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Titel 3/2016

GUTi = gute Fahrt auf Bayerisch

Busse und Bahnen fahren im Bayerischen Wald eng getaktet und sind gut ausgelastet. Die Region steht für sanfte Mobilität. Das Gästeservice Umwelt-Ticket (GUTi) hat daran großen Anteil.

Foto: Gerhard Eisenschink/Tourismusverband Ostbayern e.V.Naturregionen wurden von den Teilnehmern der DTZ-Umfrage zu den Top-100-Reisezielen in Deutschland deutlich seltener genannt als historische Gebäude oder Städte. Auch der Bayerische Wald ist nicht auf der Liste. Ein Reise ist die Region in Ostbayern dennoch wert.
Foto: Gerhard Eisenschink/Tourismusverband Ostbayern e.V.Wer den Goldsteig wandert, wird mit einem atemberaubenden Ausblick belohnt.
Foto: Bayerwald-TicketDiesel statt Erdgas: Seit 2013 setzt der Busanbieter RBO auf die wartungsärmere Technik.

Der Bayerische Wald ist Teil von Mitteleuropas größtem zusammenhängendem Waldgebiet und Heimat seltener Tiere wie Luchs, Auerhahn und Fischotter. Doch das Mittelgebirge ist mehr als nur ein einzigartiger Naturraum: In den letzten 20 Jahren haben ihn die Verantwortlichen der National- und Naturparke, allen voran Christina Wibmer, zur Pionierregion für nachhaltige Mobilität auf dem Land gemacht. Eine Notwendigkeit: Denn jährlich reisen Hundertausende Gäste zum Wandern und Skilaufen in die Region. Der Tourismus ist eine wichtige Einnahmequellen vor Ort. Damit weiterhin viele Gäste kommen, muss die Natur intakt bleiben.

„Die Nationalpark- und Naturparkregion Bayerischer Wald ist vorbildlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen“, lobte der VCD-Bundesvorsitzende Michael Ziesak bei der Verleihung des ersten Fahrtziel-Natur-Awards 2009. Der Preis für Tourismusregionen mit nachhaltigem Mobilitätskonzept wird von den Umweltverbänden BUND, NABU und VCD und der Deutschen Bahn vergeben. Die Jury begründete die Wahl damit, dass alle wichtigen Einrichtungen und Wanderwege mit der Waldbahn und den erdgasbetriebenen Igelbussen erreichbar seien. Mit dem Bayerwald-Ticket gelte ein Verbundfahrschein für alle öffentlichen Verkehrsmittel.

„Die Auszeichnung mit dem Fahrtziel Natur-Award hat uns motiviert, das Bewusstsein für öffentlichen Verkehr zu schärfen und das große Fahrgastpotenzial der Urlaubsreisenden zu aktivieren“, sagt Christina Wibmer heute. Von Oktober 2000 an war sie für 14 Jahre beim Landkreis Regen für das Nationalparkverkehrskonzept zuständig. Die staatliche Förderung für ihre Stelle ist zwischenzeitlich ausgelaufen. Derzeit arbeitet sie in der Landkreisverwaltung.

Heute können Gäste von 1700 Beherbergungsbetrieben aus 21 Kommunen im Bayerischen Wald das ÖV-Angebot mit dem Gästeservice Umwelt-Ticket (GUTi) kostenfrei nutzen. Dort, wo das GUTi gilt, steigerte die Waldbahn ihre Fahrgastzahlen von 2009 auf 2010 laut einer Untersuchung des Beratungsunternehmens IVV Aachen um 67 Prozent. Stichproben des Busunternehmens RBO zeigen, dass heute 40 Prozent mehr Menschen mit den Igelbussen unterwegs sind. Die wachsenden Fahrgastzahlen halfen den Verkehrsbetrieben, das ÖV-Angebot im Bayerischen Wald zu erhalten. Vor der Einführung des GUTis waren Busse und Züge nur morgens und nachmittags gut gefüllt – vor allem mit Schülern. Bei einigen Linien drohte die Ausdünnung der Fahrten.

Millionen Autokilometer ersetzt

Die Idee, Mobilität in der Region umweltfreundlich zu gestalten, gab es schon, bevor Christina Wibmer ihre Stelle antrat. Zwischen 1996 und 2013 fuhren Erdgasbusse durch den Nationalpark. Doch Wibmer hat maßgeblichen Anteil daran, dass Bus und Bahn wieder mehr genutzt werden. „2007 habe ich vom KONUS-Modell im Schwarzwald gehört. Dort gab es mit der KONUS-Karte für Touristen die Möglichkeit, den ÖV kostenlos zu nutzen“, sagt Wibmer. Sie empfahl, ein vergleichbares Angebot im Bayerischen Wald zu etablieren. Unterstützung bekam sie von den damaligen Landräten aus Regen, Heinz Wölfl, und Freyung-Grafenau, Ludwig Lankl. Sie überzeugten das Bayerische Wirtschaftsministerium, die Einführung des GUTi zu fördern. Trotz Widerstands aus einigen Kommunen – sie müssen den ÖV-Betrieben pro Übernachtung 32 Cent für GUTi zahlen – wurde das Ticket 2010 realisiert. „Der Gewinn des Fahrtziel-Natur-Awards 2009 hat uns viel Rückenwind für die Einführung des GUTis gegeben“, sagt Wibmer.

Anhand einer Gästebefragung im Nationalpark-Zentrum Lusen hat Wibmer errechnet, dass durch das GUTi pro Jahr etwa 7,7 Millionen Autokilometer durch Fahrten mit Bus und Bahn ersetzt werden. „Durch die Reduzierung des Individualverkehrs in der Region vermeiden wir jährlich den Ausstoß von 1400 Tonnen CO2. Auch die Belastung durch Lärm und Schadstoffe sinkt“, so Wibmer.

Durch den Beitritt weiterer Kommunen zur GUTi-Familie steigt die Zahl der Touristen, die den öffentlichen Verkehr kostenfrei nutzen dürfen. Im Dezember 2015 ist das Dörfchen Bodenmais am Großen Arber – dem mit 1456 Metern höchsten Berg im Bayerischen Wald – dazugestoßen. Für die Waldbahn bedeutet das etwa 180000 zusätzliche Fahrgäste im Jahr 2016. Mit 632000 Übernachtungen im vergangenen Jahr ist Bodenmais der wichtigste Tourismusort im Bayerischen Wald.

Bahnstrecke reaktiviert

Ab September wird die Bahnstrecke von Gotteszell nach Viechtach für zwei Jahre auf Probe reaktiviert. Der VCD-Landesverband Bayern hat sich dafür eingesetzt, dass die Waldbahn die Strecke wieder in Betrieb nimmt. Im Februar 2015 organisierten die VCD-Aktiven die Jahrestagung der bayerischen Reaktivierungsinitiativen in Plattling. Unter den 40 Gästen waren Landtagsabgeordnete und Vertreter der Waldbahn. Auch im Verein Go-Vit e. V., der sich für die Reaktivierung der Strecke einsetzt, ist der VCD Bayern aktiv.

„Für mich ist die Bahnstrecke von Gotteszell nach Viechtach entlang des Schwarzen Regens eine der schönsten Strecken Deutschlands. Nicht einmal eine Straße gibt es hier. Wer die Landschaft genießen will, muss den Zug nehmen oder auf dem Fluss paddeln“, sagt Kurt Bayer, stellvertretender Landesvorsitzender des VCD Bayern. Damit die Strecke über den zweijährigen Probebetrieb hinaus aktiviert bleibt, müssen durchschnittlich 1000 Personen pro Tag mit dem Zug fahren.

Sobald die Bahn wieder nach Viechtach fährt, wird die Gemeinde ihren Übernachtungsgästen das GUTi spendieren. Auch für die Einheimischen ist die Reaktivierung der Bahnstrecke wichtig. In Teisnach, wo die Bahn einen Zwischenstopp einlegt, hat die Technische Hochschule Deggendorf eine Zweigstelle. Die Studenten können dort zukünftig mit der Bahn hinfahren.

Aus einem Projekt der Hochschule ist die E-Wald GmbH hervorgegangen. Das Unternehmen aus Teisnach verleiht Elektroautos. Der mittlerweile in mehreren ländlichen Regionen tätige Anbieter hat ein dichtes Ladenetz im Bayerischen Wald etabliert.

Einer Herausforderung müssen sich die Verantwortlichen in der Region noch stellen: der Anreise. Mehr als 90 Prozent der Gäste kommen laut Bundesamt für Naturschutz mit dem Auto – der Durchschnitt aller Naturparke liegt bei knapp drei Viertel der Gäste. „Die Beherbergungsbetriebe müssen stärker über die Anreise mit der Bahn und über das GUTi informieren“, sagt Wibmer.

Beim Fahrtziel-Natur-Award 2016 sind die National- und Naturparke im Bayerischen Wald wieder dabei. Christina Wibmer hat sich für die Bewerbung noch einmal ins Zeug gelegt. Sollte der Bayerische Wald erneut gewinnen, wäre das ein verspätetes Abschiedsgeschenk für sie. Die Aufgabe, mehr Menschen zur Anreise mit dem Zug zu motivieren, müssen ihre Nachfolger angehen.    

Benjamin Kühne

Mehr Infos: www.nationalparkregion.de/guti.html

Nachhaltig ins Grüne reisen

Fahrtziel Natur ist eine Kooperation der Umweltverbände BUND, NABU und VCD mit der Deutschen Bahn. Nationalparke, Naturparke und Biosphärenreservate, die mit der Bahn erreichbar sind und den Gästen durch ein gutes öffentliches Nahverkehrsangebot Urlaub ohne Auto ermöglichen, können Fahrtziel-Natur-Gebiete werden. 22 Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – darunter der Bayerische Wald – sind Teil des Netzwerks. Fahrtziel Natur bewirbt die Anreise in die Gebiete mit dem Zug. Die Umweltverbände beraten die Verantwortlichen der Gebiete, wie sie die Mobilität vor Ort nachhaltig verbessern können. Mit dem Fahrtziel-Natur-Award werden alle zwei Jahre Gebiete ausgezeichnet, die ihre umweltfreundlichen, klimaschonenden Mobilitätsangebote besonders vorantreiben.

www.fahrtziel-natur.de

fairkehr 2/2017

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