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Titel 3/2014

Durch Dhaka rollt eine Revolution

In Bangladesch setzen junge Leute das scheinbar Unmögliche in die Tat um: Sie bringen das Fahrrad zurück auf die Straßen.

Foto: Aminul Haque ShafaiyatDemonstrieren für das Radfahren in Bangladesch: Die facebook-Gruppe Mohammadpur Cyclists feiert ihren zweiten Geburtstag.

Sie sind jung, gut ausgebildet und wollen etwas verändern: Die Mitglieder der Gruppe BDCyclists wollen das Fahrradfahren in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, populär machen. Vor drei Jahren im sozialen Netzwerk facebook gegründet, hat die Gruppe mittlerweile mehr als 38000 Mitglieder – mit vielen kleineren Untergruppen. Die Bangladeshi Cyclists, wie sie sich nennen, sind als Pioniere unglaublich aktiv. „Wir fahren unsere täglichen Wege mit dem Fahrrad und veranstalten monatlich „Critical mass“-Touren“, sagt Fuad. Der 30-jährige Grafiker moderiert die Gruppe und erzählt, dass regelmäßig mehrere Hundert Fahrradbegeisterte teilnehmen. Daneben organisieren die BDCyclists Radtouren, bieten Kurse und Trainings für Anfänger an und unternehmen am Wochenende Radausflüge ins Umland der 15-Millionen-Einwohner-Megastadt.Denn das Verkehrschaos auf den Straßen der bangladeschischen Hauptstadt ist für europäische Augen unfassbar. Dreirädrige Motorradtaxis stehen auf der Mirpur Road, einer der Hauptverkehrsstraßen Dhakas, eingeklemmt zwischen heillos überfüllten Bussen. Autos kämpfen sich zentimeterweise vor, von allen Seiten versuchen sich weitere in die Straße einzufädeln. Rostige Lastwagen drängen Rikschafahrer aus dem Weg, deren Insassen den Stillstand stoisch ertragen. Dazwischen laufen Fußgänger. Mitten im Tumult steht ein wild mit den Armen rudernder Polizist auf verlorenem Posten. „Jetzt weißt du, warum wir Radfahrer sind“, ruft Mahmud. „Mit dem Fahrrad sind wir frei – und einfach schneller.“ Früher mit dem Bus habe er über eine Stunde für die wenigen Kilometer von zuhause ins Büro gebraucht. Mit dem Rad fährt der junge Bankmanager die Strecke in zwanzig Minuten.

Mit Stolz und Vergnügen

Für heute haben Ridwan, ein Bauingenieur, und sein Freund Arif, der einen Fahrradladen in der Altstadt betreibt, die Feierabendtour „Welcome to Bangladesh“ ins Leben gerufen und online gestellt. Etwas 25 Angehörige der facebook-Gruppe Mohammadpur Cyclists sind dem Aufruf spontan gefolgt und erscheinen um 19 Uhr zum Treffpunkt British Council , um die Gäste aus Deutschland zu begrüßen. Alle sind zwischen 20 und 35 Jahre alt: Mahmud kommt im Anzug direkt vom Job aus der Bank. Shafaiyat leitet eine Internetfirma und ist Fotograf. Abdullah arbeitet beim Film, Shariar ist Journalist, Omar hat Architektur studiert und Sohel stellt sich als Bike Doctor vor. Rahul hat gerade sein Pharmaziestudium beendet. Sie freuen sich, dass auch eine Frau dabei ist: die Kunststudentin Bithi. In der muslimisch geprägten Gesellschaft Bangladeschs hat das Fahrradfieber die Mädchen noch nicht so stark ergriffen wie die jungen Männer. Alle tragen Helme und begutachten mit Stolz und großem Vergnügen ihre schicken Räder, meistens Modelle amerikanischer oder europäischer Herkunft. Um zu beweisen, dass man im Chaos dieser verstopften Stadt tatsächlich Rad fahren kann, haben sie Fahrräder und Helme für die Besucher mitgebracht.

Foto: Uta LinnertKein Vorankommen: Das tägliche Verkehrschaos auf den Straßen von Dhaka ist für europäische Augen unfassbar.

Im vergleichsweise ruhigen Universitätsviertel dürfen nur wenige Autos durch die von Bäumen gesäumten Straßen fahren. Rikschas dominieren, die meisten Studenten sind zu Fuß unterwegs. Die Gruppe fährt zügig und ist gut eingespielt. „Vorsicht! Breaker!“, rufen sie sich zu, wenn alle paar Hundert Meter eine kantige Schwelle im Boden das Tempo un­­sanft drosselt. Alle fahren Mountainbikes, obwohl die Stadt nur wenige Me­ter über dem Meeresspiegel liegt. „Das hier ist offroad“, sagt Bithi und lacht, „wir müssen über Sand, durch Schlaglöcher, über geflickten Asphalt und Stufen fahren können.“

In der Mirpur Road schlägt der Gruppe das unglaubliche Getöse aus Hupen, Klingeln und Kreischen entgegen. Von den Gerüsten der gigantischen Baustellen entlang der Nord-Süd-Achse der Stadt, wo Häuserblöcke links und rechts in die Höhe wachsen, mischt sich Hämmern und Bohren in den Verkehrslärm. Es ist heiß, staubig und riecht nach brennendem Müll. Trotz aller Bewegung: Gesund kann das hier nicht sein. „Natürlich inhalieren wir Radfahrer den ganzen Dreck“, sagt Ali, der schon alle Provinzen Bangladeschs mit dem Fahrrad erkundet hat, „der Ruß der Laster findet auch die, die eingeklemmt im Bus sitzen“, sagt er. „Jeder, der Fahrrad fährt, trägt dazu bei, dass es besser wird.“

Auf dem Rad am Stau vorbei

Die Radfahrer kämpfen mit allen anderen um den wenigen Platz, schlängeln sich, wo es geht, am Stau vorbei. Radwege gibt es natürlich keine. Wird es zu eng, springen sie ab, schultern das Bike und laufen ein Stück oberhalb der Bordsteinkante auf unebenem Terrain zwischen Fußgängern und abgestelltem Unrat. Doch sobald der Stau der Kreuzung vorbei ist, spielen sie ihren Vorteil aus: „Go, go, go“, feuern sich alle gegenseitig an. Die Freude über das freie Stück Straße ist riesengroß.

Dhaka ist eine der am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt. 15 Millio­nen Einwohner leben auf engstem Raum und täglich, heißt es, kommen etwa 1400 Menschen dazu. Sie verlassen ihre Dörfer und siedeln irgendwo in der Stadt, weil sich Fabriken und Arbeitsplätze des Landes in der Hauptstadt konzentrieren. Im nächsten Jahrzehnt könnte die Bevölkerung der Megacity auf 20 Millionen angewachsen sein. Bereits jetzt ist die Infrastruktur heillos überfordert.

Foto: privat

„Der schreckliche Verkehr und die zu allen Tageszeiten verstopften Straßen sind eines der größten Hindernisse für Bangladesch, sich zu entwickeln“, glaubt Ekram Ullah, der heute ebenfalls das Radfahren testet. Normalerweise ist der 50-jährige Geschäftsmann mit Auto und Fahrer unterwegs. „Ich verbringe endlose Stunden am Tag mit Autofahrten, sitze gefangen hinten im Wagen und kann nicht sagen, wann ich ankomme. Viele Termine platzen, weil sich alle verspäten, man kann nichts planen, sondern ist diesem Stillstand hilflos ausgeliefert“, klagt er. Der Unternehmer, der seit vielen Jahren beruflich zwischen Bangladesch und Deutschland hin und her pendelt, hielt Fahrradfahren in seiner Heimatstadt bislang für unmöglich. Fahrrad ist er in Dhaka seit seiner Kindheit nicht mehr gefahren.

„Wir wollen der autobesitzenden Klasse die Stadt nicht überlassen“, heißt es auf der Homepage der BDCyclists. Und: „Wir zeigen den Menschen, dass das Fahrrad für ihre tägliche Mobiliät völlig ausreicht.“ „Gäbe es sichere Wege, wäre das Rad für den größten Teil der Bevölkerung ein perfektes und preiswertes Verkehrsmittel“, sagt Fuad als Repräsentant der jungen Radbewegung. Mit dem Verkehrsminister sei man mittlerweile im Gespräch.

Auf neue Infrastruktur können und wollen die BDCyclists aber nicht warten. Sie haben begonnen, Informationsnachmittage für Näherinnen in Textilfabriken zu veranstalten. „Neulich hat ein Lebensmittelhersteller eine Mahlzeit finanziert und wir konnten Fahrräder zeigen und haben Probefahrten angeboten“, erzählt Fahrradhändler Arif. Einige der Frauen hätten sich danach für einen kostenlosen Radfahrkurs angemeldet – denn der Unterricht ist wie alles, was die BDCyclists organisieren, ehrenamtlich.

Sie haben eine Mission

Bei alldem scheren sich die neuen Radfahrer wenig um gesellschaftliche Konventionen. „Das Image des Fahrrads als Verkehrsmittel der armen Leute haben wir hinter uns gelassen“, sagt Fuad. Im Gegenteil: Es sind vergleichsweise gut situierte junge Menschen, die den neuen Trend bestimmen, die sich ganz bewusst kein Auto kaufen, sondern ein gutes Fahrrad. Durch ihre Präsenz auf den Straßen zeigen sie stolz, wie wichtig ihnen die neu entdeckte Mobilität ist.

Foto: Sirajus Salekin PavelSie wollen den Menschen zeigen, dass das Fahrrad für ihre tägliche Mobilität völlig ausreicht.

Auch einige Arbeitgeber haben es begriffen. Erste Firmen, Banken und Telekommunikationsbetriebe haben begonnen, Fahrradparkplätze einzurichten“, sagt Mahmud. „Es ist eine gute Werbung, wenn meine Kollegen mich mit dem Rad sehen. Einige habe ich schon angesteckt und sie folgen meinem Beispiel“, sagt der junge Bankmanager, dessen Chef ihm erlaubt, sein High-Tech-Rad neben dem Schreibtisch abzustellen.

Für Ridwan und Arid, die Initiatoren der heutigen Radtour, ist die Gemeinschaft untereinander das Wichtigste. Auf facebook laden sie sich zu Touren ein, geben Tipps, diskutieren Ziele, laden Bilder und Videos hoch. „Ich bin ein glücklicher Mensch, seit ich das Fahrradfahren entdeckt habe. Es hat mein Leben verändert“, sagt der junge Bauingenieur und strahlt übers ganze Gesicht. Viele soziale Bindungen seien durch das Radfahren entstanden. „In unserer Gesellschaft gibt es wenig Ausgleich zur Arbeit. Am Wochenende hingen wir rum, jetzt fahren wir Fahrrad“, erzählt er.
„3 years of a Change“ ist das Motto ihres Plakates für die Fotoausstellung, mit der die Radfahrer selbstbewusst zeigen, dass sie seit drei Jahren auf dem Weg sind, aus Dhaka eine Fahrradstadt zu machen. „Wir kommen diesem Ziel näher“, sagt Fuad.

Am Anfang seien die ersten Radfahrer belacht worden, „jetzt sind wir 38000 und werden langsam ernst genommen. Wenn wir 500000 sind, kommt die Politik nicht mehr an uns vorbei“, sagt er. Zum Nationalfeiertag des Landes Mitte Dezember radelten 4500 Radfahrerinnen und Radfahrer in den Nationalfarben gemeinsam durch die Stadt. Auch am Unabhängigkeitstag im März fuhren sie in einem kilometerlangen Verband und zeigten den Menschen und der Stadt, wieviele sie schon sind und wie viel Spaß Radfahren macht. So geht Werbung für den Wandel.

Uta Linnert

fairkehr 5/2018