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Kolumne 3/2015

Foto: iStockphotofairkehr-Autor Martin Unfried plant eine Frachtschiffreise nach Paris.

Klimaschiffbruch in Paris

Lange Zeit hatte ich Landratte keinen Schimmer, dass man auch weit weg vom Meer überall mit dem Schiff hinkommt. Bis ich einen lebensbejahenden Holländer kennenlernte, der in Leiden mit seiner Frau auf einem Boot lebt und nebenbei ein Freizeitkapitän ist. Seine Wohnung ist kein holländisches Hausboot, sondern ein echter alter Frachter. Der darf sogar in der historischen Altstadt von Leiden liegen, in super Lage, da der Kahn ein historisches ­Monument ist. Überraschenderweise war mein Kapitän mal mit diesem Denkmal in Maastricht zu Besuch und ankerte mit seinem Wohnzimmer an der Maas bei uns in der Innenstadt. Das war ziemlich cool, wie wir in der Sonne an Deck saßen und Weißwein schlürften. Cooler natürlich als die Ehepaare daneben auf ihren teuren Sportjachten, die – wie ich seit Jahren vom Kai aus beobachte – immer irgendwie am Putzen sind. Extra Luxus ist anscheinend anstrengend. Mit der eigenen Drei-Zimmer-Wohnung auf Reisen zu sein, ist dagegen entspannender.

Von meinem Kapitän erfuhr ich, dass es auch in Belgien und Frankreich genug Kanäle gibt, um tatsächlich fast jede Stadt zu erreichen. Sogar Paris ist von Maastricht aus mit dem Binnenschiff erreichbar, wenn auch nur mit kleineren Frachtern. Im Moment wird deshalb sogar ein neuer Kanal geplant, der Canal Nord-Seine, der die Seine mit der Schelde verbinden wird. Und dann wird Paris voraussichtlich auch für größere Frachter von Rotterdam und Antwerpen aus erreichbar sein. Ist das nicht toll! Hallo, Paris, ein Schiff wird kommen! Ist das nicht ein schönes Bild im Sinne des globalen Klimaschutzes?

en Zusammenhang muss ich kurz erklären: Ich plane ­Anfang Dezember 2015 eine spektakuläre Reise nach Paris zur Klimakonferenz der Vereinten Nationen. Wie Sie wissen, treffen sich dort nochmals die Regierungen der Welt, um endlich den Durchbruch zu erreichen. Um es noch genauer zu formulieren: Es ist fünfzehn nach zwölf, oder im Schifffahrtjargon: Das Wasser steht uns bis zur Oberkante, wir haben auf den falschen Dampfer gesetzt und die Regierungen müssen jetzt das Ruder herumreißen. Dabei habe ich ein Problem in Sachen Verkehrsmittel. Wie reise ich glaubwürdig zur ultimativen Veranstaltung zur Rettung der Welt und verknüpfe damit eine wichtige Kampagne gegen den ­klimapolitischen Schiffbruch?

Flugzeug geht aus klimatechnischen Gründen bekanntlich gar nicht. Mit dem Auto zur Klimakonferenz ist auch ziemlich albern. Mit dem Golf wäre es sogar geschmacklos, wo doch der Golfstrom bald abreißen könnte. Am elegantesten wäre es natürlich mit dem Zug. Vom nahen Lüttich würde mich der Thalys in etwas mehr als zwei Stunden zum wichtigsten globalen Ereignis des Jahrhunderts bringen. Die Schaffner servieren sogar in der ersten Klasse eine aufgewärmte Mahlzeit. Kommt leider nicht in Frage: Wer möchte sich schon mit belgischem und französischem Atomstrom in Hochgeschwindigkeit fortbewegen? Noch dazu scheint mir das Rasen intellektuell genau das ­Gegenstück zur benötigten Entschleunigung. Nur zwei Stunden Fahrt? Wir brauchen mehr Zeit zum Nachdenken, mehr Achtsamkeit, dafür weniger Wachstum, weniger Geschwindigkeit, weniger Stein- und Braunkohlestrom. Wie soll das gehen? Insbesondere in so schwierigen wie wachstumsfixierten Ländern wie China, Indien, USA und NRW? „Coal power“ heißt übrigens im Deutschen Kohlekraft.

Offensichtlich wäre eine pressetechnisch hochemotionale Fahrradkampagnenfahrt von den Braunkohlehalden bei Garz­weiler über Aachen nach Paris der Hammer. Ich könnte versuchen, die ganze Strecke freihändig zu fahren und dabei die Rio-Deklaration über Umwelt und Entwicklung zu deklamieren. Geht allerdings auch nicht, weil mein Brooks-Sattel noch nicht eingefahren ist und mein Hintern im Alter keinen Spaß mehr versteht. Bleibt also nur Paris per Boot. Vielleicht doch mit ei­nem Binnenschiff. Problem: Es muss ein super sauberer Dampfer sein. Wenn die Presse rauskriegt, was so ein fieser Frachter an Ruß und Feinstaub emittiert, bin ich komplett unglaubwürdig. Gibt es eigentlich Solarboote, die auch im Dezember funktionieren? Und wie ist es mit Segeln auf diesen Kanälen? Bläst da überhaupt ein Wind (of Change)? Gut, dass mir noch ein bisschen Zeit bleibt. Ich rufe mal den Kapitän in Leiden an.

Martin Unfried

Mehr von Martin Unfried auf www.oekotainment.eu

fairkehr 3/2016

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