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Reise 5/2012

Urlaub auf fremden Sofas

Gastfreundschaftsnetzwerke gibt es nicht erst seit dem Internet. Aber durch Online-Angebote werden sie immer bekannter und beliebter – vor allem in Deutschland. Ein Überblick. 

Foto: iStockphoto.com/Jorge Alegre TebarEin Sofa zum Schlafen, jemand, der sich vor Ort auskennt und weltweite Freundschaften machen den Trend „Social Travelling“ aus.

Denkt Anna an die erste Begegnung mit Couchsurfing-Gastgeber Mike, muss sie lachen. „Da standen wir am Hafen von San Diego und mussten erst mal in ein Ruderboot steigen“, erzählt die 26-Jährige. Mike lebt auf einem alten Segelboot. Es liegt im Hafen in einer der hinteren Reihen – auf den günstigen Liegeplätzen. Mike studiert Meeresbiologie, arbeitet als veganer Koch und verreist viel. Anna und ihr Freund Robert waren nicht seine ersten Übernachtungsgäste. Auf seiner Couch haben schon Reisende aus aller Welt ein paar Nächte verbracht. Entlang der vielen Stege, Schiffe und Jachten ruderte er die beiden jungen Deutschen zu seinem Zuhause – dem Segelschiffchen Coconut. Eine wahre Nussschale mit zwei Matratzen, Bänken zum Ausklappen und kaum Platz für Gepäck. Dafür schliefen Anna und Robert wie in einer Wiege auf dem Meer, und Mike entpuppte sich als ein super Gastgeber und zeigte ihnen seine Stadt.

Kostenlos bei fremden Menschen auf der ganzen Welt zu übernachten und im Gegenzug selbst Gastgeber in den eigenen vier Wänden zu sein – die Idee ist nicht neu. Aber dank Internet hat sie sich in den letzten Jahren rasend schnell verbreitet – über Plattformen wie Couchsurfing, Bewelcome oder Hospitalityclub. „Social Travelling“, wie der Trend genannt wird, ist vielfältig. Die Organisationen bieten Sofaschlafplatz oder Häusertausch, Online-Community oder Adressverzeichnis. Und das alles für wenig oder gar kein Geld. Ob Weltenbummler oder Friedensstifter, Radfahrer oder Camper – jeder kann eine passende Form finden.

Foto: Jim StoneViel braucht man nicht für guten Schlaf: Nachtlager im Karwendelhaus.

Online: Couchsurfing & Co

Couchsurfing ist die führende „Social Travelling“-Plattform, gegründet 2004 mit mittlerweile knapp fünf Millionen Nutzern aus mehr als 200 Ländern. Einst rein ideell als Non-Profit-Organisation gegründet, stehen die Weichen seit Neuestem leider auf Kommerz. Zum 21. September 2012 änderte Couchsurfing.org seine Nutzungsbedingungen. Die Betreiber haben sich das Recht herausgenommen, alle Daten ihrer Mitglieder – Adresse, Profil, Kommentare und Bilder – an Dritte zu verkaufen und uneingeschränkt zu nutzen (siehe Kommentar).

Die meisten Couchsurfer sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Immerhin ein Drittel bilden die 30- bis 50-Jährigen. Auch über 60-Jährige nutzen das Angebot. Männer und Frauen melden sich gleichermaßen an. Und nach den USA kommen die meisten Couchsurfer aus Deutschland.

Das Prinzip ist einfach: im Internet anmelden, Profil einstellen, abwarten, bis sich jemand meldet oder selbst per E-Mail Kontakt mit einem potenziellen Gastgeber oder einer Gastgeberin aufnehmen. „Die Profile sind sehr ausführlich“, sagt Anna Pickel aus Köln, „die Leute zeigen sich auf Fotos, haben ihre Wohnung fotografiert, verraten Beruf, Interessen und ihre Lebensphilosophie – da bekommt man ein gutes Gefühl für die Menschen, bei denen man übernachten möchte. Das hat sich auch beim persönlichen Kontakt bisher immer bestätigt“, sagt die 26-jährige Rheinländerin.

Mit ihrem Freund Robert ist sie acht Wochen durch die USA gereist – von Sofa zu Sofa. Die beiden haben in einer Wohngemeinschaft jeden Tag in einem anderen Zimmer geschlafen, in Appartements übernachtet, in Häusern mit eigenem Zimmer und Bad – und auf dem winzigen Segelboot von Lebenskünstler Mike. Flexibel, aufgeschlossen und tolerant sollten Couchsurfer sein – egal ob sie verreisen oder einen Gast aufnehmen.

Beherbergt hat Grafikdesignerin Anna Pickel noch niemanden. Sie freut sich aber schon sehr auf ihren ersten Couchgast. Die 26-Jährige ist erst kürzlich aus einer Kleinstadt nach Köln gezogen. In Großstädten suchen mehr Reisende einen Schlafplatz und die Chancen stehen gut, bald die Welt zu Gast zu haben. „Wir hatten so viele schöne Erlebnisse. Die Leute haben sich toll um uns gekümmert, uns am Bahnhof abgeholt, Räder ausgeliehen, Kneipentouren gemacht. Jetzt wollen wir etwas zurückgeben“, sagt Anna.

Um ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten, stehen auf der Internetseite unter den Profilen der Gäste und Gastgeber Bewertungen von anderen Mitgliedern. Von kriminellen Übergriffen hört man so gut wie nie. Vor blöden Anfragen schützt das dennoch nicht. Anna hat schon mehrmals zweideutige oder unsympathische E-Mails bekommen. „Das Gute ist ja, dass man niemanden aufnehmen muss“, sagt Anna. „So was lösche ich gleich. Und die meisten Kontakte sind absolut nett und freundlich.“

Offline: Servas

Die meisten Couchsurfer wollen nicht in erster Linie billig Urlaub machen. Sondern fremde Kulturen, neue Menschen und andere Lebensentwürfe kennenlernen. Freunde in aller Welt zu finden steht im Vordergrund. Diesen Wunsch teilen Couchsurfer mit den Mitgliedern anderer Plattformen, wie der vor mehr als sechzig Jahren gegründeten Organisation Servas.

Dänische Studenten gründeten Servas 1949 als Friedensbewegung. Sie wollten durch persönliche Kontakte unter den Völkern ein besseres Verständnis für andere Menschen und Kulturen schaffen. In 110 Ländern ist Servas aktiv, mit unterschiedlichen Gastgeberzahlen von einem einzigen in Vietnam bis zu 1500 in Deutschland oder in Nordamerika. Die Servas-Mitglieder sind im Schnitt älter als Couchsurfer. Man meldet sich nicht online an, sondern wird zu einem persönlichen Gespräch bei einem Mitglied aus der Region eingeladen. Das Adressverzeichnis kommt mit der Post.

Jürgen Wildner, 51, lebt mit seiner Frau Rossana und vier Töchtern – die jüngste acht, die älteste 19 – in Italien. Seit acht Jahren machen sie mit bei Servas. Zwei- bis dreimal im Jahr übernachten Gäste aus der ganzen Welt bei ihnen. Als erste kamen zwei italienische Teenager auf Fahrradtour. Vor kurzem waren Australier da. „Unsere Töchter fanden es super, dass sie mal Englisch sprechen konnten“, sagt Wildner.

Nicht länger als zwei Nächte sollen Servas-Reisende bei anderen übernachten. Doch man kann mit den Gastgebern auch mehr vereinbaren. Die bieten meist nicht nur ein Bett – sie zeigen ihre Heimat, kochen Landestypisches und geben Tipps für Ausflüge.

Foto: iStockphoto.com/stayorgo„Social Travelling“ ist auch was für ­Familien – zum ­Beispiel per Haustausch.

„Mit der ganzen Familie, wir sind ja sechs, ist es allerdings schwierig, so zu reisen. Man findet nicht leicht jemanden mit so viel Platz“, erzählt Familienvater Wildner. Deshalb nutzen er und seine Frau die Gastfreundschaft anderer Servas-Mitglieder eher für verlängerte Wochenenden – allein, zu zweit oder nur mit einem Kind. London und Kopenhagen hat der Vater schon mit seiner Ältesten bereist. In Kopenhagen haben sie bei einer Frau übernachtet, die fünf Jahre zuvor bei ihnen Gast war – damals war sie schwanger. „Das war natürlich toll, das Kind kennenzulernen“, sagt Wildner. Mit vielen Gastgebern und Gästen hält man lose Kontakt, schreibt sich ab und zu und schaut vorbei, wenn man in der Nähe ist.

Für Familien: Haustausch

Mehrere Wochen mit einer großen Familie nach dem Prinzip „Social Travelling“ Urlaub zu machen, funktioniert am besten per Haustausch. Hier besucht man für eine vereinbarte Zeit das Zuhause einer fremden Familie, während die bei einem selbst einzieht.

Mit Franzosen, Schweizern und Italienern haben Marianne Nehrkorn, 63, ihr Mann und die Kinder in den letzten zehn Jahren getauscht – über die Organisation Intervac. Die Idee stammt von zwei befreundeten Lehrern aus der Schweiz und den Niederlanden. Die tauschten Anfang der 1950er Jahre einfach mal ihre Häuser in den Ferien, um bezahlbaren Urlaub zu machen. Als sie merkten, wie gut auch andere diese Idee fanden, entwickelten sie einen Service daraus, der heute 30000 Häuser und Appartements rund um die Welt bietet.

Angebote kann man anonymisiert ohne Anmeldung einsehen, Mit einem Foto vom Haus, Infos zur Ausstattung und Wunschtauschländern. Für zehn Euro pro Monat bekommen Mitglieder einen Zugang zu den Kontaktinformationen und können anderen Mitgliedern Nachrichten und Tauschanfragen schicken. Die meisten Teilnehmer sind zwischen 30 und 60 Jahren alt. Intervac bietet eine zweiwöchige kostenlose Schnuppermitgliedschaft an. Neben dem Eins-zu-eins-Tausch kann man bei Intervac auch anderen Service anbieten: zum Beispiel Haushüten, Jugendaustausch oder Übernachtung mit Frühstück. 

Flexibel muss man allerdings sein. Vielleicht findet sich für die Sommerferien nur eine Tauschfamilie in den Bergen, obwohl die Kinder so gern ans Meer wollten. Oder der Wochendtrip geht doch an die Nordsee statt nach Paris.

Die Urlauber erwartet ein eingerichtetes, belebtes Haus – mit allen Vor- und Nachteilen. Marianne Nehrkorn sieht vor allem Gutes darin: „Ich fühle mich gleich zu Hause, finde immer Lesenachschub und mir gefällt, dass uns die Nachbarn grüßen, weil sie wissen, dass eine Tauschfamilie da ist.“ Sie findet auch, dass man schneller im fremden Land ankommt. Man lebt in einem richtigen Wohnviertel und nicht unter Touristen. Das sei nicht so anonym und steril wie in einer Ferienhaussiedlung oder einem Hotel, sagt die 63-Jährige.

Kurz bevor es losgeht, sind die Nehrkorns jedes Mal aufgeregt. „Dann drehen wir immer etwas am Rad und putzen, was das Zeug hält“, erzählt die Norddeutsche. Man will es den Gästen schön machen. Außerdem sei es ganz gut, mal mit fremdem Blick auf die eigenen vier Wände zu schauen, so Nehrkorn. Angst davor, bestohlen oder gar ausgeraubt zu werden, dass jemand etwas kaputt macht oder ihre persönlichen Dinge durchwühlt, hat sie nicht. „Das mache ich ja auch nicht! Es kommt darauf an, wie man Besitz definiert und ob man Vertrauen hat oder nicht“, sagt Frau Nehrkorn. „Wir haben jedenfalls in zehn Jahren Häusertausch noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.“

Für Radfahrer: Dachgeber

Die Nehrkorns haben sich bei einem weiteren Gastgeber-Angebot angemeldet – beim Dachgeberverzeichnis des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADFC. „Meine Tochter fährt viel Rad. Ihr zuliebe habe ich uns da reingeschrieben“, sagt Marianne Nehrkorn. Nun kommen ab und zu Tourenradler für eine Nacht vorbei.

Dachgebernutzer können sicher sein, dass dort, wo sie kostenlos unterkommen, Menschen leben, die genau wissen: Radfahrer brauchen erst mal eine Dusche, eine Mahlzeit und dann einen Platz zum Schlafen. Ähnliche Projekte sind in Österreich, Frankreich und der Schweiz entstanden. Außerdem gibt es mittlerweile eine internationale Radler-Community im Internet: „Warm Showers – warme Dusche“.

Für Zelter: Camp in my Garden

Für eine andere spezielle Zielgruppe ist „Camp in my Garden“ gedacht. „Zelte in meinem Garten“ ist sozusagen die Fortführung der uralten Tradition, auf Wanderschaft einfach beim nächsten Bauern in der Scheune zu schlafen. Mit dem Unterschied, dass die Gartenbesitzer durchaus Geld verlangen dürfen. Dafür servieren sie beispielsweise ein ordentliches Frühstück.

Vor allem in England und in den Niederlanden haben viele Hausbesitzer ihre Gärten geöffnet. Eine Karte auf der Internetseite zeigt weltweit alle Plätze mit Infos zum jeweiligen Angebot. Die Vision von Gründerin Victoria Webbon: „Ich hoffe, bald gibt es weltweit tausende privater Gärten, wo Camper vorübergehend ihr Zelt aufbauen können. Jeder ist willkommen, der unsere Leidenschaft teilt für das große Abenteuer, auch Leben genannt.“

Valeska Zepp

fairkehr 5/2018