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Titel 2/2017

Steig' auf!

Radfahrer sind wacher, gesünder, entspannter und leistungsfähiger – alles, was sich Arbeit-geber wünschen. Dennoch wird der Siegeszug des Rads auf Arbeitswegen von vielen Seiten gebremst.

Foto: Marcus GlogerRadfahrer sind wacher, gesünder, entspannter und leistungsfähiger – alles, was sich Arbeit-geber wünschen. Dennoch wird der Siegeszug des Rads auf Arbeitswegen von vielen Seiten gebremst.

Herr Müller bekommt von seinem Arbeitgeber ein Fahrrad zum Leasing angeboten. Die Raten werden ihm lohnsteuerfrei vom Bruttogehalt abgezogen. Sehr gut, findet Herr Müller. Statt des ganz normalen Herrenrads, das er sich privat gekauft hätte, hat er sich dank Steuerersparnis und günstiger Ratenzahlung ein schickes Pedelec angeschafft, mit dem er jetzt täglich zur Arbeit radelt.

Gar nicht gut, finden die Gewerkschaften. Sie versuchen nach Kräften, das Dienstrad-Modell zu unterbinden. Dafür legen sie sich mit dem Dienstleister LeaseRad an, der Firmen bei der Einführung des Dienstrad-Modells unterstützt, mit der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg (AGFK-BW) und mit dem VCD. Der Grund für den Widerstand gegen etwas so Harmloses wie ein Fahrrad: Wer den Bruttolohn kürzt, kürzt auch Rentenansprüche und Sozialabgaben – auch wenn es bei der Lohnumwandlung fürs Rad im Rahmen des Dienstradmodells monatlich nur um Minimalbeträge geht.

Frau Schmitt bekommt von ihrem Arbeitgeber kein Fahrrad zum Leasing angeboten, obwohl er möchte und sie möchte. Hier steht dem Glück der Beteiligten ebenfalls die Gewerkschaft im Weg. Frau Schmitt ist eine von 73000 Angestellten des Landes Baden-Württemberg und wird nach dem Tarifvertrag für Landesangestellte (TV-L) bezahlt. Im TV-L ist festgeschrieben, dass eine Umwandlung des Bruttolohns in Sachleistungen – wie zum Beispiel einen Dienstwagen oder ein Dienstrad – grundsätzlich nicht möglich ist. Erst kürzlich haben die Tarifgemeinschaft der Länder und die Gewerkschaften über den TV-L verhandelt. Eine Regelung zum Leasen eines Fahrrads haben sie bis Ende 2018 erst mal ausgeschlossen.

Gisela Splett ist Staatssekretärin im Finanzministerium in Baden-Württemberg. Sie möchte nun wenigstens für die 184000 Beamtinnen und Beamten im Land die Möglichkeit schaffen, ein Dienstrad zu bekommen.

Das könnte sie direkt im Besoldungsrecht des Landes verankern. „Das Fahrrad ist nicht nur ein vergleichsweise kostengünstiges, sondern vor allem ein nachhaltiges Verkehrsmittel. Es hilft dem Klima und hält außerdem noch fit“, begründet Splett ihren Vorstoß. „Deshalb möchten wir Anreize schaffen, damit mehr Menschen aufs Fahrrad umsteigen. Was läge da näher, als bei den Beschäftigten des Landes anzufangen? Leider ist in der aktuellen Tarifeinigung für die Angestellten der Länder keine Regelung zum Rad-Leasing vorgesehen. Deshalb konzentrieren wir uns nun zunächst darauf, den Beamtinnen und Beamten des Landes Baden-Württemberg die Möglichkeit einzuräumen. Daran arbeiten wir.“

VCD-Vorstandsvorsitzender Wasilis von Rauch versteht die Kontrahaltung der Gewerkschaften nicht. Nach seiner Erfahrung sind es oft die gewerkschaftsnahen Betriebsräte, von denen der Impuls kommt, ein Dienstrad einzuführen. „Die Gewerkschaften würden sich und ihren Mitgliedern einen Riesengefallen tun, wenn sie sich in diese Debatte konstruktiv einbringen und ihre Verhandlungsmacht positiv nutzen würden, zum Beispiel um Zuschüsse der Arbeitgeber zu fordern, statt einfach dagegen zu sein“, sagt er. „Ein anderer Weg wäre ein Mobilitätsbudget, aus dem sich jeder Mitarbeiter nach persönlichen Vorlieben sein klimaschonendes multimodales Angebot zusammenstellen kann. Statt Dienstwagen und kostenlosem Parkplatz gibt es dann ein Dienstrad und ein Jobticket. Das wäre ein sinnvolles Verhandlungsziel.“

Erfolgreiche Lobbyarbeit

Die gute Nachricht: Viele Firmen haben das Thema Dienstrad längst für sich entdeckt und nutzen die Vorteile, die es bietet. „Die Nachfrage ist riesig“, sagt LeaseRad-Geschäftsführer Holger Tumat. Seine Firma unterstützt Unternehmen dabei, das Dienstrad-Modell für ihre Mitarbeiter einzuführen. Dass dies überhaupt möglich ist, ist ein großer Lobbyerfolg, an dem der VCD maßgeblich beteiligt war. „Wir haben diesen Stein 2008 gemeinsam mit LeaseRad und anderen Verbänden ins Rollen gebracht und sind begeistert, wie positiv das Angebot inzwischen aufgenommen wird“, sagt von Rauch. 2012 haben die Landesfinanzminister auf die überzeugende Lobbyarbeit des Aktionsbündnisses reagiert und die für Dienstwagen geltende Gesetzgebung endlich auch auf Diensträder ausgeweitet. Seitdem bieten über 3500 Arbeitgeber mit mehr als einer Million Mitarbeitern bundesweit allein über den Partner LeaseRad GmbH Diensträder an. Mitbewerber mein-dienstrad.de verleaste 2016 rund 3000 Fahrräder. Das Unternehmen erwartet für das laufende Geschäftsjahr eine Verdreifachung der Zahl. Zu den Kunden gehören große Aktiengesellschaften wie die Deutsche Bahn, die REWE Gruppe und SAP genauso wie kleine und mittelständische Betriebe. Einige Firmen nehmen das Angebot einfach ins Personalportfolio auf – ganz nach dem Motto: Wenn das die Mitarbeiter ein bisschen glücklicher macht und es die Firma nichts kostet – warum nicht? Andere nutzen das Dienstrad-Angebot gezielt, um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Umsteigen vom Auto aufs Rad zu bewegen.

„Die Motivation für die Firmen ist meist eine ökonomische“, sagt Tumat. „Es ist günstiger, die Mitarbeiter vom Auto aufs Rad zu bekommen, als zusätzlich teure Parkfläche anzumieten. Außerdem hat es sich herumgesprochen, dass vor allem in sitzenden Berufen der Bewegungsmangel langfristig den Krankenstand erhöht. Wer täglich mit dem Rad zur Arbeit fährt, ist insgesamt fitter und deutlich weniger krank.“

Bessere Wege fürs Rad

Das Dienstradmodell ist eine attraktive Möglichkeit, Pendler zum Umsteigen aufs Rad zu motivieren – aber natürlich nicht die einzige. Kommunen und Firmen haben viele andere Stellschrauben, an denen sie drehen können und müssen, um das Fahrrad zum Lieblingsverkehrsmittel auf dem Weg zur Arbeit zu machen. Eine gute Infrastruktur für den Radverkehr ist eine unabdingbare Voraussetzung, um Pendlerströme in nennenswertem Maß umzulenken. Daher fordert der VCD sichere Wege, die breit genug sind für Pedelecs und Lastenräder, eine einheitliche und zuverlässige Ausschilderung, sichere und wettergeschützte Parkmöglichkeiten fürs Rad – sowohl auf dem Firmengelände als auch beispielsweise an Bus- und Bahnstationen. „Die Fahrrad-Infrastruktur muss fit gemacht werden für die Verkehrswende und daher komfortabler und für mehr Radverkehr ausgelegt sein“, sagt Wasilis von Rauch. „Bezieht man die Reichweiten von Pedelecs und überregionale Verbindungen in die Planung ein, ist das Wachstumspotenzial für den Radverkehr auf Arbeitswegen enorm.“ Bisher nutzen gerade mal acht Prozent der Arbeitnehmer das Rad, obwohl 50 Prozent der Arbeitswege unter zehn Kilometer und 80 Prozent unter 25 Kilometer lang sind. „Mit einem modernen Pedelec und guten Verbindungen eine gut zu bewältigende Entfernung“, so Rauch.

Um mehr Pendler aufs Rad zu holen, müssen Kommunen und Firmen eng zusammenarbeiten. Die besondere Herausforderung bei Pendlerströmen: Sie führen häufig über Gemeinde- oder Kreisgrenzen – je nachdem wo sich die attraktiven Wohngebiete und die großen Arbeitgeber befinden. Wer Pendlerströme effektiv beeinflussen möchte, muss daher groß denken und Kreis, Kommunen und die wichtigsten Arbeitgeber an einen Tisch bringen.

Der Rhein-Neckar-Kreis stellt sich dieser Aufgabe. Große Arbeitgeber wie SAP oder Heidelberger Druckmaschinen beschäftigen hier Tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von denen viele aus den Städten oder umliegenden Gemeinden zur Arbeit pendeln – oft über mehrere Gemeinde- und sogar Landesgrenzen hinweg. „Wenn wir als Landkreis beim Klimaschutz Vorreiter sein möchten, müssen wir mit den Arbeitgebern ins Gespräch kommen“, sagt Stefan Dallinger, Landrat im Rhein-Neckar-Kreis. „SAP beispielsweise bewirbt das Thema Radfahren offensiv und motiviert die Mitarbeiter. Das ist eine gute Voraussetzung für eine Zusammenarbeit. Der Arbeitgeber investiert in Abstellanlagen, Duschen und Umkleidemöglichkeiten, der Landkreis sorgt für gute Radverbindungen zum Betrieb.“

Schnelle Verbindung bevorzugt

Ein Blick in die Niederlande zeigt: Ein sehr wirksames Instrument, um Pendler zum Umsteigen vom Auto aufs Rad zu bewegen, sind Radschnellverbindungen. Die weitgehend kreuzungsfreien Radtrassen von wichtigen Wohngebieten zu Wirtschaftszentren oder Großfirmen mit hohen Mitarbeiterzahlen beweisen glaubwürdig, dass eine Region sich für ihre Fahrradpendler richtig ins Zeug legt. Daher lässt der Rhein-Neckar-Kreis aktuell eine Machbarkeitsstudie erstellen und eine 40 Kilometer lange Trasse von Heidelberg über Mannheim und Ludwigshafen bis ins rheinland-pfälzische Schifferstadt auf ihr Realisierungspotenzial überprüfen. Kommunale Verkehrskonzepte, das Mobilitätsmanagement großer Arbeitgeber und die Integration lokaler Wegenetze sind wichtige Aspekte der Gesamtplanung.

Hilfreich für die Region: Das Land Baden-Württemberg, das sich ehrgeizige Ziele für die Radverkehrsförderung gesetzt hat, übernimmt einen Teil der Kosten für die Machbarkeitsstudie.

Von weniger Autos profitieren

Auch bei anderen Maßnahmen der Radverkehrsförderung ist es sinnvoll, dass Firmen und Kommunen beziehungsweise Landkreise eng zusammenarbeiten. So ist beispielsweise ein Verfahren denkbar, bei dem Mitarbeiter unattraktive oder gar gefährliche Radwegeabschnitte per App auf einer Karte markieren und mit der Kommune über Verbesserungen verhandeln. Umgekehrt kann der Arbeitgeber seine Mitarbeiter auch über die besten Radverbindungen vom Wohnort zur Arbeitsstelle informieren.

50 Prozent der in Deutschland gekauften Neuwagen sind Dienstwagen. Das zeigt: Die Mitbestimmung der Firmen, was die Mobilität ihrer Mitarbeiter betrifft, ist nicht zu unterschätzen. Alternativ Diensträder statt Dienstwagen zu ermöglichen, fördert nicht nur den Radverkehr und die Gesundheit der Mitarbeiter, es reduziert auch direkt die Pkw-Nutzung auf dem Arbeitsweg. Davon profitieren die Kommunen und die Menschen.

Schön, dass diese Erkenntnis inzwischen wenigstens bei einzelnen Gewerkschaften angekommen ist. Als erste Gewerkschaft hat die Gewerkschaft der Volks- und Raiffeisenbanken im Dezember 2016 einen Tarifabschluss mit konkreter Öffnungsklausel fürs Dienstradprinzip unterzeichnet. Sie könnte damit Vorreiter sein für ein gewerkschaftliches Selbstverständnis, das nicht mehr den Tarif wie eine heilige Kuh schützt, sondern Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen unterstützt. Mit mehr Teilzeitarbeit, mehr Flexibilität hinsichtlich des Arbeitsorts, mehr Umweltbewusstsein und einer Mobilität, die sich endlich vom Auto befreit hat.

Regine Gwinner

fairkehr 5/2017

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