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Titel 4/2014

Verwandelte Parkplätze

In der Bonner Altstadt werden über den Sommer aus Parkplätzen Miniterrassen.

Foto: Valeska ZeppKleine Oasen zwischen parkenden Autos: In der Bonner Altstadt dürfen die Wirte im Sommer draußen auf dem Parkplatz servieren.

Zum Kaffeeklatsch oder Feierabendbier trifft sich die Bonner Altstadt jetzt draußen. Auf den Parkplätzen vor Kneipen und Cafés mussten Autos Platz machen für Tische und Stühle, Sonnenschirme und Kübelpflanzen. Bunte Nischen mit plaudernden Menschen durchsetzen die parkenden Autoschlangen zwischen Straße und Bürgersteig.

Margit Schuld unterbricht ihren Bummel für eine Tasse Kaffee. Die Miniterrasse auf dem Parkplatz sieht einfach verlockend aus. Sie bestellt und sagt zur Bedienung: „Schön ist das hier. Endlich mal Platz für Menschen statt für Autos.“ Regelmäßig besucht die Frau ihre studierenden Töchter in Bonn, spaziert dann gern durch Straßen und findet, dass sich in diesem Sommer nicht nur einige Parkplätze, sondern die gesamte Altstadt verwandelt hat.

Die Idee stammt von Bezirksbürgermeister Helmut Kollig. Er setzte sich dafür ein, dass über den Sommer alle Wirte, Café- und Kioskbetreiber, Eisdielen-, Backstuben- und Metzgereibesitzer des „Veedels“ ge­gen eine Pauschalgebühr den Parkplatz vor ihrer Ladentür in Terrassen verwandeln dürfen. Der Testlauf dauert bis zum Herbst mit Aussicht auf Wiederholung im nächs­ten Jahr.

Foto: Valeska ZeppCaféstühle statt Parkplätze: Im Sommer lebt die Bonner Altstadt draußen.

Kollig wohnt selbst seit Jahrzehnten in der Altstadt und kennt die vergeblichen Bemühungen der Wirte, ein paar Tische und Stühle draußen aufstellen zu dürfen. Die Stadtverwaltung lehnte meist mit der Begründung ab, die Bürgersteige seien zu schmal. Deshalb schlug Kollig ein Konzept vor, das sich in Köln schon bewährt hatte und den Platz für Außengastronomie nicht den Fußgängern abknapst, sondern den Autoparkern.

Der Bezirksbürgermeister läuft lächelnd durch die kopfsteingepflasterten Straßen seines Veedels. Er wird an jeder Ecke gegrüßt und kommt aus dem Schwärmen nicht heraus. „Die Atmosphäre ist einfach toll. Ich hätte nie gedacht, dass das insgesamt so gut läuft. In drei Monaten hatten wir nicht mal eine Handvoll Beschwerden. Selbst die Verwaltung ist positiv überrascht“, sagt Kollig. Der SPD-Mann hatte zwar die Parkplatzverwandlung in erster Linie für die Wirte gemacht, aber auch gehofft, dass die Eroberung des öffentlichen Raums allen Spaß macht.

Und es stimmt: Gute Laune weht durch das Viertel. „Das Leben findet jetzt viel mehr auf der Straße statt – wir fühlen uns ein bisschen wie in Paris“, sagt Negla Pishevar, die kleine Holzgarnituren und bunte Sonnenschirme vor ihr frisch in Pink gestrichenes Café gestellt hat – alle Plätze sind belegt. Ein paar Schritte weiter, im Café Frau Holle, finden sich schon morgens ab acht die ersten Gäste zum Zeitunglesen und Kaffeetrinken auf dem Parkplatz vor dem Laden ein. Dort hat auch Margit Schuld ihren Bummel unterbrochen, genießt jetzt ihren Kaffee und beobachtet die vielen Radfahrer. Doro Herbst kommt mit einem vollen Tablett aus ihrem Laden heraus. „Für uns ist das Parkplatzkonzept super. Seit zehn Jahren beantragen wir vergeblich ein paar Plätze Außengastronomie bei der Stadt. Schön, dass das endlich mal geklappt hat“, sagt sie.

Zu idyllisch durch die rosarote Brille wollen die Bonner Gastronomen ihre neue „Draußen-Kultur“ allerdings dann doch nicht betrachten. Der lange Kampf und die Bonner Beschwerdekultur stecken tief in den Knochen – genau wie die Parkplatznot. „Ich finde die Stimmung zwar schön“, sagt Martha Giménez-Thömmes, Galeristin, die Kaffee und Kuchen zwischen Kunstwerken serviert. „Aber wir müssen mal abwarten, wie sich das entwickelt und wie viele Beschwerden es noch geben wird. Den Anwohnern fehlen ja auch die Parkplätze.“

Zwölf Menschen statt ein Auto

Knapp fünf Prozent weniger Parkraum stünde dem Viertel zu Verfügung, würden alle 56 Gastronomen die Parkplatzterrassen nutzen. Beantragt haben die Sondergenehmigung aber bisher nur rund 30. „Es gibt natürlich immer welche, denen eine Idee nicht gefällt“, sagt Kollig, „aber zum Thema Parken gab es bisher nur eine Beschwerde, und das war eher ein scherzhafter Versuch, den Preis fürs Falschparken um die paar Prozent weniger Parkraum zu drücken.“

Langfristig will Kollig sowieso das Parkkonzept in der Altstadt ändern, weg von den komplizierten Anwohnerparkzonen und 2-Stunden-Plätzen. Jeder soll alle Parkplätze nutzen dürfen. Die Anwohner mit ihrem Ausweis, alle anderen müssen zahlen – je näher an der Innenstadt, umso mehr. „Das wird dann auch den Parkplatzsuchverkehr der Anwohner in der Altstadt reduzieren und es wird leiser“, sagt Kollig.

Am frühen Abend findet ein Wechsel im Viertel statt. Die Cafés schließen, da­für öffnen Kneipen und Restaurants ihre Außenterrassen. Man entdeckt so Lokale, an denen man seit Jahren einfach vorbeigelaufen ist. In der Abendsonne sieht das Essen nicht nur hübsch aus, es schmeckt unter freiem Himmel auch doppelt gut. Und das neue Lebensgefühl ist an jeder Ecke zu spüren. Ein Parkplatz misst ungefähr zwei mal fünf Meter. Darauf passen entweder ein Auto oder zehn Fahrräder oder eben Blumenkübel, Tische und Stühle mit Platz für zwölf Menschen. Voilà, so einfach und schön zugleich kann das Leben sein.

Valeska Zepp

Einmal im Jahr, am Parking Day, kann jeder einen Parkplatz verwandeln. Der nächste ist am Freitag, 19. September 2014.

fairkehr 5/2018