fairkehr VCD-Magazin für Umwelt, Verkehr, Freizeit und Reisen

Weiherstraße 38 | 53111 Bonn | Telefon (0228) 9 85 85-85 | www.fairkehr-magazin.de

Kolumne 4/2017

Ich bin total gescheitert

Beschleunigt der tonnenschwere Tesla eine klimafreundliche Verkehrspolitik?

Heute geht es ums Scheitern. „Rennradfahren ist das Yoga des älteren Mannes“, sage ich häufig zu meiner Frau, wenn ich gutgelaunt von einer Tour zurückkomme. Dabei war ich gescheitert, nämlich an der ein oder anderen Steigung wegen Sauerstoffknappheit und Schnappatmung. Ja, Scheitern gehört zum Leben, das lerne ich bei meinen Meditationen auf dem Rennrad.

Bin ich nicht ebenso in meinen Bemühungen um eine nachhaltige, klimafreundliche Verkehrspolitik gescheitert? Beim Rennrad-Yoga kam mir so ein Gedanke: Ich und viele Freunde des umweltfreundlichen Verkehrs haben schlichtweg versagt. Die parlamentarischen Mehrheiten der fossilen Autokratie mitsamt der politischen Macht von VW, Daimler und Co. sind immer noch ungebrochen. Der ÖPNV in Deutschland ist immer noch wenig ambitioniert, die Radinfrastruktur ein Witz.

Und da wir schon mal dabei sind, die Hosen runterzulassen: Meine Einschätzung, was den technologischen Wandel voranbringt, war komplett falsch. Ich dachte, EU-Vorgaben in Sachen CO2 würden helfen, ohne mich tatsächlich intensiv mit den Fragen der Vollzugskontrolle zu beschäftigen. Spritverbrauch? Bei bis zu 40 Prozent Abweichung zwischen Papier und Realverbrauch hätten die Pkw-Berater des VCD statt der Herstellerangaben auch ein Horoskop zur Hand nehmen können.

Ich dachte auch, gesellschaftliches Bewusstsein würde helfen. Ich habe die Leute in Sachen Klimaschutz vollgelabert von wegen Leben ohne Auto, Carsharing und Radfahren. Gescheitert! Denn wenn die Fahrt zur Arbeit mit dem Bus dreimal so lange dauert, hilft Bewusstsein nicht wirklich. Ebenso falsch: Ich habe als Politikwissenschaftler an die parlamentarische Demokratie geglaubt und auf die Aufklärung durch demokratische Gremien gesetzt. Leider habe ich mich dabei zu wenig ums Straf- und Verwaltungsrecht gekümmert. Falsche Berufswahl: Ich hätte Jura studieren müssen! Heute weiß ich, dass es tatsächlich was bringt, Prozesse zu führen. Werden die Städte von ihren demokratisch gewählten Stadträten gezwungen, endlich die Gesundheit ihrer Bürger zu schützen? Nein, sondern weil Gerichte und EU-Recht sie dazu zwingen.

Noch falscher: Ich dachte lange Zeit ein Luxus-Elektroauto wie der tonnenschwere Tesla, sei doch auch keine Lösung, weil eben kein ÖPNV, fossiler Strommix, Batterie und bla, bla, bla. Jedes Mal, wenn ich den Übergang zum Elektroauto fordere, bekomme ich dazu Leserbriefe. Nein, liebe Leute, wir haben uns getäuscht! Unser ÖPNV-Mantra hat die eigentliche Frage des fossilen Verkehrs nicht geknackt! Elon Musk, die Kultfigur hinter Tesla, ist es, der wahrscheinlich die weltweite Einführung der Elektromobilität um eine Dekade beschleunigt und dem Verbrennungsmotor den Todesstoß versetzt.

Das nennt man Disruption. Womit wir beim Wesentlichen wären, was uns gefehlt hat: um die Ecke denken. Richtig, ein Tesla ist noch kein nachhaltiger Verkehr. Aber das Elektroauto wird weitere Effekte auslösen. Die Macht der Autokratie kann nur durch Outsider geknackt werden! Ende des Diesels? Volvo ist nur wegen Tesla ins elektrische Lager übergelaufen. Es ist logisch, dass die Massenproduktion von Pkw-Batterien auch den Austausch der weltweiten Taxiflotten und der Dieselbusse beschleunigt. Auch der Fahrradverkehr profitiert davon mit günstigeren Pedelecs und der ÖPNV und die Boote! Logischerweise werden die Leute mit Eigenheim ihren Fahrstrom selbst auf dem Dach produzieren wollen. Das puscht die Photovoltaik und die erneuerbaren Energien. Und die Speicherung im Haushalt, die Sektoren­koppelung von Strom, Wärme und Mobilität werden explodieren. Merke: Scheitern hat eben auch seine guten Seiten, und über den Tellerrand hinauszuschauen tut richtig gut.   

Martin Unfried

Mehr von Martin Unfried auf www.oekotainment.eu

fairkehr 4/2017

Besondere Unterkünfte, außergewöhnliche Erlebnisse, Bilder und Orte, die im Gedächtnis bleiben: Das neue Reisemagazin Anderswo stellt nachhaltige Reisen mit hohem Erlebniswert und ohne Jetlag vor. Lesen Sie über Menschen, die an ganz besonderen Orten ganz besondere Urlaubserlebnisse geschaffen haben: vom einsamen Dorf am Polarkreis über das Literaturhotel in Kroatien bis zur Finca im Inselinnern auf Sizilien.