn Bahnhöfe und kaufte Zugkompositionen auf dem Stand der Technik.

Die in der Schweiz gebauten Triebwagen sind so schnell, dass man trotz vieler Haltepunkte mit dem Zug nicht länger nach Meran braucht als mit dem Auto. Die Folge ist eine signifikante Rückverlagerung des Personenverkehrs auf die Schiene. Schon 2005, im ersten Jahr der Wiederinbetriebnahme, wurden auf der sechzig Kilometer langen Strecke zwei Millionen Fahrgäste gezählt – deutlich mehr als in den Zügen über den Brenner sitzen.

Zudem eröffnete man an vielen der denkmalgeschützten k.u.k.-Bahnhöfe Radverleihstationen. Das Besondere dieses Angebots: Man kann die Räder an jeder beliebigen anderen Station wieder abgeben. Damit ist ein hocheffizientes Mobilitätsnetz jenseits des Straßenverkehrs entstanden, von dem man sonst nur träumen kann. Inzwischen schicken andere italienische Regionen ihre Späher nach Südtirol, wenn sie sich gezwungen sehen, dem Verkehrskollaps Einhalt zu gebieten.

Foto: Gerhard Fitzthum

Die berauschende Fahrt durch das Tal der Etsch erinnert uns an die schönen Stunden im Bernina-Express, den wir drei Tage zuvor kennenlernen durften. Die „kleine Rote“ verbindet St. Moritz mit dem italienischen Tirano über den 2200 Meter hohen Berninapass und ist das mit Abstand wichtigste touristische Kapital des südschweizer Puschlav, das in der italienischen Regionalsprache Val Poschiavo heißt. Was die Fahrgäste anbelangt, könnte der Unterschied zur Vinschgau-Bahn jedoch kaum größer sein. Denn auf dem Weg von den Gletschern des Alpenhauptkamms zu den mediterranen Weinbergen sitzen ausschließlich Touristen in den Abteilen, darunter viele Gruppen, von denen die meisten aus Fernost stammen.

Freunde der Langsamkeit

Während die elektrifizierte Schmalspurbahn in den hundert Jahren ihrer Existenz nur unwesentlich schneller geworden ist, wurde die Talstraße immer großzügiger ausgebaut. Damit ist die Meterspur als Verkehrsträger kaum noch konkurrenzfähig. Einheimische benutzen die Züge allenfalls dann, wenn Schnee und Eis die Straße unpassierbar machen. Statt eine Lösung für die lokalen Verkehrsprobleme zu sein, dient er lediglich als Zusatzangebot – für Freunde der Langsamkeit.

Sinnlos ist das antiquiert erscheinende Transportmittel trotzdem nicht. Schließlich verdankt ihm die Talschaft hohe Deviseneinnahmen und zahlreiche Arbeitsplätze. Fast noch wichtiger ist der enorme Imagegewinn. Im Bewusstsein der Gäste firmiert das noch landwirtschaftlich geprägte Val Poschiavo inzwischen als Modellort der sanften Mobilität, der höchste Aufenthaltsqualität ­garantiert.

Es ist wohl kein Zufall, dass ausgerechnet in diesem Winkel der Schweiz ein Projekt namens „100 Prozent organisch“ auf die Beine gestellt wurde. Mittlerweile haben bereits 91 Prozent der vor Ort hergestellten landwirtschaftlichen Produkte Bio-Standard. Das Puschlav entwickelt sich damit zu einem Paradies der Nachhaltigkeit, für das die im Stundentakt durchs Tal gleitende Bahn das perfekte Symbol ist.

Zum Abschluss der Reise machen wir eine ausgedehnte Bergwanderung. Startpunkt ist die Passhöhe des Brenners, wo uns das blanke Grauen erwartet: eine ­Ansammlung angegammelter Verwaltungsgebäude, Gasthäuser, Ramschläden und ein gigantisches Outlet-Shopping-Center. Bedrängt von Motorrad­­­karawanen, Cabrio-Prozessionen und Wohnmobilen folgen wir der alten Passstraße über die Autobahn, auf der Karawanen von Vierzigtonnern unterwegs sind. Endlich entkommen wir der Welt der Motoren auf ein kleines Forststräßchen und gewinnen schnell an Höhe. Doch weil sich die Schallwellen der Autobahn an den Hängen fangen, bleibt der Wanderweg in ohrenbetäubenden Lärm getaucht. Der nur 1100 Meter hohe Brenner ist nun mal die frequentierteste Transitschneise der Alpen – mit jährlich mehr als zwei Millionen Lkw. Im Wipptal zu leben heißt, seiner Heimat nicht mehr froh zu werden – dank einer Verkehrspolitik, die die Freiheit der internationalen Speditionslobby über die Lebensinteressen der Alpenbevölkerung stellt.

Irgendwann endet der Wald und der Weg zieht sich in eine flache Einsattelung, in der buntgescheckte Kühe auf einer saftigen Weide stehen. Wie durch einen Zauberspruch ist das akustische Tohuwabohu plötzlich verstummt. „Das Paradies“, denkt man unwillkürlich, und kann es kaum glauben. Kein Zweifel, dass sich das unbändige Glücksgefühl der Hölle verdankt, der man soeben entronnen ist. Sekunden später taucht aber noch ein anderer Gedanke auf: Um die Alpen von ihrer paradiesischen Seite kennenzulernen, nützen auch öffentliche Verkehrsmittel nichts. Man muss die Wanderstiefel anziehen und Zu Fuß gehen!

Gerhard Fitzthum

fairkehr 3/2020