fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

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Titel 3/2011

Vernetzt leben

Für immer mehr junge Menschen steht der Besitz eines eigenen Autos nicht mehr an erster Stelle ihrer Wünsche.

Foto: Marcus Gloger

fairkehr: Wir schauen in die Zukunft und lassen Abiturienten des Jahrgangs 2020 auf dem Fahrrad rumfahren statt mit dem ers­ten Auto. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?
Stefan Bratzel: Wir entwickeln uns in diese Richtung. Dass gerade die junge Generation weniger vom Auto emotionalisiert ist und ein eher rationaleres Verhältnis zu Verkehrsmitteln entwickelt, halte ich für sehr realistisch.

Ist das Auto dabei, seine Stellung als Statussymbol zu verlieren?
Es sind Tendenzen messbar, die eine Erodierung des Statussymbols Auto erkennen lassen. Bei fast einem Drittel der 18- bis 25-Jährigen spielen Emotionen in Bezug aufs Auto praktisch keine Rolle mehr. Es wird zum reinen Gebrauchsgegenstand.

Wie messen Sie Emotionalität?
Wir haben junge Menschen gefragt, inwieweit sie bereit sind, fürs eigene Auto auf etwas anderes zu verzichten. Die wenigsten würden auf die Altersversorgung verzichten, auch nicht auf die eigene Wohnung. Am ehesten noch auf eine teure Reise. Am Interessantesten ist aber, dass jeder Dritte überhaupt nicht mehr bereit ist, auf etwas zu verzichten, um sich ein teures Auto leisten zu können.

Wer sind diese jungen Leute?
Sie leben in Städten, in denen die ÖPNV-Infrastruktur relativ gut ist, weniger auf dem Land. Gute ÖPNV-Verbindungen sind jungen Menschen wichtig. Das hat mich ein bisschen überrascht.

Warum ist das so?
Automobilität ist sehr viel teurer geworden als noch vor 20 Jahren. Und die Unbequemlichkeiten haben zugenommen. Staus und Parkplatzsuche sind Ärgernisse, die das Autofahren unattraktiv machen. Beim Thema Umwelt ist das Auto negativ besetzt. Zu diesem Image hat die Automobilindustrie selbst beigetragen, weil sie sich bis noch vor drei Jahren gegen Schadstoffbegrenzungen, Verbrauchssenkung und neue Technologien gewehrt hat. Jugendliche sind sensibel für solche Themen. Nicht zuletzt hat die Jugend heute andere Interessen und Fetische: Mobiltelefone oder Computer sind ihnen wichtiger als Autos. 60 Prozent könnten sich vorstellen, einen Monat aufs Autofahren zu verzichten, nicht aber aufs Handy oder aufs Internet.

Wie nutzen junge Menschen das Auto?
Pragmatischer als früher. Die junge Generation fährt einfach weniger Auto. Nur noch 53 Prozent der von uns befragten 18- bis 25-Jährigen besitzen ein eigenes Auto. Folgt man den Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes, sinkt die Motorisierungsrate bei deutschen Männern drastisch, gegenüber dem Jahr 2000 um 34 Prozent. Besaß vor zehn Jahren noch jeder zweite Mann unter 30 ein eigenes Auto, ist es heute nur noch jeder dritte.

Wo geht die Reise hin? Wie wird es in 20 Jahren aussehen?
Ein Auto, das 23 Stunden am Tag rumsteht, können sich tendenziell immer weniger Menschen leisten. Nicht nur das Auto, auch der Platz wird knapper und teurer. Neue Nutzungskonzepte werden sich verbreiten. Die Automobilindustrie arbeitet an einem vernetzten Auto.

Was ist ein vernetztes Auto?
Die Autos sind mit dem Internet und untereinander verbunden. Das bringt Vorteile im Unterhaltungsbereich, bei der Kommunikation, der Verkehrslenkung und in puncto Sicherheit.

Foto: Ulrich-Zillmann.deProf. Stefan Bratzel (44) ist Direktor des Center of Automotive (CoA) an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Unter seiner ­Leitung sind in den letzten Jahren mehrere Studien zum Thema ­„Jugend und Automobil“ erschienen.

Darüber ließen sich auch Mitfahrgelegenheiten arrangieren. Oder hat die Industrie daran kein Interesse?
Die Automobilindustrie testet solche Angebote und beobachtet, was sich tut. Definitiv geht es aber in erster Linie darum, Autofahren attraktiver zu machen.

Welche Autos werden junge Leute in Zukunft fahren?
Durch die Elektromobilität ergeben sich neue Chancen. E-Autos werden noch mal teurer als heutige Autos und in neue Nutzungskonzepte eingebunden sein. Aufgrund der begrenzteren Reichweite müssen Elektroautos mit anderen Verkehrsmitteln verknüpft werden. Das Thema Vernetzung ist also mit angelegt: Ich muss per Smartphone eine Aufladestation suchen, einen Tankplatz reservieren, denn das Tanken dauert länger, andere Verkehrsmittel für weite Strecken buchen. Für junge Menschen ist vernetztes Denken kein Problem. Sie leben schon heute in Netzwerken und finden es cool.

Interview: Uta Linnert

fairkehr 1/2021