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Kolumne 5/2015

Von der Idee zur Tat stört nur das Elektorat

Foto: Uta LinnertUnsere Freunde fahren immer noch SUV – wir haben versagt.

Paris. Klima. Endspiel. Hoffnung, ­Erfolg der Bremser. Die Enttäuschung kommt näher und da heißt es, ehrlich Bilanz ziehen, um reflektiert und besonnen der anstehenden Depression entgegentreten zu können. Keine Angst, ich will nicht aufzählen, wie trostlos die internationale Gemeinschaft die Fünf-Grad-Temperaturbereinigung anpeilt. Auch nicht, wie wählergerecht nationale Regierungen jegliche Art von Dringlichkeit verdrängen. Hier geht es um eine Bilanz der ganz persönlichen Art. Inwieweit haben Sie und ich, also VCDlerInnen, VCD-SympathisantInnen und sonstige Freunde der ökologischen Autoliste, also inwieweit haben wir die Mainstreamgesellschaft für das klimafreundliche Leben begeistern können?

Als alter Politologe weiß ich natürlich, dass zum Klimaschutz immer zwei gehören. Eine Politik, die sich traut, und eine Gesellschaft, die Mut und Weitsicht belohnt. Deshalb heute mal keine Gedanken zum Elektrorad, sondern zum Elektorat. Auch kein Politik-Bashing. Es geht um Sie und mich. Wie lebendig ist die Klimakultur wirklich im Energiewende-Deutschland, wo noch vor Kurzem die Photovoltaikmodule blühten? Die Antwort ist natürlich blowing in the wind, also ganz schön biegsam.

Erst natürlich ungeschminkt zu unserer größten Niederlage: das Elektorat im Spagat. Obwohl dem Klimaschutz in Umfragen theoretisch die Herzen gehören, wird eine Partei vom Mainstream eher nicht gewählt, wenn sie so richtig Klimaschutz macht oder dies auch nur ankündigt. Wir, die Klimaschutzliebhaber, haben also Freunde, Verwandte, Nachbarn, Bekannte und die Jungs vom Sportverein nicht wirklich rumgekriegt. Echter Klimaschutz? Das wäre eine klitzekleine ökologische Steuerreform beispielsweise mit Sprit-, Öl- und Gasverteuerung, eben die existenzielle Internalisierung der externen Kosten, weil es eh Sinn macht und der Emissionshandel versagt. Damit gewinnt man nicht die Herzen des Medien-Boulevards. Die von FAZ und Handelsblatt auch nicht. Setzt man als Partei noch eine Selbstverständlichkeit drauf, nämlich echtes Klimaschutz-Ordnungsrecht, dann ist der Absturz an der Urne sicher: Wer wählt eine Partei, die das Verbot von Kohlekraftwerken fordert, wenn dann die Energiekonzerne toben, die Strompreise für die Industrie steigen und diese mit Abwanderung droht? Und wer belohnt ein Abgraben der Braunkohlearbeitsplätze, wenn in NRW die SPD und die Gewerkschaften heulen? Wer wählt eine Partei, die ein eiskaltes Verbot von fossilen Heizungen und Isolationshaft für Altbauten fordert, wenn womöglich die Mieten steigen? Und wer wählt eine Partei, die unser Menschenrecht auf billiges Fliegen ­bedroht und dem Auto eine Spur zu viel abnimmt?

Jedenfalls reicht es nicht für eine Klimaschutz-Mehrheit im Bundestag. Ergo bedeutet das Klimaschutz mit Handbremse: Erneuerbare plus mehr Braunkohle, ein paar neue Fahrradwege plus staatliche Spritschlucker-Subventionen, Energielabel plus fehlende Sanierungsvorschriften, hüh mit ganz viel hott. Ganz ehrlich: Das entspricht dem Gemütszustand der Mehrheitsgesellschaft und ist wahrscheinlich recht demokratisch. Heißt aber leider: Wir haben versagt. Insbesondere ich, weil ich an die Kraft der Überzeugung glaube.

Jetzt zu den großen Erfolgen unserer Bemühungen um Klimakultur: die Auto-Umweltliste vom VCD. Damit habe ich vor Jahren meine Mutter überzeugt, ein Spritsparauto zu kaufen. Jetzt kommt’s: Das durfte ich diesen Sommer ausleihen. Ich fuhr nach Kroatien runter und rauf mit einem Schnitt von 3,1 Litern, vier Leuten und Gepäck. Das ist Vorsprung durch Technik mit einem Oldtimer. Der Wagen wurde vor mehr als zehn Jahren gebaut. Vor mehr als 15 Jahren entwickelt. Jetzt lese ich in der Liste, dass es nach all den Jahren zum ersten Mal wieder einen Neuwagen gibt, der auf dem Papier 3,0 Liter verbraucht. Hier also unsere zweite Niederlage in Sachen Klimaschutz: die VCD-Auto-Umweltliste. Die wirkliche Entwicklung der Fahrzeugflotte ist aus der Perspektive eines Drei-Literfahrers deprimierend. Autos haben Bluetooth, können selbstständig einparken und haben den Verbrauch im Testzyklus optimiert. Aber würde man sie an der Entwicklung im Computerbereich der letzten 30 Jahre messen, dann wären sie leider auf niedrigem Niveau stehengeblieben – irgendwo zwischen elektrischer Schreibmaschine und Atari.

Martin Unfried

Mehr von Martin Unfried auf www.oekotainment.eu

fairkehr 4/2016

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