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Kolumne 1/2016

Konfrontieren mit Klimaschutzblech

Foto: boughbikes.com2016 möchte fairkehr-Autor Martin Unfried ein echtes Holzrad testen.

Erst die guten Vorsätze. Bei mir soll 2016 verkehrstechnisch ein Megafahrradjahr werden. Ich werde meine wildesten Fantasien ausleben und ein Holzfahrrad von Bough Bikes testen. Diese Schmuckstücke werden entworfen vom niederländischen Designer Jan Gunneweg. Ich möchte 2016 einen Tag edles Eichenmassivholz zwischen meinen Schenkeln spüren und die ganze Erotik des geschwungenen Rahmens fühlen. Holzfahrräder werden nämlich der Trend 2016, und da will ich wie immer Avantgarde sein.

Auch der Gepäckträger wird 2016 ein Comeback feiern, das Schutzblech und die Satteltasche, wie ich an Neujahr in Berlin gesehen habe. Der Hipster hat die Schnauze voll: immer diese dreckigen Hosen und Rückenschmerzen wegen Rucksack und Rennradlenker. Ich habe mir vorgenommen, diese positiven Entwicklungen mit meiner ganzen Schutzblecherfahrung zu unterstützen. Was ich mir außerdem vorgenommen habe: 100 Volksentscheide anzetteln in deutschen Groß-, Mittel- und Kleinstädten. Es reicht nämlich langsam mit der Zurückhaltung in Sachen Fahrradverkehr. Wie ich an dieser Stelle vor Wochen bereits erwähnte: Nirgends ist der Klimaschutz so ­gescheitert wie im Verkehrsbereich. Er steht heute mehr denn je ohne Klimaschutzblech da. Jetzt, wo deutlich ist, wie sehr die Autoindustrie die Konfrontation mit jeder aufrechten Klimaschützerin sucht, kann das Motto nur heißen: „Auffahrstrategie“. Das heißt, Kuscheln mit Autoindustrie und Betonpolitikern war gestern, jetzt wird konfrontiert.

Da wir allerdings im Jahre 2016 sind, ist das natürlich nicht so eine Retro-Konfrontation mit Demos, schlechter Laune und erregten Sprechchören. Die neue Konfrontation ist elegant, heiter, mit freundlichem Antlitz ­– wie ein Holzfahrrad. Was wir unter anderem brauchen, sind flächendeckend heitere Volksentscheide zum fahrradfreundlichen Umbau unserer Städte. Nix Betteln um Sanierung lausiger Radwege, sondern ganz großes Fahrradkino. Nichts weniger als das hat eine Gruppe von sehr intelligenten Leuten in Berlin einfach mal ­angedacht (volksentscheid-fahrrad.de). Deren Zehn-Punkte-Forderungen kann eigentlich jede Aktionsgruppe in jeder deutschen Stadt einfach übernehmen. Man muss nur die Zahlen ein bisschen frisieren. In Berlin sind das ganz logische, völlig einleuchtende politische Maßnahmen, für die es sicher eine breite Mehrheit geben wird, weil ja eh jeder dafür ist: „200 km zusätzliche echte Fahrradstraßen bis 2020 – fünf Meter breit und mit Vorfahrt für das Fahrrad.“ „Mindestens zwei Meter breite, asphaltierte Radwege oder -spuren bis 2020 an oder auf allen Hauptstraßen mit sicherem Abstand zu parkenden Autos.“ „100 km Radschnellwege bis 2025, die auf typischen Pendlerstrecken eine attraktive Alternative zum Auto bieten.“

Das mit den Radschnellwegen ist meine Lieblingsforderung, da ich bekanntlich gerne rase. Aber es gibt noch ein tollere Ansage, die Teil des Abstimmungspaketes werden soll: „Ausreichend Stellen für Planung und Koordination bis 2018 auf Senats- und Bezirksebene.“ Das ist bekanntlich eine Grundbedingung für die postautogene Stadt, die ich aus NL-Perspektive nur unterschreiben kann. Es sind bei uns in den Niederlanden vor allem die professionellen Radwegeplaner, die die städtische Infrastruktur ab und zu zum Genuss werden lassen.

Also, liebe VCDler: 100 regionale und lokale Initiativen zu einem städtischen oder landesbezogenen Volksentscheid Fahrrad, das müsste doch 2016 zu machen sein! Wie gesagt, einfach einen bundesweiten Startkongress organisieren, das Berliner Dokument auf die lokalen Bedingungen umschreiben, und schon können Unterschriften gesammelt werden. Alle vielleicht mit einem gemeinsamen Logo, damit wir auch bundesweit auf den Putz hauen können. Ich vermute, dann werden die Autofreunde Betonklötze staunen. Das ist so eine Art „critical mass“, aber eben mal anders und mit Stimmzettel. Und das nennen wir dann natürlich nicht Revolution oder Protest oder Bewegung. Merkwürdige Protestbewegungen gibt es im Moment genug. Die „Volksentscheide Fahrrad“ nennen wir „normale demokratische Routine“. Einfach mehrheitsfähige Vorschläge, die gute Laune machen, von ganz normalen Leuten, die sich gerne auch mal auf ein Holzfahrrad setzen.

Martin Unfried

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fairkehr 4/2019