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Kolumne 6/2015

Vom Radschnellweg zur Bikenomics

Grafik: Philipp WetzelGäbe es den RS1, könnte Grönemeyer von Bochum zu Konzerten nach Duisburg oder Dortmund radeln.

Vor fünf Jahren hatte ich in diesem Magazin eine ungewöhnliche Idee vorgestellt, nämlich den „Panorama Bikeway“, eine schnelle Fahrradtrasse in Berlin. Diese sollte, wenn möglich, viele Kreuzungen ohne Ampeln überqueren und durch die Nutzung bestehender Hochbahntrassen oder den Bau spektakulärer Fahrradbrücken glänzen. Und, was damals insbesondere zur Erheiterung beitrug, der Bikeway sollte überdacht sein mit Photovoltaik-Modulen, wegen Regen, Schnee und kalter Ohren.

Damals erlebte ich nämlich die Berliner Radinfrastruktur aus meiner niederländischen Perspektive nicht als über-, sondern eher als unterirdisch. Aber, wie das so geht mit großen Visionen, einige empfahlen mir in Sachen „Panorama Bikeway“ zum Arzt zu gehen. Manche Skeptiker meinten sogar, insbesondere der Investitionsbedarf und die Überdachung ließen bei mir auf einen Dachschaden schließen. Weit gefehlt, rufe ich heute den damaligen Skeptikern zu.

Der Gedanke an schnelle Fahrradtrassen, die einen kreuzungsfrei durch die Stadt oder ins Umland katapultieren, ist heute sogar im deutschen Mainstream angekommen. Es hat sich nämlich rumgesprochen, dass wir in NL bereits heftig mit unseren Snelfietsrouten vorangekommen sind und auch die Dänen nicht lügen, wenn sie von Kopenhagener Schnelltrassen schwärmen.

Die Idee der Radschnellwege ist in Deutschland heute eine einzigartige Chance: endlich raus aus dem Klein-Klein der täglichen Radwegeverwahrlosung. Besonders gerührt hat mich die Initiative im Ruhrgebiet zum Radschnellweg Ruhr, der im Moment auf einer Strecke von 100 Kilometern von Duisburg nach Hamm in der Planung ist. Beim Anblick der ersten modellhaften Impressionen der schicken Brücken kamen mir die Tränen. Das ist mein Bikeway!

Da lächeln sie natürlich milde in Wuppertal, wo engagierte Bürger ja schon seit Jahren an der Nordbahntrasse bauen. Die alte Bahnstrecke ist heute bereits Radschnellweg, bietet spektakuläre Aussichten und hat einige Preise eingeheimst. Und jetzt wird, nicht weit von mir entfernt, ein Radschnellweg in Aachen geplant, der grenzüberschreitend an das niederländische Netz anschließen soll. Halleluja! Auch Darmstadt, Hannover, Düsseldorf und andere checken die Machbarkeit.
Vielleicht sollte ich mal wieder mit meiner Idee der solaren Überdachung kommen. Die wiederum findet wahrscheinlich der Berliner Architekt Tim Lehmann gar nicht so crazy. Er wird momentan in Berlin als der Erfinder des Bike-Highways gefeiert, wegen seines Konzeptes eines Radschnellwegs auf einer alten S-Bahn-Trasse, auf dem man 10 Kilometer komfortabel mit dem Rad von Lichterfelde West durch Schöneberg zum Potsdamer Platz cruisen könnte. Magere fünf Millionen Euro würde der nur kosten. Bei solchen Peanuts lachen sich die Autobahnplaner kaputt. Zum Vergleich: Bei uns in NL haben die Experten der Fietssnelrouten einen nationalen Plan gefordert für den Bau von über 650 Kilometern mit einem Finanzierungsbedarf von 700 Millionen bis ins Jahr 2025.

Nun ist bekanntlich NL sehr viel kleiner als DE. Hochgerechnet auf die deutsche Situation wären das Investitionen von 3,2 Milliarden in den Bau von Bike-Highways. Und da wären wir wieder beim Dachschaden. Gut, dann bin ich es halt wieder, der Investitionen in dieser Größenordnung als Erster fordert. Aber das brummt nur, wenn wir auch den Gedanken der „Bikenomics“ in Deutschland in den nächsten Jahren etablieren.

„Bikenomics“ bedeutet: Wir können beweisen, dass diese Investitionen den üblichen Automilliarden auch ökonomisch überlegen sind. Hab leider nicht ich erfunden, sondern Kees und Siebe. Wer veranstaltet den ersten Bikenomics-Kongress in Deutschland?                                                                

Martin Unfried

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fairkehr 6/2016

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