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Titel 3/2015

Der Schein trügt

Deutsche Kreuzfahrtunternehmen gehen auf Umweltkurs. Giftiges Schweröl als Kraftstoff ­verwenden sie trotzdem weiter. Die Kunden kümmert das alles wenig. Sie buchen wie verrückt.

Foto: Christian OeserDie Anbieter von Kreuzschifffahrtreisen verkaufen die heile Welt aus unberührter Natur, frischer Seeluft und glänzender Unterhaltung.

Das Thema ist in der Politik angekommen. Die grüne Bundestagsfraktion lädt zum Fachgespräch „Kreuzschifffahrten – sicher und öko?“ nach Berlin ein. Auf dem Podium sitzt Monika Griefhahn. Die ehemalige Aktivistin und Mitbegründerin von Greenpeace Deutschland hat die Boote gewechselt. Sie ist jetzt Umweltdirektorin von Aida-Cruises und wird später Maßnahmen vorstellen, mit denen das Rostocker Kreuzfahrtunternehmen seine Schiffe sauberer machen will. Denn die Branche hat ein Umweltproblem.

Ihre weißen Flotten sind in Wirklichkeit rußende Dreckschleudern. Kreuzfahrtschiffe fahren auf hoher See mit hochgiftigem Schweröl, einem Abfallprodukt der Mineralölindustrie. Das ist gefährlich für Menschen, Klima und Ökosysteme, denn die Schiffsmotoren setzen bei der Verbrennung giftige Abgase frei: Schwefel- und Stickoxide, krebserregende Feinstaubpartikel und Schwermetalle steigen als schwarzgelber Rauch aus den Schloten. Allein der Schwefelanteil liegt um das 3500-fache höher als bei Dieselautos oder Lastwagen. „Einen Stickoxidkatalysator und einen Rußpartikelfilter, wie sie bei Diesel-Pkw und Lkw seit Jahren Standard sind, sucht man bei Kreuzfahrtschiffen meistens vergebens“, sagt Dietmar Oeliger, Leiter der Verkehrspolitik beim NABU-Bundesverband. Die Naturschutzorganisation beobachtet seit Jahren die Kreuzschifffahrtbranche und prangert mit der Kampagne „Mir stinkt’s“ die krassen Umweltverschmutzer an.

Dabei hätten gerade die Reedereien der Kreuzfahrtschiffe eine besondere Verantwortung. Sie transportieren keine Waren, sondern Menschen, sie fahren durch ökologisch besonders sensible Regionen, dicht entlang der Küsten, und legen mitten in Städten an. Ein Blick auf die Werbeseiten zeigt, was die Kunden sehen wollen: großartige Landschaften, intakte Natur, klares Wasser und weiße Gletscher. Doch ausgerechnet die rußenden Schiffe zerstören ihr eigenes Kapital und qualmen schmutzige Rauchfahnen in die reine Seeluft.

Jedes Jahr mehr Passagiere

Die Kreuzfahrtbranche ist eine globale Industrie im Aufwind. Fast 1,8 Millionen Menschen haben 2014 hierzulande eine Hochseekreuzfahrt gebucht, weltweit suchten mehr als 22 Millionen Passagiere auf einem der über 500 Luxusliner ihr Urlaubsglück. Und jedes Jahr werden es mehr. Typische Kreuzfahrtpassagiere sind älter als 50 Jahre alt, wohlhabend und vor allem am Essen interessiert. „Nur wenige Stunden am Tag sind die Büfetts geschlossen“, erzählt ein Urlauber, der gerade von einer Atlantiküberquerung auf einem US-amerikanischen Vergnügungsschiff zurückgekehrt ist. „Die meiste Zeit verbringen die Passagiere damit, sich ihre Teller vollzuladen“, sagt der 40-Jährige. Umweltschutzaufklärung finde im Abspielen eines Videos über die vorbildliche Mülltrennung an Bord statt.

Fragen nach Antriebsart und Rußfiltern stellen die Passagiere in der Regel nicht. „Umweltschutz ist für uns kein Verkaufsargument“, sagt Godja Sönnichsen, Pressesprecherin der Hamburger Reederei Tui Cruises, „aber eine Selbstverständlichkeit.“ Das noch junge Unternehmen setzt bei seinen Vergnügungsdampfern „Mein Schiff 3“ und „Mein Schiff 4“ trotzdem weiter auf Schweröl, hat sie aber mit einem neuartigen Abgasreinigungssystem ausgestattet. Sönnichsen bestreitet nicht, dass bei der Entscheidung für den Kraftstoff Schweröl auch ökonomische Aspekte eine Rolle spielen.

Foto: Fritz Hertel Jährlich besuchen Zehntausende die Antarktis. Der Großteil der Besucher erreicht die Polregion per Diesel-Schiff, dessen Ruß sich als Grauschleier auf dem Eis ablagert.

Laut Tui Cruises sorgt die Entschwefelungsanlage an Bord für bis zu 99 Prozent weniger Schwefelemissionen. Die herausgewaschenen Schadstoffe würden an Bord gesammelt und an Land fachgerecht entsorgt und nicht, wie auf vielen Schiffen mit offenen Systemen üblich, ins Meerwasser gespült. Die für die Versauerung von Meer und Böden verantwortlichen Stickoxide reduziere ein Katalysator um bis zu 75 Prozent. Auch die Rußpartikel seien um 60 Prozent vermindert.

Energieverbrauch reduzieren

Auch sonst tut Tui Cruises einiges, um die Umweltbilanz seiner Flotte zu verbessern. „Unsere neuen Schiffe kommen mit rund 30 Prozent weniger Energie aus als vergleichbare Schiffe ihrer Klasse“, sagt Sprecherin Sönnichsen. Bei 2500 Urlaubern und 1000 Angestellen an Bord, Bars, Restaurants, Theater und Ballsälen auf 15 Decks und fast 300 Metern Schiffslänge haben die schwimmenden All-inclusive-Hotels die Größe und den Energieverbrauch eines größeren deutschen Dorfes. Beim Energiesparen an Bord helfen laut Firmeninfo effiziente Klimaanlagen,die Abwärmenutzung der Motoren, Energiesparbirnen oder der Verzicht auf Minibars in den Kabinen. Die Optimierung der Rumpfform des Schiffes und ein Unterwasseranstrich, der den Reibungswiderstand des Wassers senkt, sollen ebenfalls zum Spritsparen beitragen.

Auch die Reederei Aida sieht sich auf Umweltkurs und hat dafür Monika Griefhahn, die ehemalige Greenpeace-Frau, als Sprecherin angeheuert. „Wir haben das 3-Liter-Schiff“ preist sie auf der Grünen-Tagung das neueste Schiff „Aida Prima“ an. Es sticht im Oktober in See und absolviert seine Jungfernfahrt von Japan zum Heimathafen Hamburg. Wie Griefhahn auf diesen niedrigen Spritverbrauch kommt, ist nicht nachvollziehbar. Eke Eijgelaar, Wissenschaftler an der niederländischen Fachhochschule NHTV Breda, hat ausgerechnet, dass der CO2-Ausstoß pro Passagier und Kilometer auf einem durchschnittlichen Kreuzfahrtschiff drei- bis sechsmal so hoch ist wie bei einem Pkw und die CO2-Emissionen pro Gast und Nacht neunmal höher sind als im Hotel (siehe Infografik).

 „Unser neuestes Schiff kann neben herkömmlichen Schiffstreibstoffen auch mit umweltfreundlichem Flüssiggas fahren“, erläutert Griefhahn die Vorzüge der neuen Flotte. Zumindest in den Häfen sei das geplant. Denn auch am Kai verbraucht der Hotel- und Freizeitbetrieb große Mengen Energie. Wo es möglich ist, können die Aida-Schiffe mit Landstrom versorgt werden, damit die Motoren nicht weiterdieseln müssen. Hamburg baut zurzeit als einer der ersten Häfen eine Landstromversorgung für Kreuzfahrtschiffe auf, um Anwohner vor Ruß und Abgasen zu bewahren. In den meisten Häfen der Welt laufen die Schiffsmotoren Tag und Nacht durch.

Schweröl trübt die Umweltbilanz

Der NABU erkennt die Bemühungen der deutschen Reedereien an und räumt deren neuen Schiffen in seiner Umweltrangliste die vorderen Plätze ein. Zufrieden ist der NABU trotzdem nicht. „Die machen einen riesigen Wirbel, wenn sie einen fair gehandelten Teppich verlegen“, sagt Sprecher Oeliger. Dass sie „das Maximum des heute technisch Machbaren“ ausschöpfen, wie die Unternehmen sagen, hält er für völligen Quatsch. „Das sind einzelne graue Schafe unter lauter schwarzen Schafen“, sagt Oeliger. „Die Gefahren für Mensch und Umwelt lassen sich nur vermeiden, wenn die Reeder ihre Profitgier über Bord werfen und statt des billigen Schweröls gereinigten Marinediesel tanken.“ Dann könnten endlich eine zeitgemäße Abgastechnik zum Einsatz kommen und die nötigen Rußpartikelfilter eingebaut werden.

Der NABU fordert, Schweröl als Treibstoff generell zu verbieten und stattdessen nur noch schwefelarmen Diesel zuzulassen und zukünftig auf Flüssiggas (LNG) umzustellen. Damit wäre auch den Arbeitskräften im Maschinenraum gedient. Die Männer, die in der Regel aus Billiglohnländern Asiens stammen, müssen die hochgiftigen Abgase aus dem Schweröl einatmen.

Foto: Fritz HertelKreuzschifffahrttouristen gehen in der Antarktis mit Schlauchbooten auf Eisbergsafari. Nur an einigen ausgewiesenen Plätzen dürfen sie an Land gehen, um das empfindliche Ökosystem nicht zu schädigen.

Keine Tour empfehlenswert

Der teurere Marinediesel ist die umweltschonendere Alternative zum giftigen Schweröl. Sein Schwefelanteil ist immer noch 100-mal höher als beim Lkw, aber den meisten Dreck und Schwefel haben die Raffinerien rausgeholt. Auf diesen Sprit stellen die Kreuzfahrtkapitäne um, wenn sie in Gewässer fahren, in denen strengere Grenzwerte gelten. Das sind die ausgewiesenen Umweltzonen der Nord- und Ostsee, der Ärmelkanal und die Küsten Nordamerikas. Wer keinen Marinediesel bunkert, muss in den kontrollierten Gebieten sogenannte Scrubber einsetzen. Das sind Abgasreinigungssysteme, die einen Teil des Schwefels aus den Abgasen herauswaschen. In die Antarktis und die Gewässer um Spitzbergen darf seit 2011 kein Schweröl mehr mitgeführt werden. Die Seefahrtorganisation der Vereinten Nationen (IMO) will damit schweren Umweltschäden im Falle eines Lecks vorbeugen. Leider gilt das nicht für alle polaren Seerouten, beispielsweise nicht für die Arktis.

Auf dem Berliner Fachgespräch erzählt die frühere grüne Bundesministerin für Verbraucherschutz, Renate Künast, von ihrer eigenen Kreuzfahrtreise im letzten Jahr. Sie habe sich auf ein „vergleichsweise kleines Boot von Vancouver nach Alaska und zurück“ eingeschifft und sei dem Andrang am Büfett durch antizyklisches Verhalten entkommen. „Zugegeben, die Reise war der gelebte Widerspruch“, sagt sie, „vom Deck aus die Aussicht auf dichte Urwälder, schneebedeckte Berge ziehen vorbei, hin und wieder Wale – und dazu der Blick zurück auf den rußenden Schonrnstein.“ Grünen-Politikerin Künast fordert die anwesenden deutschen Unternehmen auf, als erste „einen grünen Punkt auf ihr Produkt zu kleben“ und sich am Markt mit einem Umweltvorteil zu positionieren.

„Aus gesundheitlichen Gründen ist zurzeit auf keinem Kreuzfahrtschiff Urlaub ratsam“, sagt Axel Friedrich, Experte für Luftreinhaltung und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des VCD. Er weist darauf hin, dass die Weltgesundheitsorganisation Rußpartikel aus Dieselmotoren mit der Giftigkeit von Asbest auf eine Stufe gestellt hat. Auch NABU-Schiffsexperte Oelinger möchte ausdrücklich keine Kreuzfahrttour empfehlen: „Wenn Sie unbedingt darauf bestehen, eine Kreuzfahrt machen zu wollen, dann würde ich im Moment tatsächlich auf ein Schiff der Bestplazierten unseres Rankings gehen. Aber keiner soll sich vorstellen, dass er auf einem Kreuzfahrtschiff umweltfreundlich Urlaub macht, davon ist man weit entfernt.

Uta Linnert

fairkehr 6/2016

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