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Radfahrende sind auf der Rue de Rivoli in Paris unterwegs.
Foto: Tim Albrecht
Meteorologe Özden Terli steht vor der Wetterkarte.
Foto: ZDF/Torsten Silz
Ein Regionalzug fährt über eine Brücke über den Fluss Sieg.
Foto: Uta Linnert

Service 4/2012

Nur die Steine waren Zeugen

Im Biosphärenreservat Bliesgau, dem neuen „Fahrtziel Natur“ von Deutscher Bahn, BUND, NABU und VCD, begegnen Besucher toten Fürstinnen, Felsungetümen und Schichten der Geschichte.

Foto: Peter BausDer Bliesgau südöstlich von Saarbrücken gilt als „Toskana des Saarlands“. Die hügelige Landschaft ist geprägt von Streuobstwiesen.

Der Weg zur Toten führt ins Dunkle – der schmale Gang windet sich wie ein Schneckenhaus hinab ins Innere des keltischen Grabhügels. Wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, sehen sie eine Frauenfigur in einem weißen Totengewand hinter einer dicken Glasscheibe liegen, umgeben von Gold-, Bronze- und Perlenschmuck. Gestorben ist die Frau vor etwa 2400 Jahren.

„Anhand der Grabbeigaben können wir darauf schließen, dass die Tote zur herrschenden Klasse gehörte – außerdem war sie vermutlich eine Priesterin“, sagt der junge Archäologe Andreas Stinsky. Der 28-Jährige führt regelmäßig Gruppen durch den Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim und erklärt ihnen die Ausgrabungen aus der Kelten-, Römer- und Frankenzeit.

Der Erlebnispark für Geschichts- und Archäologiefans überwindet nicht nur zeitliche Grenzen: Er ist ein deutsch-französisches Gemeinschaftsprojekt. Das knapp einen Quadratkilometer große Ge­biet liegt auf der Grenze zwischen dem Department Moselle und dem saarländischen Biosphärenreservat Bliesgau – dem neuesten Mitglied der Kampagne „Fahrtziel Natur“ von Deutscher Bahn und den Umweltverbänden NABU, BUND und VCD.

Seit Beginn des Jahres werben DB und Verbände im Rahmen der Tourismuskooperation dafür, den Bliesgau mit Bus und Bahn, auf dem Sattel oder zu Fuß zu erkunden. Die Verantwortlichen im Schutzgebiet haben bereits gute Voraussetzungen dafür geschaffen. So erreichen Radwanderer den Europäischen Kulturpark im Süden des UNESCO-Biosphärenreservats auf vier verschiedenen Routen. Wer zu Fuß unterwegs ist, steigt beispielsweise in Saarbrücken oder Homburg in die Buslinie 501, die den Bliesgau von Nord nach Süd durchquert und die Besucher bis vor die Tore des Parks in Reinheim chauffiert.

Kies gegraben, Grab gefunden

Die Totenruhe der Fürstin störte in den 50er Jahren der Unternehmer Johann Schiel, der auf dem Gebiet Kies und Sand abbauen ließ. 1954 entdeckte er bei Baggerarbeiten eine winzige Bronzefigur. Sie entpuppte sich als Griff eines Spiegels, den die tote Priesterin mit ins Grab bekommen hatte. In den Folgejahren gruben Archäologen Hinweise auf zwei weitere keltische Hügelgräber aus.

Ungeachtet der historischen Funde wurde bis in die 70er Jahre zwischen Reinheim und Bliesbruck weiter nach Kies gebuddelt – und dabei Geschichte vernichtet. Archäologe Stinsky führt seine Gruppe von den drei Hügelgräbern zum Steinfundament einer riesigen römischen Villa aus dem Jahre 100 nach Christus, die seit Ende der 80er Jahre kontinuierlich freigelegt wird.

Einige Nebengebäude haben die Bagger zerstört, doch das mehr als 400 Meter lange Hofareal beeindruckt nichtsdestotrotz. Seit 2000 Jahren ruhen die Steine hier an ihrem Platz im Tal des Flusses Blies, der dem Bliesgau seinen Namen gibt. Sie sind Zeugen der Geschichte römischer Siedler, germanischer Eroberer und Überlebender des Zweiten Weltkriegs, die das Gebiet des heutigen Archäologieparks als Steinbruch nutzten und den einen oder anderen römischen Backstein in ihren Häusern verbauten.

Foto: Kirsten LangeAuf dem Kirkeler Felsenpfad bestaunen Wanderer die „Hollerkanzel“.

Auf grünen Wegen wandern die Besucher vorbei an Teichen, die der Kiesabbau hinterlassen hat. Wer die Augen offen hält, entdeckt Gras- und Wasserfrösche, Wechselkröten und Blässhühner, den Pirol, das Rebhuhn oder den Rotmilan. In der Auenlandschaft des Kulturparks haben sich viele, zum Teil seltene Tier- und Pflanzenarten angesiedelt.

Andreas Stinsky überquert mit seiner Gruppe die deutsch-französische Grenze. Etwa zur gleichen Zeit, in der die Villa entstand, siedelten sich rund einen Kilometer davon entfernt Gallo-Römer an der Blies an. Sie bauten einen „Vicus“, eine Kleinstadt ohne Stadtrecht, an einer Straße, die sie mit anderen Städten der Region, wie Metz oder Trier, verband. Über die römischen Pflastersteine bauten die nachfolgenden Generationen ihre eigenen Straßen – ein Querschnitt durch die Straße legt die Schichten der Geschichte frei. Zuletzt verlief dort die Landstraße zwischen dem saarländischen Reinheim und dem französischen Bliesbruck, 2004 wurde sie umgeleitet.

Steinalte Riesen

Millionen Jahre, bevor die Römer den Vicus von Bliesbruck bauten, formten Wind und Wasser im Kirkeler Wald aus mächtigen Buntsandsteinfelsen bizarre Ungetüme. Der schmale Felsenpfad von Kirkel, einer 10.000-Einwohner-Gemeinde im Norden des Biosphärenreservats Bliesgau, windet sich als sieben Kilometer langer Rundweg bergauf, bergab am Steilhang entlang.

Wanderer marschieren durch hellen Laubmischwald, vorbei an hohen, zerklüfteten Winkeln, breiten Spalten und engen Kaminen. Sie passieren den „Unglücksfelsen“, den „Neandertaler“ und die „Hollerkanzel“. Dort stand vermutlich im 9. Jahrhundert die Hollerburg, ein Rundbau aus Holz. In der Nähe der Burgstelle weisen große Löcher in den gelblichen bis rotbraunen Felsen, die „Hollerlöcher“, auf einen römischen Felsenkeller hin. Auch hier zeugen Steine von den Menschen, die den Bliesgau über die Jahrtausende bewohnten.

Wer den steinalten Riesen aus dem Kirkeler Wald den Rücken gekehrt hat, steigt zur Ruine auf den Schlossberg. Die Reste der Burg Kirkel aus dem 11. Jahrhundert sind das Wahrzeichen des Orts. Vom Turm aus haben Besucher einen Panoramablick über einen Teil des Biosphärenreservats. Und in der Burgschenke servieren die beiden Wirtinnen Fleisch, Brot, Quark und Käse aus der Region. „So speisten bereits die Ritter“, sagen sie. Nicht nur Steine überdauern die Zeit, sondern auch Rezepte.

Kirsten Lange

Anreise: Mit ICE, IC, RE bis Saarbrücken oder Homburg. Von dort weiter mit Regionalzügen und Bussen. www.bahn.de, www.saarfahrplan.de

Das neue „Fahrtziel Natur“

Seit Anfang 2012 ist das Biosphärenreservat Bliesgau im Südosten des Saarlandes das 20. „Fahrtziel Natur“. Das Schutzgebiet ist ein ­Zuhause für viele seltene Tier- und Pflanzen­­­arten, beispielsweise den Steinkauz, der vom Aussterben bedroht ist. Außerdem findet man im Bliesgau fast die Hälfte aller Orchideenarten, die in Deutschland wachsen. Das Biosphärenreservat schützt zum einen diese Artenvielfalt, zum anderen die regionale, traditionelle Wirtschaftsweise und die über die Jahrtausende von den Bewohnern geprägte Landschaft. Bliesgau-Produkte gibt es in vielen saarländischen Geschäften zu kaufen und Küchenchefs kochen mit regionalen Lebensmitteln.

Der Reiseführer „Biosphären­reservat Bliesgau im Saarland“ für 9,95 Euro liefert kompakte Infos und schlägt Wander- und Radtouren vor. Außerdem empfiehlt er Touren auf Basis der Freizeitcard Saarland, mit der Besucher für einen, drei oder sechs Tage Busse und Bahnen des Saarländischen Verkehrsverbundes saarVV gratis nutzen können.

fairkehr 3/2022

Cover der fairkehr 3/2022 zum Thema Klima: Alarmstufe Rot!